Mit dem sprichwörtlich blauen Auge kam ein 20-jähriger Mann aus Forchheim am Amtsgericht davon. Das Jugendschöffengericht verurteilte den Gewalttäter zu einer zweijährigen Jugendstrafe. Der Vorsitzende Richter Peter Neller und seine beiden Schöffen brauchten einige Zeit, bis klar war, dass der Angeklagte mit einer Bewährung noch eine "allerallerletzte Chance" bekommt. Dafür sind die Auflagen vergleichsweise streng.

Es wirkt wie die Szene aus einem schlechten Actionfilm, und das mitten in Eggolsheim. Mit einem Hechtsprung kommt Nick (Name geändert) mitten in der Nacht durch das Fenster, überquert das Spülbecken und landet in der Küche. Nicht ein Teller geht dabei zu Bruch, dafür aber das 50 Euro teure Fliegengitter (Sachbeschädigung). Drinnen stürzt er sich auf einen langjährigen Bekannten, der ihn partout nicht im Hause haben wollte (Hausfriedensbruch). Nick nimmt den 24-jährigen Mann in den Schwitzkasten, reißt ihn an den Haaren, dann setzt es einige Faustschläge gegen den Kopf des körperlich deutlich unterlegenen Hausbewohners (vorsätzliche Körperverletzung). Vergeblich versucht die Freundin des Opfers, den Angreifer wegzuziehen, zerreißt dabei sein T-Shirt. "Wir haben uns durch das halbe Erdgeschoss geschlägert", so der Hausbewohner. Irgendwann hört Nick auf, keiner weiß warum. Wie sich herausstellt, ist Nick ausgerastet, weil ihm sein Bekannter bestimmte Rechte für ein Computerspiel nicht geben wollte. Es ging nicht um Geld oder Gefühle, sondern nur um ein Spiel.

Nick ist der Polizei bereits seit sechs Jahren bekannt

Nächster Schauplatz: Eigentlich ist das Rauchen auf dem Gelände eines Logistikzentrums untersagt. Doch Nick und seine Kollegen nutzten eine kleine Pause, um im toten Winkel vor der Tür eine Zigarette zu rauchen. Dabei gerät er mit einem von ihnen, einem 19-jährigen Türken aus Nürnberg, in Streit. Erst spuckt Nick ihn an, dann beschimpft er ihn übel (Beleidigung). Einen Faustschlag kann sein Gegenüber noch abwehren (versuchte Körperverletzung). Auch ein geworfener Bauzaun-Fuß aus Hartgummi mit rund 14 Kilogramm verfehlt sein Ziel (versuchte gefährliche Körperverletzung). Erst ein etwa 30 Zentimeter langes Aluminiumrohr, das die Eingangstüre offenhalten soll und das Nick dem davonlaufenden Kollegen hinterherschleudert, trifft diesen am Hinterkopf (gefährliche Körperverletzung). Glücklicherweise bleiben schwerere Verletzungen aus, Schmerzen und eine Schädelprellung aber sind die Folge.

"Sie suchen krankhaft Streit", konstatierte der Richter. Dass Nick ein Gewaltproblem habe, wie Richter Neller feststellte, zeigte sich an einem weniger dramatischen Vorfall im Königsbad. Dort "verwechselt" Nick die Türen und steht plötzlich in der Frauen-Dusche. Dort erhascht sein Blick eine fast völlig nackte 25-jährige Frau aus Erlangen. Die kann ihrerseits sehen, was seine heruntergerutschte Badehose preisgibt. Doch dabei bleibt es. Er geht wieder hinaus. Später trifft er sie an den Spinden wieder. "Er kam sehr nahe an mich heran und fragte, ob ich auf meine Mama warte. In dem Moment hatte ich Angst", sagte die Zeugin vor Gericht. Schließlich ruft sie nach dem Bademeister, woraufhin Nick sein wahres Gesicht zeigt. Weil er die Deutsche für eine Türkin hält, pöbelt er sie an (Beleidigung).

Im Laufe der letzten sechs Jahre hatte sich so einiges angesammelt. Nick war bereits wegen Unterschlagung, Diebstahls, mehreren Körperverletzungen, Hausfriedensbruchs und einiger Sachbeschädigungen aufgefallen. So beschmierte er vor zwei Jahren die Turnhalle des Ehrenbürg-Gymnasiums und ein Auto auf dem benachbarten Parkplatz mit weißer Farbe. Wenig später verschaffte er sich mit zwei Kumpanen Zutritt zu einer Kellerwohnung im Süden Forchheims und griff einen der Bewohner an. Schließlich wählte er von seiner eigenen Wohnung in Forchheim aus den Notruf und erklärte unter einem falschen Namen, auf der Autobahn seien Reifen in Brand geraten. Auch diese Taten sind durch eine Gesamtstrafenbildung in das aktuelle Urteil mit den Vorfällen aus dem Juli und November 2019 sowie dem Mai 2020 eingepreist. Staatsanwältin Stefanie Zettelmeier hatte Nick wegen der "wahnsinnigen Rückfallgeschwindigkeit" für 26 Monate ins Jugendgefängnis schicken wollen. Und beinahe wäre es auch so gekommen.

Mann muss in mehrmonatige sozialtherapeutische Behandlung

Für die Chance mit der Bewährung, die er auch seinem Verteidiger Stefan Kohler aus Forchheim verdankt, muss Nick allerdings einige Auflagen erfüllen. Erstens muss er zwei Wochen Warnschussarrest absitzen, entweder in der Jugendarrestanstalt Würzburg oder Nürnberg. "Das ist ein Denkzettel, damit Sie merken, dass Schicht im Schacht ist", erklärte Richter Neller. Ein Freizeitarrest am Wochenende reichte dem Jugendschöffengericht nicht mehr aus. Zweitens muss er sich einer mehrmonatigen sozialtherapeutischen Behandlung unterziehen. Die wird an der Fachambulanz für Gewaltstraftäter in Nürnberg angeboten. Auch hier schien ein Anti-Aggressions-Training als nicht ausreichend. Drittens muss er 100 Stunden gemeinnütziger Arbeit beim Arbeiterwohlfahrt-Fachdienst Forchheim ableisten. Viertens muss er sich einen sozialversicherungspflichtigen Arbeits- oder Ausbildungsplatz suchen. Bei all dem soll Nick ein Bewährungshelfer zur Seite stehen.