Die eine wünscht sich gerade jetzt einen Partner an der Seite, der andere hofft auf mehr Freiraum nach geteilter Zeit in den eigenen vier Wänden. Die Corona-Pandemie kann Schwierigkeiten für Singles, aber auch für Paare mit sich bringen. Stefanie Löber ist Heilpraktikerin für Psychotherapie sowie Kinder-, Jugend- und Familienberaterin. In ihrer Praxis in Forchheim empfängt sie Alleinstehende, Paare und Familien. Ihr Schwerpunkt liegt in der Behandlung von Angststörungen, depressiven Erkrankungen und Partnerschaftsproblemen. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen und Einschätzungen, wie die Corona-Krise das Leben von Singles und Paaren verändert.

Ist es derzeit schwieriger, potenzielle Partner kennenzulernen, weil Bars, Kneipen etc. geschlossen sind?

Stefanie Löber: So pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Das "Kennenlernen" ist nicht schwieriger geworden. Die Suche nach einem potenziellen Partner hat sich doch schon in den letzten Jahren ins Internet verlagert. Nur das Verabreden, also das persönliche Treffen, ist schwieriger geworden, denn man kann sich nun einfach nicht mehr auf ein Bier oder Wein in der Bar treffen. Das heißt, hier sind andere, kreativere Ideen gefordert.

Inwiefern?

Das Gefühl von Gemeinsamkeit muss jetzt über entsprechende Plattformen (Skype, Zoom o.ä.) virtuell organisiert werden. Beispielsweise besorgt man sich für das virtuelle Treffen den gleichen Wein oder holt sich sein Essen vom Lieblingsitaliener und genießt es gemeinsam online.

Was könnte sich in der Partnerschaft oder bei der -suche durch die Corona-Einschränkungen ändern?

Ich glaube, wir merken gerade, wie wichtig ein anderer Mensch oder Gesellschaft ganz allgemein ist, dass man nicht alleine sein möchte. Man sucht gemeinsame Gespräche, man möchte seine Gedanken mit jemandem austauschen können. Und gleichzeitig ist man zu Kompromissen in der Partnerschaft bereit, man bemüht sich eher umeinander.

Ist das in Ihrer Arbeit als Therapeutin ein Thema, das stärker aufgekommen ist? Dass Klienten weniger schnell mit Trennungsgedanken spielen, wenn es Probleme gibt?

Ja und nein. Ob Corona hier nun tatsächlich Einfluss nimmt, kann ich nicht sagen. Stress in Beziehungen gab und gibt es immer, zu allen Zeiten. Aber natürlich kommen sowieso nur die Paare zu mir in die Praxis, die etwas ändern wollen, weil etwas in ihrer Beziehung nicht in Ordnung ist.

Inwiefern hat sich die Partnersuche in den vergangenen Jahren verändert?

Früher sind wir einfach losgezogen, in die Disko oder ins Lokal. Hat man jemanden gesehen, der einem gefiel, hat man Blickkontakt aufgenommen und allen Mut zusammengenommen und denjenigen angesprochen. Heute findet die Partnersuche häufiger über entsprechende Dating Portale im Internet statt. Man vertraut eher einem mathematischen Algorithmus als seinem Bauchgefühl.

Haben Sie das im Laufe der Jahre rückgemeldet bekommen?

Ja, sowohl in Gesprächen hier in der Praxis als auch im Freundes- oder Familienkreis.

Gibt es denn gerade bei Paaren neue Arten von Problemen, mit denen diese auf Sie zukommen? Der Satz "Wir sehen uns ja gar nicht mehr", dürfte es wohl eher weniger sein.

Da haben Sie recht, womöglich sieht man sich jetzt zu viel. Es ist schwieriger geworden, Zeit für sich zu finden. Das wird durch die Kontaktbeschränkung natürlich noch verstärkt.

Eigentlich sind es keine neuen Probleme, aber die "alten" treten mehr in den Vordergrund. Hier in der Praxis erlebe ich, dass die Frauen wieder mehr damit beschäftigt sind sich "freizustrampeln". Viele Aufgaben rund um Haushalt, Schule und Organisation des Familienalltags sind ganz automatisch und wie selbstverständlich wieder auf die Frau übergegangen, trotz ihrer eigenen beruflichen Belastung. Und das führt natürlich zu Konflikten.

Nehmen Paare solche neuen Situationen als Anlass, um sich an Sie zu wenden?

Ja, durchaus. Doch nicht nur in den Paargesprächen, sondern auch in den Einzelgesprächen finden sich Themen wie zu viel Stress, insbesondere durch doppelte Belastung, mangelnde Anerkennung, zu wenig Hilfe und Unterstützung, zu wenig Selbstbestimmung.

Ich bin aber auch der Meinung, dass wir Corona als Chance begreifen und nutzen können. Sich um sich selbst zu kümmern, das eigene Wohlbefinden im Auge zu haben, sich seiner Abhängigkeiten bewusst zu sein, die Bereitschaft Konflikte zu lösen, halte ich für wichtige Voraussetzungen für eine gelingende Partnerschaft.

Was würden Sie jetzt jemandem raten, der fragt, wie er oder sie damit anfangen soll?

Meine erste Empfehlung wäre, sich wieder mehr auf sich selbst zu konzentrieren. Sind die vielen Aktivitäten, die wir nicht machen konnten und auch aktuell nicht machen können, wirklich so wichtig?

Die zweite Empfehlung wäre, sich die Zeit zu nehmen und das Jahr noch einmal Revue passieren zu lassen. Unterstützend können Sie sich die folgenden Fragen stellen: Was haben Sie erreicht - beruflich und privat? Was nehmen sie Positives aus dem Jahr mit und wollen sie bewahren? Aus den Antworten ergeben sich die für Sie wichtigen Dinge, die Sie in 2021 dann weiter voranbringen können.

Das Gespräch führte Mirjam Stumpf.