Eine Liste mit den Adressen aller Bekannten und Verwandten, die aus dem Urlaub aus dem sonnigen Italien oder dem hohen Norden Deutschlands eine Ansichtskarte erhalten sollten, wurde vor wenigen Jahren noch im Urlaubskoffer verstaut. Schließlich wollte man einen Gruß senden und den Empfänger auch ein bisschen an der Urlaubsstimmung teilhaben lassen. "Heute informiert man sich über E-Mail oder sendet eine elektronische Ansichtskarte und hängt ein paar Fotos an", sagt der Forchheimer Stadtarchivar Rainer Kestler. Die Ansichtskarte feiert heuer ihren 150. Geburtstag. Die Post in Norddeutschland führte ein, dass sich Menschen gegenseitig Postkarten schicken konnten. Damals stand der Krieg vor der Tür und Deutschland machte gegen Frankreich mobil. Die Menschen konnten mit den Karten Mut und Zuversicht übermitteln. Die erste Ansichtskarte mit Bildmotiv verschickte der Oldenburger Drucker und Verleger August Schwartz an seine Schwiegereltern nach Magdeburg. Auf seiner Karte war ein Artillerist gezeichnet. 1871 verkaufte die Post Ansichts- und Glückwunschkarten, und ein Jahr später stellte die Post auch von privat hergestellte Motivkarten zu. Die älteste Ansichtskarte, die Rainer Kestler im Archiv hat, stammt aus dem Jahr 1898 und war eine Geburtstagskarte, auf der die Hauptstraße abgebildet ist. Das war bereits eine Fotografie, allerdings nicht koloriert. "Die Karten zeigen die Schwerpunkte in Forchheim", weiß Kestler. So sind unterschiedliche Motive auf den Karten aus den Jahren 1900, 1903, 1910 oder 1927. Auf einer der Karten ist das Nürnberger Tor zu sehen, auf einer anderen das Herder-Gymnasium, der Bahnhof, zum Teil auch Firmen wie die Weberei oder Spinnerei oder die westliche Seite der Festung und die alte Regnitzbrücke.

Schätze übergeben

Diese Karten haben Bürger in Forchheim von ihren Verwandten oder Freunden erhalten und diesen Schatz Rainer Kestler übergeben. "Man hat zum Geburtstag gratuliert oder geschrieben, dass man zum Annafest kommen wird. Das Annafest war etwas Besonderes", erzählt Kestler. Denn zu dem Volksfest kamen vor allem viele Auswanderer aus Kanada oder Australien in die Heimat zurück.

Annafest-Motive

Eine Karte,die das Annafest als Motiv hat, kam aus München. Verwandte schrieben sie. Dass es einem gutgehe, dass man den Bruder oder die Schwester grüßen solle, war meist Inhalt der Karten. "Mit den Karten wurden Nachrichten überbracht, zu jedem Anlass", erklärt Kestler. War jemand an einem Wallfahrtsort unterwegs oder in einer anderen Stadt oder gar im Ausland, wurde eine Ansichtskarte gekauft und mit Grüßen verschickt. Die Ansichtskarten der frühen Jahre sind noch in altdeutscher Schrift geschrieben. "Das muss man entziffern können", sagt Kestler. Denn nicht jeder hat gestochen scharf geschrieben. Auch damals hatte jeder sein eignes Schriftbild und so mancher hat auch geschmiert. Vor allem in den 50er Jahren, als die Menschen ihren Urlaub in Spanien, Italien oder Portugal verbrachten, wurden viele Urlaubskarten versendet - und das dauerte. "Da war man oft schon wieder zu Hause, ist die Ansichtskarte erst angekommen", erzählt Kestler schmunzelnd über den langen Postweg der Karte. Da ist das Versenden einer SMS oder elektronischer Urlaubskarte wesentlich schneller, aber auch schneller im virtuellen Papierkorb, während gedruckte Karten eher aufgehoben werden.

Geschichte eines Ortes

Für den Stadtarchivar Rainer Kestler ist das Aufbewahren dieser Karten sehr wichtig, nicht nur weil es die Aufgabe eines Stadtarchivars ist. "Es ist auch die Geschichte eines Ortes", betont Keslter, "man sieht die Veränderungen. Das ist für die späteren Generationen wichtig, um zu sehen, wie es früher ausgesehen hat." Zu sehen ist das etwa auch der ersten farbigen Ansichtskarte aus dem Jahr 1902 mit dem Annafest als Motiv. Wie hat sich das Fest im Laufe der Jahre verändert? Wie die Fahrgeschäfte? Diese Veränderungen sind auch auf den Karten kleiner Ortschaften im Landkreis Forchheim zu sehen. Die Einzelhändler hatten schon vor Jahrzehnten Ansichtskarten mit Sehenswürdigkeiten aus ihrem Ort drucken lassen, auch Armin Wölfel aus Gräfenberg oder besser bereits dessen Eltern. "Zwei Ansichten habe ich noch im Sortiment. Sie zeigen das historische Rathaus", sagt Wölfel. Die Karten werden noch immer gekauft", verrät Wölfel. Zwar sind sie nicht der große Renner im Laden, aber noch immer verschicken einige Touristen ihre Urlaubsgrüße auf gedruckten Karten.