Die Frage, in welchen Branchen im Landkreis sich ein Fachkräftemangel besonders bemerkbar mache, beantwortet Kreishandwerksmeister Werner Oppel bereits, ohne sie bis zum Schluss gehört zu haben: "In allen." Vom Hoch- bis zum Tiefbau, überall fehlen ausgebildete Kräfte. Er selbst suche für seinen Betrieb bereits seit über einem Jahr. Ohne Erfolg. "Der Trend geht nicht mehr zum dualen System, sondern zum Studium", so Oppel.

Nicht nur im Handwerk, auch in anderen Bereichen ist man auf der Suche. Matthias Bertholdt ist Geschäftsführender Gesellschafter des Ingenieurbüros Amcad Menz & Partner mit Sitz in Langensendelbach. Das Unternehmen, das sich mit neuen innovativen Mitteln auf verschiedene Bereiche innerhalb von Bauprojekten spezialisiert hat, sei schon länger auf der Suche nach Fachkräften. "Unabhängig von Corona-Zeiten suchen wir jemanden vom technischen Zeichner bis zum Ingenieur für Technische Gebäudeausrüstung", sagt er, bestenfalls mit Berufserfahrung. In Schulen oder auf Jobbörsen habe man unter anderem bereits auf sich aufmerksam gemacht.

Fachkräftemangel im Kreis Forchheim: Viele Lehrstellen blieben unbesetzt

Bertholdt kann darüber, warum sich so wenige Arbeitnehmer bei seiner Firma in besagten Fachbereichen bewerben, nur Vermutungen anstellen. Ist es die Scheu, vielleicht auch umzuziehen? Bequemlichkeit, sich neu einarbeiten zu müssen?

Michael Waasner, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des IHK-Gremiums Forchheim, weiß: "Trotz der Corona-Pandemie ist die Zahl der unbesetzten Lehrstellen deutlich gestiegen, auch die Fachkräftelücke ist sehr hoch, Tendenz mittelfristig steigend."

Die größten Lücken finde man zum einen bei den gewerblich-technischen Berufen, zum zweiten bei den Berufen, für die höhere Qualifikationen benötigt werden und bei Berufen, die aufgrund der Arbeitszeiten, etwa am Abend oder am Wochenende, nicht so beliebt sind, so Waasner weiter. Er nennt hier etwa IT- und Elektro-Berufe, Forschungs-, Entwicklungs- und Konstruktionsberufe oder Berufe in der Energietechnik und im Maschinenbau, der Unternehmensorganisation, aber auch Berufe in der Gastronomie und im Verkauf sowie Berufskraftfahrer.

Forchheim: In allen handwerklichen Betrieben fehlen Kräfte

Insgesamt sei von 2009 bis 2019 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Kreis Forchheim gestiegen. Besonders groß seien die Zuwächse dabei im Transportwesen (Zunahme um 1.010 Beschäftigte), im Sozialwesen (Zunahmen um 761) und im Einzelhandel (Zunahme um 608) gewesen, so Waasner.

Aber auch das Gesundheitswesen, das Ausbaugewerbe, die Hersteller von Nahrungsmitteln, die öffentliche Verwaltung und das Unterrichtswesen hätten in diesem Zeitraum einen Zuwachs von jeweils mehr als 300 Mitarbeitern verzeichnet. Trotz dem gibt es Lücken.

Wie sieht es bei den Berufsanfängern aus? "Seit 2012 hat sich der Arbeitsmarkt im Landkreis Forchheim zugunsten der Jugendlichen entwickelt", sagt Matthias Klar, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Bamberg-Coburg.

Ende September seien etwa 100 Jugendliche auf 120 Lehrstellen gekommen. Forchheim profitiere hier auch von der Nähe zu größeren Städten wie Erlangen oder Nürnberg. "Und die Betriebe wissen: Die beste Fachkraft, die ich kriegen kann, bilde ich selbst aus", so Klar.

Jugendliche hätten die Wahlfreiheit

Die Kurzarbeit, auf die vor allem im Frühjahr viele Betriebe zurückgegriffen hätten, sei auch ein probates Mittel, um sich die Fachkräfte zu halten. Im Landkreis waren im Juni, das entspreche dem aktuellsten Stand, 486 Betriebe in Kurzarbeit, davon waren 4102 Mitarbeiter betroffen, sagt Klar. So käme man auf 12,6 Prozent aller Beschäftigten in Kurzarbeit. Das könne man als einen guten Wert betrachten.

Klar erzählt davon, dass es während des ersten Lockdowns vermehrt Anrufe bei der Agentur für Arbeit gegeben habe: Von Firmen, die auf der Suche nach entlassenen Arbeitnehmern gewesen waren, beispielsweise aus dem Elektrobereich. "Viele Anrufer mussten wir allerdings enttäuschen", sagt Klar, eben weil viele den Weg der Kurzarbeit gewählt hatten.

Darauf, dass sich durch die Krise der ein oder andere dazu entscheidet, wieder zurück zum Handwerk zu gehen, hofft insgesamt auch Handwerksmeister Werner Oppel. Zumal die Löhne inzwischen wesentlich besser seien als noch vor zehn Jahren. "Früher stand das Geldverdienen an erster Stelle. Heute ist vielen die Freizeit wichtiger", vermutet er.

Viele Schulabgänger haben sich 2020 für weiterführende Schulen sowie Hochschulen und Universitäten entschieden und damit auf das vermeintlich sichere Pferd gesetzt, sagt der IHK-Vizepräsident Michael Waasner. Allerdings finde Präsenzunterricht derzeit kaum oder gar nicht statt, was gerade Studienanfängern erhebliche Probleme bereite.

"Auf der anderen Seite blieben 2020 im Landkreis Forchheim so viele Ausbildungsplätze wie nie zuvor unbesetzt, obwohl die betriebliche Ausbildung fast ausnahmslos ohne größere Einschränkung stattfinden kann", so Waasner.

Ausbildung angestrebt

Gesellschafter Bertholdt ist 2004 nach seiner eigenen Ausbildung zur Firma gekommen. Er habe über die Jahre den Eindruck bekommen, dass junge Menschen vor gut 15 Jahren eine Ausbildung beispielsweise nicht so schnell abgebrochen haben "Die haben sich durchgebissen", sagt er.

Eine Ausbildung sei in der Firma zurzeit nicht möglich. "Je weniger erfahrene Leute ich habe, desto weniger kann ich ausbilden", begründet er. Denn Lehrlinge sollen auch eine qualitative Ausbildung erhalten. Trotzdem sei eine Ausbildung auf lange Sicht wieder in Planung. "Es ist definitiv etwas, das wir anstreben."