Vor 70 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Neben den schrecklichen Erlebnissen entwickelten sich oft unbemerkt auch innige menschliche Verbindungen, die bis heute Bestand haben. So wie die Geschichte von Natalia Pantak aus Polen.

Sie war mit ihren 15 Jahren 1941 aus Bedzin bei Kattowitz als zwangsverpflichtete Erntehelferin nach Gosberg gekommen; als eine von Millionen Menschen, die als Zwangsarbeiter ihre Heimat verlassen haben müssen. Auf den Höfen von Johann Kraus und Maria Heilmann lebte sie bis 1945 in Gosberg.

Trostlose Betonsiedlung

Auch nach ihrer Rückkehr in die polnische Heimat riss die Verbindung ins Frankenland nie ganz ab. Jetzt reiste Richard Heilmann aus Gosberg nach Polen. Der Enkel Maria Heilmanns wollte Natalia Pantak besuchen und zudem das Grab seines Großvaters ausfindig machen, der in Ostpolen gefallen ist.


"Mein Vater hatte immer vor, diese Reise zu machen, aber seine Gesundheit ließ es nicht zu", sagt Richard Heilmann. Natalia Pantak hatte er bereits 1983 bei deren Besuch in Gosberg kennengelernt. Sie war zur Silberhochzeit seiner Eltern Andreas und Maria Heilmann gekommen.

Die weite Fahrt nach Bedzin verläuft problemlos. Richard findet Natalia, die mittlerweile 89 Jahre alt ist, in einem trostlosen Betonplattenbauten. Dort wohnt sie mit ihrem Sohn Zbyszek, der seine Frau bei einem Verkehrsunfall vor einem Jahr verloren hat. Sie weint bei der Begrüßung vor Freude. "Richard... heiliga Mutta Gottes", stößt sie bewegt hervor. "Die beiden leben dort wirklich in sehr einfachen Verhältnissen", fasst Heilmann seinen ersten Eindruck zusammen. 350 Euro monatliche Rente müssen reichen, davon gehen noch 160 Euro für die 50 Quadratmeter große Wohnung ab.

Vom mitgebrachten Bohnenkaffee will Heilmann gleich eine Tasse machen. "Natalia, wo ist deine Kaffeemaschine?", fragt er. "Hob ich keine, mach ma einfach heiß Wasser nei", antwortet die 89-Jährige.

Das Heimweh war stärker

Ihre Deutschkenntnisse verblüffen Richard, auch den Dialekt von Gosberg hat sie in manchen Ausdrücken bewahrt.

Es kann nicht ausbleiben, dass Natalia in Gedanken eine Reise in die Vergangenheit unternimmt. Sie denkt daran zurück, wie sie zuerst bei Johann und Frieda Kraus gearbeitet hat. Auch Hausnamen wie Frieda Roppel hat sie noch parat. Sie erzählt, wie sie vom Heuwagen gefallen ist und im Krankenhaus Forchheim behandelt wurde. Dort habe Frieda sie immer wieder besucht. Später kam Natalia Pantak auf den Hof von Maria Heilmann, die Richards Großmutter ist. Auf beiden Höfen sei es ihr gut gegangen, sie habe sich wohlgefühlt. Für sie war dies auch der Grund, den Kontakt auch später nie abreißen zu lassen.

Sie erinnert sich noch daran, dass auf dem Hof Götz eine weitere Polin namens Franziska gearbeitet hat. Stanislaus, der ebenfalls aus Polen kam, habe dagegen auf den Höfen Eismann und Schmitt gearbeitet. Der damalige Gemeindediener Josef Maderer ist ihr in guter Erinnerung. Dann wird sie wieder nachdenklich: "Reas sagte zu mir nach dem Kriegsende, Natalia, bleib bei uns in Gosberg." Reas, das war der Rufname von Richards Vater Andreas Heilmann.

Aber das Heimweh der jungen Frau war stärker. Mit 20 Jahren kehrte sie zurück nach Polen. Jetzt kramt sie in ihren Bildern, findet ein 70 Jahre altes Kommunionbild von Richard Heilmanns Vater. Sie erinnert sich an fast alle Namen. "Lebt die Frieda noch, lebt die Delphina noch, lebt der Bürgermeister noch?", will sie wissen. Sie selbst hat unter schwierigen Verhältnissen drei Kinder erzogen. Besonders stolz ist sie auf Tochter Dunata. Diese ist Stadträtin in Skiernievice, einer Stadt mit 50 000 Einwohnern, 200 Kilometer entfernt.

Am Grab des Großvaters

Das ist auch das nächste Reiseziel von Richard. Dunata bestätigt die enge Verbindung ihrer Mutter Natalia nach Gosberg. "Sie hat vor einem Jahre tagelang geweint, als sie erfuhr, dass dein Vater Andreas starb", erzählt sie. Dunatas Mann Jakub begleitet Richard zum letzten Ziel seiner Reise. Es ist die Region um Lublin in Ostpolen.
Vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge hatte Richard Heilmann Unterlagen über den betreffenden Soldatenfriedhof in Pulawy erhalten.

Sie treffen dort einen Veteranen, einen Oberst der polnischen Armee. Er kann ihnen weiterhelfen. Heilmann steht später tatsächlich am Grab seines gefallenen Opas. Er steht an einem Ort, wo der Tod keinen Unterschied mehr macht, ob einer Deutscher ist, Pole, Italiener oder Russe. Hier geht Richard Heilmanns Reise in die Vergangenheit zu Ende.