Knapp einen Monat nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan haben Forschende der Uni Erlangen Handlungsempfehlungen ausgesprochen. "In den vergangenen Wochen verfolgte die Welt voller Entsetzen die rasante Machtübernahme der Taliban in Afghanistan", berichtet die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) am Montag (13. September 2021). 

Die Einnahme Kabuls habe Betroffenheit seitens der internationalen Gemeinschaft ausgelöst -  "mehr noch: Ratlosigkeit". Das Team des Forschungsbereichs Migration, Flucht und Integration (MFI) der FAU habe deshalb "konkrete politische kurz- und mittelfristige Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträgerinnen und -träger auf verschiedenen Governance-Ebenen" formuliert.

Umgang mit afghanischen Geflüchteten: Erlanger Forschende zeigen "erste Lösungswege" auf

Am 27. August endete die sogenannte "Luftbrücke” der deutschen Bundeswehr, so die Uni weiter. Während ihrer Evakuierungsmission flog die Bundeswehr über 5000 Menschen aus Afghanistan aus, mehr als 10.000 Ausreisegesuche sind weiterhin beim Auswärtigen Amt registriert. Laut Schätzungen des UNHCR sei mit bis zu 500.000 weiteren afghanischen Geflüchteten in den kommenden Monaten zu rechnen. Angesichts anders gelagerter Voraussetzungen würden sich die Fluchtzuwanderungen von 2015 und 2016 aber vermutlich nicht wiederholen, teilt der MFI mit.

"Dennoch wird der Umgang mit afghanischen Geflüchteten und die ihnen gegenüber gelebte Verantwortung entscheidend davon abhängen, welche Lehren die Akteurinnen und Akteure auf internationaler Ebene, der Europäischen Union und ihrer Mitgliedstaaten aus der Fluchtzuwanderung der jüngsten Vergangenheit ziehen werden", erläutert das Erlanger Forschungsteam in seiner Pressemitteilung. 
 
Die Handlungsempfehlungen des MFI versuchen laut eigenen Angaben erste Lösungswege aufzuzeigen und Vorschläge für den Umgang mit afghanischen Geflüchteten auf unterschiedlichen Ebenen zu unterbreiten. "Bei unseren Handlungsempfehlungen steht das Plädoyer im Vordergrund, kohärente, transparente und kooperative Ansätze in der Flüchtlings- und Migrationspolitik zu finden, die den Schutz von Menschenleben in den Fokus nehmen und ein schnelles Handeln ermöglichen“, erklärt Prof. Dr. Petra Bendel, Stellvertretende Vorsitzende des FAU-eigenen Center for Human Rights Erlangen-Nürnberg (CHREN) und Leiterin des Forschungsteams des MFI. 

Politische Handlungsempfehlungen für Entscheidungsträger gedacht

Die politischen Handlungsempfehlungen seien für Entscheidungsträgerinnen und -träger der internationalen Ebene, der EU-Ebene, der bundesrepublikanischen Ebene sowie den Ebenen der Länder und Kommunen gedacht. "Wir haben jeweils kurz- und mittelfristige Handlungsempfehlungen formuliert und diese in 20 Kernbotschaften zusammengefasst“, sagt Bendel.

Darunter fallen demnach etwa Bereiche wie die Finanzierung humanitärer Hilfe, Gewährleistung der Rechte und Integrationschancen von Flüchtlingen und die Unterstützung der Aufnahmestaaten, die Weiterentwicklung von Aufnahmeprogrammen auf EU-Ebene und des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems GEAS, Aussetzung von Abschiebungen nach Afghanistan oder bedarfs- und ressourcengerechte Gestaltung der Verteilung von Schutzsuchenden auf die Kommunen mithilfe passgenauer Matchingverfahren.
 
Zugriff auf die vollständigen Handlungsempfehlungen "Chancen für eine gemeinsame Flüchtlingspolitik ergreifen! Empfehlungen zum Schutz von Afghan:innen auf verschiedenen politischen Ebenen“ ist über die entsprechende Webseite der Uni Erlangen möglich.

Passend zum Thema: Die Taliban marschieren in Kabul ein und die Politik wird auf dem falschen Fuß erwischt. Wer jetzt nicht schnell helfe, sondern genervt abwinke, mache sich mitschuldig am Massenmord, meint unser Kommentator.