Ein fast tödlicher Streit hat das Landgericht Bamberg beschäftigt. In einer Forchheimer Asylunterkunft waren zwei Männer im Oktober 2015 aneinander geraten und Jeton R., ein 34-jähriger Kosovare, hatte dabei zum Messer gegriffen. Laut Anklageschrift stand zuvor das spätere Opfer, ein 24-jähriger Syrer, vor der verschlossenen Tür zu seinem Zimmer. Der Mann klopfte mehrfach gegen die Tür. Davon wurde die Frau des Angeklagten wach, die ihren Mann aufweckte.

Der Angeklagte soll den Ruhestörer dann an der Tür zur Rede gestellt haben. Es kam zu einer Prügelei. Nach einem Faustschlag gegen die Wange des Opfers soll der Streit eskaliert sein: Der Angeklagte stach mit einem 13 Zentimeter langen Küchenmesser zwei Mal zu. Ein Stich verletzte den 24-Jährigen schwer, er musste notoperiert werden.
"Er befand sich in akuter Lebensgefahr", hieß es im Gutachten von Gerichtsmediziner Peter Betz.
Vor den Stichen habe das spätere Opfer mit einigen befreundeten Syrern deren genehmigte Aufenthaltserlaubnis gefeiert. Dabei sei auch Alkohol geflossen. Die Messerattacke kann sich der Mann, der auch Monate nach der Tat medizinisch betreut werden muss, bis heute nicht erklären.

Ludwig Wilhelm Mieth, der Verteidiger des mutmaßlichen Messerstechers, versuchte zu argumentieren, dass sein Mandant mehr oder weniger schlaftrunken war - und dieser Zustand zu der Attacke führte. Diesen Erklärungsversuch allerdings entkräftete die psychiatrische Gutachterin Susanne Eberlein. Sie attestierte, dass der Angeklagte keine Persönlichkeitsstörung habe und Schlaftrunkenheit ausgeschlossen werden könne, da in einem solchen Zustand keine so komplexe Handlung wie beim Streit und der Tat vorgenommen werden könne. Zudem habe ihr Jeton R. die Tat regelrecht bei einem Gespräch nachgespielt. Richter Manfred Schmidt verlas diese Aussagen.

Unter anderem soll der Angeklagte über die Messerattacke gesagt haben: "Ich ging rückwärts in die Küche, griff in eine Schublade und holte ein Messer heraus. Ich wollte mich wehren." Nach der Tat habe der Angeklagte die Waffe gesäubert, damit seine Frau das blutverschmierte Messer nicht sehen musste.

"Ich wollte den Syrer eigentlich nur erschrecken", schilderte er seiner Gutachterin. Vor Gericht beteuerte er zudem: "Ich bin ein Familienmensch und möchte, das so etwas nie mehr passiert." Das Opfer erlitt massive Verletzungen. Der 24-Jährige verlor viel Blut. "Einer der Stiche ging nur knapp an den großen Gefäßen vorbei", erklärte ein Mediziner im Prozess.

Gerichtsmediziner Peter Betz bestätigte die Schwere der Verletzung. Das Opfer, das über einen Liter Blut verloren hatte, wäre verblutet, wenn es nicht sofort versorgt worden wäre. Bambergs Oberstaatsanwalt Otto Heyder wertete diese Tat in seinem Plädoyer als versuchten Totschlag. Der Angeklagte habe die Tötung des Opfers durch die beiden Stiche zumindest billigend in Kauf genommen. "Auch wenn die Vollendung der Tat durch die rasche Flucht des verletzten Syrers nicht möglich war", so Heyder. Er forderte fünfeinhalb Jahre Haft.

Ganz anders dagegen stufte Anwalt Mieth die Tat ein. Sein Mandant habe lediglich eine gefährliche Körperverletzung begangen. Daher reiche eine Bewährungsstrafe aus. "Er hatte keinen Tötungsvorsatz", fügte Mieth an. In seinem Schluss-Satz erklärte der Angeklagte: "Ich entschuldige mich bei dem Geschädigten für die Verletzung. Ich wollte das nicht."

Im Anschluss verkündete Richter Schmidt das Urteil: vier Jahre und neun Monate muss Jeton R. demnach wegen versuchten Totschlags ins Gefängnis. "Bei der Tat stach der Angeklagte zwei Mal mit erheblicher Wucht zu", erklärte Schmidt. Und folgte in seiner Argumentation damit auch der Einschätzung von Oberstaatsanwalt Heyder.

"Der Angeklagte wusste sehr wohl, dass er ein Messer in der Hand hielt", stellte der Richter fest. Selbst als Jeton R. nach der Tat die Rettungsdienste rief, habe er falsche Angaben gemacht. Jeton R. blickte bei diesen Worten betroffen zu Boden. Mit Fesseln an den Füßen hörte er der Übersetzung seines Dolmetschers zu.
Auf den fünffachen Familienvater kommen nun schwere Zeiten zu. Denn er muss nicht nur für längere Zeit in Haft, sondern seine Frau und die Kinder werden am 3. Juni Richtung Kosovo abgeschoben. Ein Schicksal, das dem Angeklagten wohl auch bevorsteht: Denn es gibt Abkommen, nach denen Straftäter nach Verbüßung der Hälfte ihrer Gefängnisstrafe in ihre Heimat ausgeflogen werden können.
Allerdings überlegt der Verteidiger, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.