Als salomonisch könnte man das Urteil bezeichnen, dass Barbara Richter-Zeininger im "Sichelschwinger-Prozess" am Montag im Nürnberger Landgericht gesprochen hat. Der 50-jährige Heßdorfer muss nicht hinter schwedische Gardinen. Stattdessen soll er sich im Rahmen einer eineinhalbjährigen Bewährungsstrafe von seiner psychischen Erkrankung wieder erholen.
Die Richterin folgte damit nicht dem Antrag des Staatsanwaltes, der auf versuchten Totschlag und eine längere Freiheitsstrafe plädiert hatte. Stattdessen verurteilte sie den Mann wegen versuchter schwerer Körperverletzung. Allerdings verband Barbara Richter-Zeininger das Urteil mit einer langen Bewährungsdauer und zahlreichen Bewährungsauflagen.
Im Sommer vergangenen Jahres waren Ärzte, Kollegen und Polizisten zu dem Haus des 50-Jährigen in einem Ortsteil von Heßdorf geeilt, um den Mann vor einer möglichen Selbsttötung zu bewahren. Weil der Angeklagte keine Anstalten machte, ins Krankenhaus mitzukommen, drohte ein Polizist mit dem Einsatz der Spezialeinheit.


Zwei Schüsse in die Brust

Daraufhin rastete der 50-Jährige aus und polterte mit einer originalverpackten Gartensichel zur Haustür. Im Garten stürmte der Angeklagte schließlich trotz eines Warnschusses auf einen 44-jährigen Polizeibeamten aus Herzogenaurach zu. Als auch zwei Schüsse auf Hand und Fuß den Mann nicht bremsen konnten, feuerte der Beamte zweimal auf die Brust des Angreifers. Der Angeklagte schwebte nach den Schüssen in Lebensgefahr. Nach der Genesung musste er in der geschlossenen Psychiatrie auf den viertägigen Prozess warten.
In der Urteilsbegründung betonte die Richterin, dass der Angeklagte durch die schweren Schussverletzungen für sein Verhalten schon genug bestraft worden sei. Außerdem erinnerte Barbara Richter-Zeininger an den Polizisten, an dem dieser Einsatz ebenfalls nicht spurlos vorübergegangen sei. Zugunsten des Angeklagten wies die Richterin darauf hin, dass ein Gutachter während des Prozesses zu dem Urteil gekommen sei, dass die originalverpackte Gartensichel zur Tötung des Beamten nicht besonders geeignet gewesen wäre.
Sie hielt dem Angeklagten auch zugute, dass er trotz seiner psychischen Erkrankung weder vorbestraft noch jemals zuvor aggressiv geworden sei. Außerdem habe sich der Mann an dem fatalen Sommertag im vergangenen Jahr eindeutig in einer Ausnahmesituation befunden. Durch die Drohung des Polizisten mit dem Spezialkommando habe sich der 50-Jährige in die Enge getrieben gefühlt.
Genauso eindeutig betonte die Richterin, dass der Angeklagte trotzdem nicht das Recht habe, auf Menschen, die ihm helfen wollen, mit Gewalt loszugehen. Ärzte, Kollegen und Polizisten hätten guten Grund zu der Befürchtung gehabt, dass sich der Mann aufgrund seiner psychischen Probleme in einer akuten Suizidgefahr befinde. Die Polizei sei verpflichtet, in solchen Fällen zu helfen.
Mit der Gartensichel den Polizisten töten, das habe der Angeklagte allerdings nicht gewollt, betonte die Richterin. Damit widersprach sie den Ausführungen des Staatsanwaltes, der bis zuletzt auf versuchten Totschlag plädierte.
Uwe Lukat zeigte sich dagegen über das Urteil hoch erfreut. Der Verteidiger aus Erlangen hatte sich darum bemüht, dass sein Mandant in eine betreute Wohngruppe in seinem Heimatlandkreis Erlangen-Höchstadt ziehen kann.
Die Richterin verband das relativ milde Urteil mit einer langen, fünfjährigen Bewährungszeit. Darin machte sie dem 50-Jährigen zur Auflage, dass er regelmäßig einen Arzt konsultieren und die verschriebenen Medikamente einnehmen muss. Nach einer kleinen Warnung ("Wir haben Sie im Auge") blickte das Gericht zum Schluss der Verhandlung zuversichtlich nach vorne. Man sei hoffnungsfroh, dass sich der Mann in Zukunft korrekt auch gegenüber Helfern verhalten werde. Beide Seiten verzichteten nach der Urteilsbegründung auf ihren Revisionsanspruch. Damit ist das Urteil rechtskräftig.