Er wirkt schon fast ein bisschen melancholisch, der Archäologe Marco Goldhausen, als er am Mittwochnachmittag nochmal über das Ausgrabungsgelände am Schloss geht. Immerhin hat er mit seinem Team zweieinhalb Monate hier verbracht, und Erstaunliches aus der Geschichte der Stadt Herzogenaurach ans Tageslicht gefördert.

Es wurden steinerne Zeugen aus dem 15. Jahrhundert freigelegt, aber auch viele, noch wesentlich ältere Spuren aus dem 12. Jahrhundert gefunden. Aus einer Zeit, als aus dem erstmals 1002 erwähnten Flecken Uraha langsam eine mittelalterliche Siedlung wurde. Damals stand hier eine Burg, und Spuren des Bauwerks konnten nach dem Abbruch des Rathauses nun freigelegt werden. Der Bergfried respektive Turm tauchte auf, wenigstens sein Fundament, und auch die Burgmauer war noch in großen Teilen vorhanden, vor allem die Jüngere aus dem 15. Jahrhundert.

Deren Steinquader wecken nach der Ausgrabung und einer genauen Analyse Spekulationen bei dem erfahrenen Berliner Archäologen. Denn die Steine sind von unterschiedlicher Beschaffenheit: Die Westseite der Mauer, also die Außenseite, hat nachweislich gelitten, während die Innenseite glatt geschliffen ist - so wie die Steine im 15. Jahrhundert im Normalfall gewesen sind. Was aber steckt dahinter, fragte sich Goldhausen. Gibt es einen triftigen Grund? "Man muss sich schon fragen, was damals passiert ist." Möglich wäre, dass ein Sturm auf die Burg stattgefunden hat, vermutet der Experte. Und dass dort dann etwas geschehen ist, das Auswirkungen auf die Zukunft hatte. Ein Teil des Schlosses sei schließlich im 15. Jahrhundert gebaut worden. Vielleicht hatten es damals ja die Markgrafen aus Preußen oder die Burggrafen aus Nürnberg auf die Herzogenauracher Burg abgesehen.

Belagerung der Burg

Marco Goldhausen hat aber noch weitere Entdeckungen gemacht, die ihn nachdenken lassen. Offenbar hat es schon im 12. Jahrhundert ähnliche Zwischenfälle gegeben - eine Belagerung der Burg und der damaligen städtischen Kleinsiedlung sei denkbar. Der Archäologe macht das an Funden von Scherben und Knochen fest, die aus dieser Zeit stammen und die er im Innenhof der Burg, also im Bereich des Bergfrieds, gefunden hat. Und zwar zahlreich.

"Die Leute müssen den Müll aus dem Fenster geworfen haben", mutmaßt Goldhausen. Das aber mache man nicht ohne Grund, wenn es sich um einen Bereich im Innern handelt. Man möge sich vorstellen, wie es da gestunken hat. Schon deshalb wurde schon eher der Burggraben zur Müllkippe. Aber niemand würde doch den Müll in seinen Vorgarten kippen.

In Herzogenaurach, inmitten der damaligen Wasserburg aus dem zwölften Jahrhundert, aber war es offenbar anders. Für Goldhausen ein Indiz, dass der Burgfried, also der Turm, dauerhaft bewohnt war. Und das wohl gezwungenermaßen über eine längere Zeit hinweg, in der er nicht verlassen werden konnte. Deshalb fanden sich wohl auch die vielen Überreste aus dem zwölften Jahrhundert - gewissermaßen aus dem Fenster geworfen.

Und der Grund des Ganzen? "Auch hier muss es, als Konrad der Staufer die Burgen gebaut hat, Konflikte gegeben haben", meint der Archäologe. Die Menschen in Herzogenaurach konnten den Turm nicht verlassen, um den Müll weiter draußen zu entsorgen. Oder aber, die Ablagerungen mitten in ihrem Lebensraum geschahen aus purer Faulheit. Für Goldhausen ist das aber nicht vorstellbar.

Der Forensiker der Vergangenheit - so hat Goldhausen die Archäologen mal selbst bezeichnet - hält schon eher kriegerische Auseinandersetzungen für wahrscheinlich, Konflikte eben, wie er es nennt. Denn damals seien in kurzer Zeit bis zu fünfzig Burgen gebaut worden - warum so viele?

Und als er diese Worte sagt, wird Dr. phil Marco Goldhausen, M.A., Archäologe und Kulturanthroploge, schon wieder nachdenklich. Denn zur gleichen Zeit, also im zwölften Jahrhundert, muss es ja auch schon die erste Ursiedlung der späteren Stadt Herzogenaurach gegeben haben - und zwar dort gelegen, wo jetzt auch der Kern der Altstadt ist.

"Wir würden was finden"

Goldhausen ist überzeugt, "dass wir dort was finden." Wenn man denn gerufen würde. Diese Funde jedenfalls "wären wichtig für die Stadtgeschichte". Einmal noch wird das Team Goldhausen auch zum Schlossplatz kommen. Ein paar Restflächen müssen noch untersucht werden. All das bis jetzt gefundene und frei gelegte Mauerwerk ist für die Nachwelt sorgfältig dokumentiert worden - es wurde fotografiert, gescannt, gemalt. Das uralte Original aber verschwindet wieder im Erdboden, die Denkmäler werden verfüllt. Und dann braucht der Neubau des Rathauses Platz in der Tiefe für seinen geräumigen Keller. Das ist dann das endgültige Aus für die alten Steine.

Die Bauarbeiten zur Errichtung des neuen Rathauses gehen am 21. Oktober weiter.