Von Kirchehrenbach nach Stuttgart - für Dorothee Pieger ist das nicht einfach nur ein Weg, sondern ein Riesensprung. Gewagt hat sie ihn im Jahr 2016. Die damals 21-Jährige hatte gerade ihr Studium als Bauingenieurin abgeschlossen, als sie ein Angebot der Deutschen Bahn annahm. Und damit ihr Berufsleben auf einer der umstrittensten Baustellen Deutschlands begann.

Gehört hatte Dorothee Pieger von Stuttgart 21 natürlich schon während des Studiums. Doch erst mit ihrer Bewerbung habe sie begonnen, sich mit den gigantischen Ausmaßen dieses Projektes zu beschäftigen.

Stuttgart 21 sei ja viel mehr als ein Bahnhofsneubau, betont die 25-Jährige im Telefon-Interview mit dem FT. Dieses Projekt stehe für die komplette Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart. Vier neue Bahnhöfe entstehen, 57 Kilometer neue Schienenwege, 59 Kilometer Tunnelröhren 16 Tunnel und Durchlässe, 44 Brücken...

Dorothee Pieger ist eine von 6000, die das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm vorantreiben. Darunter Mineure, Geologen, Eisenbieger, Planer, Ingenieure, Kaufleute oder Biologen. Und was macht die 25-Jährige aus Kirchehrenbach?

"Das werde ich immer wieder gefragt, es ist schwer zu erklären." Sie sei an einer "Schnittstelle" tätig und habe gleichermaßen mit Behörden, Anwohnern, Planern, Baufirmen und mit der Baustellenkoordination zu tun. Seit viereinhalb Jahren prüft die junge Ingenieurin Bau- und Statik-Pläne, beauftragt Baufirmen und Planungsbüros und leistet auch Aufklärungsarbeit.

An den Tagen der offenen Baustelle überwiege die Begeisterung der Menschen, erzählt die Ingenieurin. "Aber es gibt immer auch solche, die ihrem Ärger Luft machen oder alles blöd finden." Die Zeit der harten Proteste sei jedoch vorüber. Zwar seien noch wöchentlich in der Stuttgarter Innenstadt die Montagsdemonstrationen zu beobachten; aber die Geschichten älterer Kollegen, die von Anfeindungen erzählen, gehörten glücklicherweise der Vergangenheit an. "Allerdings gibt es immer noch Leute, die meinen, man könnte Stuttgart 21 stoppen."

So sehr Dorothee Pieger die "Protestkultur in Stuttgart" schätzt, so sehr kämpft sie auch gegen die "vielen Halbwahrheiten" an, die mit dem 8,2-Milliarden-Euro-Projekt verbunden seien. Da gebe es etwa die "fast schon klassische Behauptung" mit den Milliarden-Investitionen würde lediglich der Bahnhof in Stuttgart umgebaut.

Polaritäten bleiben

"Das Ganze polarisiert noch immer", stellt Dorothee Pieger fest. Für sie nachvollziehbar bleiben die Proteste einiger Umweltschützer. "Natürlich greifen wir in die Natur ein. Aber es gibt ja glücklicherweise ein Gesetz in Deutschland, das einen Ausgleich der Flächen garantiert. Und man muss sehen, was hier geschaffen wird. Ein riesiger Kopfbahnhof wie in Stuttgart ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Es ist gut, dass sich da intelligente Leute Gedanken gemacht haben."

21 - die Zahl ist übrigens kein Hinweis darauf, dass das Projekt im kommenden Jahr abgeschlossen sein könnte. Die Zahl steht für das 21. Jahrhundert, dessen verkehrstechnischen Erfordernissen der Bahnknotenpunkt gerecht werden will.

Noch fünf Jahre...

Unter anderem wegen der heftigen Proteste in den Anfangsjahren hat sich die Fertigstellung verzögert. Für die Projektingenieurin aus Kirchehrenbach bedeutet das weitere spannende Arbeitsjahre in Stuttgart. Eine nicht gerade alltägliche Perspektive in diesem von Männern dominierten Beruf. Auf ihrer aktuellen Baustelle, dem Tunnel Ober- und Untertürkheim, sei ihr in der ganzen Zeit "eine einzige Bauleiterin über den Weg gelaufen", sagt Pieger. An ihrer Leidenschaft für den Ingenieurberuf ändert es nichts. "Ich kann meinen Job gut machen. Wenn es um das Know-how geht, spüre ich keinen Unterschied", sagt Dorothee Pieger und freut sich auf fünf weitere Jahre Stuttgart 21.