Hunderte Bilder hängen an den Wänden des Archivs, doch ein Bild ist höher gehängt als alle anderen. Es zeigt die Schwarz-weiß-Fotografie eines Mannes, der bei Weber & Ott Kultstatus genießt: Der Herr mit Schnurrbart ist Heinrich Hornschuch.

Die älteste Tochter von Konrad Ott hatte den Geschäftsmann aus Abtswind (Unterfranken) 1861 geheiratet; von da an brachte Christian Heinrich Hornschuch eine einzigartige Dynamik in das Unternehmen und entwickelte es zu einem Familien-Imperium, das phasenweise bis zu 10 000 Arbeiter in ganz Bayern beschäftigte.


Sagenhafter Aufstieg

Wer etwas über den sagenhaften Aufstieg und Niedergang der Weberei in Fürth und Forchheim erfahren will, der muss Henrik Soldan und Peter Kupfer in ihrem Archiv in der Konrad-Ott-Straße 1 besuchen. Der 84-jährige Soldan, Urenkel von Hornschuch, war bis 1979 Vorstandsmitglied, und der 86-jährige Kupfer, der einstige Generalbevollmächtigte, brachte es auf 50 Firmenjahre bei Weber & Ott. Zwei Jahre haben die beiden am Aufbau des Archivs gearbeitet, das heute von Lydia Händel verwaltet wird. Die Kauffrau war lange die rechte Hand des Generalbevollmächtigten.

Bevor das Duo Soldan/Kupfer mit dem Archivieren begann, stellten sie einen riesigen Tisch in der Firma auf. Darauf wurde alles geladen, was sich an historischem Material fand. Von Personal-Bögen, über Fotos, Nähmaschinen, Gehaltslisten, Verträgen bis hin zu Zeltplanen oder Weberschiffchen.


14-facher Vater

Peter Kupfer blättert in einem prallen Ordner. Das verschriflichte Archiv in fünf Teilen. Wer etwas über die Produktion seit dem Jahre 1834 wissen will, über die Familienchronik, über die Grundstücksverhältnisse oder über die Nachbarbetriebe - Henrik Soldan und Peter Kupfer können die Vergangenheit der Firmengeschichte über Nummernschlüssel und Stichworte zugänglich machen.

Als der 14-fache Vater Heinrich Hornschuch 1912 starb, hinterließ er ein Firmengeflecht mit 5000 Webstühlen und doppelt so vielen Mitarbeitern. "Eine seiner großen Leistungen bestand darin, dass er den Übergang von der Zeit der Handweberei zum modernen Webstuhl meisterte", sagt Henrik Soldan. Der Urenkel schildert Heinrich Hornschuch nicht nur als findigen Geschäftsmann; er hatte auch ein Gespür für soziale Belange: Eine Betriebskrankenkasse, Firmen-Wohnungen oder ein Kinderhaus, wo die arbeitenden Mütter den Nachwuchs lassen konnten - all dies hat der Firmenpatriarch bereits im 19.Jahrhundert organisiert.


Forchheim im Geschichtsbuch

Peter Kupfer bringt den Namen "Hornschuch" zudem mit einen Ereignis in Zusammenhang, das Forchheim in die Geschichtsbücher brachte. Heinrich Hornschuch hatte nach dem Ausscheiden von Konrad Ott die Leitung der Firma übernommen und demonstrierte 1883 einmal mehr seinen innovativen Geist: Er wollte die junge Erfindung des Telefons nutzen und setzte sich hartnäckig für eine Sondergenehmigung ein.

So entstand die 34 Kilometer lange Draht-Leitung zwischen den Standorten in Forchheim und Fürth. "Alle reden von der ersten deutschen Eisenbahn, die zwischen Fürth und Nürnberg fuhr. Doch die erste deutsche Überlandleitung gab es zwischen Forchheim und Fürth", vermerkt Peter Kupfer stolz.

Aber auch Hornschuchs Kinder und deren Ehepartner bewiesen Geschick. Vor allem als es darum ging, das Weberei-Geschäft um das Konfektionieren zu erweitern, betont Lydia Händel. Nachdem Babette Hornschuch Georg Soldan geheiratet hatte, trieb der das Konfektionieren von Zeltplanen, Hemden und Rucksäcken voran. Während des Ersten Weltkriegs hatte Weber & Ott dadurch viele Aufträge der Wehrmacht. Später war man auch mal Olympia-Ausstatter.


"Harter Kampf"

Die Bilder im Firmen-Archiv dokumentieren, wie breit Weber & Ott einst aufgestellt war: Neben den Webern wurden Fachkräfte in einer Schlosserei, in der Lehrlingsschule oder im hauseigenen Wasserkraftwerk beschäftigt.
Als in den 70er Jahren der "harte Kampf" (Henrik Soldan) gegen die Billiglohn-Politik in Fernost einsetzte, "hielten wir anfangs dagegen, indem wir noch modernere Maschinen einkauften", erinnert Peter Kupfer. "So gelang es, das Aushängeschild Deutschlandfertigung noch in den 70er Jahren zu halten", sagt Lydia Händel.
Immerhin noch 20 Jahre schaffte es Weber & Ott in Forchheim zu weben. Der letzte Webstuhl wurde 1992 verkauft. Heute lebt das Unternehmen ausschließlich von der Konfektion.