Der Landtagsabgeordnete Sebastian Körber (FDP) aus Forchheim ist einer der großen Antreiber der bayerischen Queer-Bewegung. Ein erster Erfolg war die Anhörung des queeren Aktionsplanes; nach Ostern sollte ein entsprechendes Antragspaket seinen Weg ins Plenum des Landtags finden. Corona verzögert zwar die Debatte, doch Körber hofft, dass die Staatsregierung bald umsetzten werde, was an queeren Ideen in der Bevölkerung schon weitgehend akzeptiert sei.

Wie hoch ist Ihrer Meinung nach der queere Anteil einer Gesellschaft?

Sebastian Körber: Der Anteil liegt so etwa zwischen sieben und zehn Prozent.

Was hat Sie bewogen, im Dezember mit den Grünen Abgeordneten Florian Siekmann und Jürgen Mistol die erste queere Parlamentariergruppe zu gründen?

Unser Ziel ist es, die Sichtbarkeit und damit die Akzeptanz queerer Menschen zu erhöhen, gerade auch im Parlament und vorbildhaft auch Politiker. Damit die Queer-Bewegung Kraft auf der Straße bekommt und überall sichtbar wird, habe ich mich auch gemeinsam mit Alexander Putz, dem FDP-Oberbürgermeister von Landshut und den Kollegen von FDP und Grünen vor Ort, für den CSD (Christopher Street Day, Anmerkung der Redaktion) in Landshut eingesetzt. Ich setze mich auch dafür ein, dass in Oberfranken ein oder zwei CSDs stattfinden.

Woran wird deutlich, dass dies Akzeptanz gegenüber Schwulen, Lesben und sexuell anders Orientierten unzureichend ist?

Solange "schwul" noch ein Schimpfwort ist, ist es auch um die gesellschaftliche Akzeptanz von Transgendern sowie Homo- Bi-, Trans- und Intersexuellen in Bayern noch nicht allzu gut bestellt. Unser Ziel ist es einen diesbezüglichen Aktionsplan ins Leben zu rufen. Die Expertenanhörung, die das queere Thema auf die politische Agenda gesetzt hatte, war daher ein richtiger und wichtiger erster Schritt.

Die sexuelle Orientierung eines Menschen ist etwas sehr Persönliches. Widerspricht das nicht dem Anliegen, die sexuellen Vorlieben einer bestimmten Gruppe öffentlich zu machen, etwa beim CSD oder durch den "queeren Aktionsplan für Bayern", den Ihre schwule Parlamentarier-Gruppe fordert?

Wir brauchen die Sichtbarkeit um zu zeigen, dass es normal ist verschieden zu sein. Es genügt nicht, dass queere Menschen toleriert werden, das Akzeptieren ist wichtig.

Fühlen Sie diese Akzeptanz bei den CSD-Paraden?

Ganz eindeutig ja. Da werden wir von Menschen gesehen, für die dieses Thema sonst keine Rolle spielt, Familien mit Kindern zum Beispiel und viele ältere Menschen. Ich erinnere mich an ein sehr konservativ wirkendes Paar in Tracht, dem ich vom Wagen runter Aufkleber, Flyer und Kondome übergeben habe. An den freundlichen Reaktionen merkt man, dass diese Werbung für die queere Bewegung ankommt und zwar positiv. Die Aufkleber "Queen" und "King" haben sie sich dann sogar umgehend gegenseitig aufgeklebt.

Wie ist die Unterstützung Ihres Aktionsplanes unter den nicht-schwulen und nicht-lesbischen Mandatsträgern?

In der eigenen Partei werde ich sehr unterstützt. Etwa wenn es um das Adoptionsrecht für schwule Paare geht. Auch bei der SPD und den Grünen ist die Unterstützung sehr gut. Die Junge Union ist in der Queer-Frage bereits deutlich weiter als die CSU, aber bei der CSU selbst und bei den Freien Wähler tut man sich schwer.

Woran machen Sie das fest?

Die Partei-Programmatik in der CSU deckt das Thema nicht ab.

Die Forderung nach einem queeren Aktionsplan für Bayern, wie er in allen anderen Bundesländern in Deutschland übrigens vorliegt, findet bei Freien Wählern und CSU leider keinen Anklang.

Wenn zehn Prozent der Bevölkerung queer ist, dürfte die Staatsregierung an dem Thema nicht vorbeikommen.

Im Koalitionsvertrag ist nichts zu queeren Themen zu lesen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Bayerische Bevölkerung hier sehr weiter ist in der Akzeptanzfrage, als die Staatsregierung. Leider. Gerade die CSU sieht hier wohl ihr Markenthema des Konservatismus in Gefahr und glaubt sich da raushalten zu müssen. Bayerns Familien sind aber viel bunter, als es im Wahlprogramm der CSU steht.

Was wäre ein sichtbares Zeichen, dass sich die Regierung nicht mehr raushält?

Wenn die Regenbogen-Flagge, das Erkennungszeichen der queeren Bewegung, am Landtag und den Staatsministerien während des CSDs gehisst würde, wie in anderen Bundesländern. In Forchheim gibt es die Flagge schon im Kleinen an den Eingangstüren mancher Läden. Bei Rewe zum Beispiel, das ist ein queerfreundliches Unternehmen, die sich so wie etwa Siemens, Deutsche Bahn, Allianz oder BMW mit eigenen Wägen und auch einem "Diversitiy-Management" für queere Mitarbeiter innerhalb der Unternehmen sehr positiv aufstellen.

Vermissen Sie die Offenheit, sich zu bekennen in Ihrem Forchheimer Umfeld?

Es ist eine Frage des Selbstbewusstseins, aber auch eine sehr private Angelegenheit, wie man damit umgeht. Es geht ja nicht darum, dass schwule Männer händchenhaltend durch die Hauptstraße gehen oder sich öffentlich küssen. Es geht darum, dass gerade Jugendliche, die bei dem Thema noch unsicher sind, die Möglichkeit zur Information und Aufklärung finden. Daher plädiere ich für eine Queer-Beratungsstelle im Landkreis Forchheim. Und auch dafür, dass das Thema in den Schulbüchern auftaucht. Warum sollen dort nicht auch Bilder von schwulen oder lesbischen Paaren zu sehen sein, die auf einer Parkbank nebeneinandersitzen? Wenn es um die Rechte der Queeren Personen geht, brauchen wir einen proaktiveren Umgang und mehr Resonanz. Es ist Zeit, sich bei dem Thema ehrlich zu machen und sich für Akzeptanz einzusetzen, denn es ist eben normal, verschieden zu sein. Das Interview führte Ekkehard Roepert