Zwei Euro sechsundsechzig. "Dies ist der Betrag, der einem Hartz-IV-Empfänger pro Monat für Neuanschaffungen zur Verfügung steht", erklärt Peter Ehmann, Leiter des Caritasverbandes in Forchheim. Müsste jemand eine Waschmaschine für 350 Euro auf diesem Weg finanzieren, würde das fast elf Jahre dauern.

"In dieser Zeit darf aber nichts anderes kaputt gehen", erklärt Werner Lorenz, Leiter der Sozialen Beratungsstelle der Caritas. Dort häufen sich die Fälle, bei denen Hartz-IV-Empfänger ihre Stromkosten nicht mehr bezahlen können. Obwohl sie jeden Monat eine Abschlagszahlung von 30 Euro an den Energieversorger zu überweisen haben. Auch dieser Betrag ist gesetzlich vorgegeben. "Aber diese Regelsätze stimmen hinten und vorne nicht", klagt Ehmann. Er findet: "Das ist Betrug an den Familien." In Stadt und Landkreis Forchheim seien rund 1400 Bedarfsgemeinschaften betroffen.


Allein im ersten Quartal 2013 seien die Strompreise um 18 Prozent gestiegen. Der Regelsatz für einen allein lebenden Hartz-IV-Empfänger dagegen sei seit 2008 gleich geblieben. Erst heuer wurde dieser Betrag um 21 Euro auf 382 Euro angehoben. Damit soll der Betroffene den kompletten Lebensunterhalt inklusive Energiekosten, Haushaltsgeräten, Bildung und Gesundheit bestreiten.

"Unmöglich", kritisiert Peter Ehmann, denn die Sozialverbände hätten nachgewiesen, dass die Basisdaten nicht stimmten. So gehe die Statistik, die Bemessungsgrundlage für den Lebensunterhalt Bedürftiger, davon aus, dass ein allein Lebender rund 1350 Kilowattstunden Strom benötigt. "Zugrunde gelegt wurde dabei der Verbrauch eines Normalverbrauchers, der tagsüber zur Arbeit geht", erklärt Ehmann.

Ohne Schuld in Finanznot

Seine logische Folgerung: Menschen, die tagsüber zuhause sind brauchen mehr Strom. In der Zeitschrift "Caritas spezial" mahnt der Bundesverband, dass bei einem Hartz-IV-Empfänger die Unterdeckung beim Strom bereits 27 Prozent beträgt. Ehmann: "Das sind 9,26 Euro, die ein Betroffener monatlich zwangsläufig an Schulden anhäuft. Ohne eigene Schuld." Dabei seien Steigerungen der Verbrauchsgebühren auf Grund der Energie-Einspeisungs-Vergütungen und der Durchleitungs-Entgelte nicht berücksichtigt.

"Die Fortsetzung der Schuldenspirale, die nicht selten zu einem wahren Schuldenstrudel führt, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt" warnt Caritas-Chef Ehmann. Da verpufft nur allzu oft die vom Ministerium für Umweltschutz ins Leben gerufene Energieberatung. "Wer sich keine neuen, energieeffizienten Geräte leisten kann, muss mit den Stromfressern vorlieb nehmen. Und produziert Kosten, die er nicht bezahlen kann", macht Ehmann deutlich.

Energiespar-Check

Deshalb führen Werner Lorenz und seine Mitarbeiter seit Jahren bei den Hartz-IV-Empfängern kostenlose Energiespar-Checks durch. Mit beachtlichen Ergebnissen: "Während ein neuer Kühlschrank einen Energieverbrauch von 85 Kilowattstunden pro Jahr hat, fanden wir Geräte, die 400 Kilowattstunden verbrauchten. Bei einem anderen Kühlschrank lag die Tiefsttemperatur bei neun Grad. Viel zu warm", erläutert Lorenz.

Deshalb rief der Caritasverband Forchheim eine Abwrackprämie ins Leben. Das Ergebnis: "Die Betroffenen haben für 40 000 Euro kostenlos Energiesparlampen, Schalterleisten und Dimmer bekommen. Pro Haushalt war das eine Soforthilfe von 70 Euro", verdeutlicht Lorenz. Hochgerechnet auf den Energieverbrauch bedeute dies eine Einsparung von einer Viertel Million Euro, rechnet Lorenz vor. Er fordert eine kostenlose Energiesparberatung für alle, Sonderposten für Einmal-Anschaffungen und Beratungsstellen für Menschen in finanziellen Schwierigkeiten.

Desaster ist programmiert

Doch auch hier steckt der Teufel im Detail. Sozialamt oder Jobcenter, seien nicht verpflichtet, Nachzahlungen bei der Stromrechnung zu übernehmen. Wenn ja, müsse das geliehene Geld vom Mindestsatz, also vom Existenzminimum zurückbezahlt werden. Aber nicht in Mini-Raten zu 2,66 Euro. "Dieses Geld fehlt im nächsten Jahr, weshalb ein neues Defizit programmiert ist", weiß Caritas-Geschäftsführer Peter Ehmann.

Er fordert: "Endlich reelle Bemessungskriterien für die Grundsicherung. Von den 3664 Kilowattstunden, die eine Bedarfsgemeinschaft bei uns verbraucht hat, waren nur 2000 Kilowatt durch den Regelsatz gedeckt." Und die Stromkosten sind schließlich nur ein Aspekt. Hinzu kommen die Heizkosten, wobei auch hier die Verbraucher auf den Kosten sitzen blieben. "Entweder muss der Mieter die Kosten für eine verbesserte Dämmung des Hauses über den Mietpreis mitbezahlen, oder er heizt zu den Fenstern und den Türen hinaus", sagt Lorenz.