Uralte Balken, windschiefes Fachwerk - ein Hexenhäuschen!? Rauch zieht durch die Ritzen nach außen, tanzt in der frischen Herbstluft, kitzelt die Nase. Es riecht nach Holzfeuer. Die Tür knarzt, als sie aufgestoßen wird. Keine Hexe, ein Mann in blauer Latzhose schaut heraus. Er winkt die Neugierigen herbei: "Nur her! Nur rei'!"

Kopf vorsichtshalber einziehen - die Tür ist nicht allzu hoch. Wohlige Wärme empfängt einen. Der Blaumann stellt sich als Bernhard Roppelt, genannt Schulles, vor - "Schulles wie Schultheiß, weil ich im alten Schultheißhaus wohn'". Er steht am einzigen Tisch im Raum, vor ihm liegt ein längliches Gitter aus dunklem Holz. Roppelt stemmt eine große Kiste mit Zwetschgen in die Höhe. Mit Bedacht lässt er die Früchte auf das Holzgitter kullern. Er mustert sie kritisch, fährt sacht mit den Handflächen darüber, sortiert eingedellte Früchte aus. Er rüttelt noch einmal am Gitter: "Sie müssen schön nebeneinander liegen."

Der 61-Jährige dreht sich um. Hinter ihm ist ein großes Fenster in eine steinerne Zwischenwand eingelassen, verschlossen mit einem dunklen Holzladen. Roppelt schiebt den Eisenriegel zurück. Das Fenster öffnet sich und gibt den Blick frei in einen schwarzen Schlund - den Dörrofen.

Mitten im "fränkischen Bermuda-Dreieck" liegt Schnaid. In dem kleinen Dorf bei Hirschaid hält Bernhard Roppelt eine uralte Tradition am Leben: das Trocknen von Obst, fränkisch "Därren" genannt. Früher brachte Dörrobst die Menschen über den langen Winter, in dem sie nicht viel Frisches zu beißen bekamen. Die nötigen Vitamine zum Leben gaben ihnen unter anderem Birnen und Zwetschgen, die eine Zeitlang trockener Hitze - nicht Rauch! - ausgesetzt waren. Das Därren bewahrte ihren Geschmack und einen Großteil ihrer Vitalstoffe.

"Früher war die Gegend hier eine Hochregion für Obst. Es gab auf allen größeren Höfen eine Därre." Erst, als Obst ganzjährig importiert werden konnte, wurde das Dörren überflüssig, die Dörrhäuschen zerfielen. Dass das alte Handwerk in Schnaid noch praktiziert wird, ist der Leidenschaft der Roppelts für heimisches Obst zu verdanken. In Sichtweite des beliebten oberfränkischen "Kreuzbergs" mit seinen drei Biergärten pflegt die Familie einige Streuobstbestände.

Alte, rar gewordene Kirsch-, Apfel- und Birnensorten gehören dazu. Bernhard Roppelt hat die Liebe zum "Gelben Richard", "Freiherr von Berlepsch", "Brettacher", "Grahams" und zur "Bocksflasch'n" von seiner Mutter Maria geerbt; ebenso das Interesse für fränkisches Brauchtum wie das Dörren. Das ums Jahr 1900 aus gebrauchtem Holz erbaute Fachwerkhäuschen wollte Roppelt nicht weiter verfallen lassen. Also entrümpelte und renovierte er es: "Onkel Franz hat den Bogen über dem ebenerdigen Ofen wieder aufgemauert, ein Zimmermann hat den Dachstuhl erneuert."

Seither ist die 1,8 Meter lange Feuerstelle mit steinernem Dunstabzug jeden Herbst Treffpunkt von Nostalgikern, Genießern und Franken-Fans. Sobald Zwetschgen und Birnen reif sind - "richtig reif!" -, schürt Bernhard Roppelt den Ofen an. Über Nacht lässt er ein wenig Hartholz glimmen, am nächsten Früh heizt er nach. Sobald die Temperatur in der Trockenkammer auf 80 bis 90 Grad gestiegen ist, holt "der Schulles" die Dörrgitter. 30 Stück nennt er sein Eigen, allesamt von einem Korbflechter handgefertigt aus reißfester Schwarzerle und Eiche. "Fünf Zentner Obst passen in die Trockenkammer." Gitter für Gitter schiebt der Franke auf die rußgeschwärzten Balken über dem Feuergewölbe. Dann schließt er das Fenster.

Nach einer Stunde öffnet er es zur ersten Kontrolle. Wie glänzende Kastanien sehen die Zwetschgen jetzt aus. Vorsichtig angelt Roppelt ein paar Probiererli aus dem Ofen. "Spitzle abbeißen und Inhalt rauszüllen!" Welch ein Geschmackserlebnis! Warmer, süßer Fruchtbrei quillt aus der leicht verrauchten Schale. Unglaublich lecker!

Erst nach rund 24 Stunden werden die Früchte runzelig geworden sein, ein Großteil ihrer Flüssigkeit verdampft. "Dann hol' ich sie aus dem Ofen raus. Ich mach' sie nicht knüppelhart", sagt Roppelt, "sondern so, dass man sie noch gut abbeißen kann."

Ob als Zutat für Braten, Brot oder Müsli - oder ganz modern als "Energy-Balls": Hutzeln sind vielseitig verwendbar. "Am besten schmecken sie in Kombination mit den flüssigen Gaben der Region", meint "der Schulles" augenzwinkernd und mit Blick auf "geistreiche" Flaschen. Nun wird klar: Wenn sein Freund Josef Körner (Kommunale Allianz Drei-Franken-Eck) vom "fränkischen Bermuda-Dreieck" spricht, meint er keineswegs ein Niemandsland. Sondern eine Gegend, in der Genießer gern untertauchen...