Zum Ende des Schuljahres wird der Pädagoge und Schulleiter des Förderzentrums in Höchstadt, Lothar Giehl, in den Ruhestand verabschiedet. Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählt er von seiner Arbeit speziell im Bereich der Sonderpädagogik, über den Wandel der Schule, ein bisschen aus seinem Leben, aber auch von seinen Wünschen für die Zukunft.


Warum haben Sie den Lehrberuf gewählt?
Lothar Giehl: Um die Wartezeit für das angedachte Psychologiestudium zu überbrücken und da Weltreisen nach dem Abitur 1971 noch nicht angesagt waren, habe ich ein Pädagogikstudium in Nürnberg begonnen und bin dabei geblieben.
Bei einem Seminartag lernte ich die "Sonderschulen" kennen und mir war klar, dass mein Berufswunsch in diese Richtung geht.

Was zog Sie an die Don-Bosco-Schule in Höchstadt?
Nachdem meine erste Dienststelle, die Ludwig-Thoma-Schule in Herzogenaurach, aufgelöst wurde, hatte ich die Wahl zwischen Förderschulen in Erlangen und in Höchstadt. Damals war ich neben meiner Lehrertätigkeit schon Fachberater Sport für Förderschulen. Die guten Voraussetzungen im Bereich Sport in Höchstadt und die Aussage des damaligen Schulleiters Herrn Schwägerl, dass er mich gerne an seiner Schule hätte, gaben den Ausschlag für Höchstadt.

Die Don-Bosco-Schule ist eine Förderschule - wo sehen Sie die Vorteile einer solchen Schule für die Kinder und für die Eltern?
Die Entwicklung der Sonderpädagogik in Bayern von der Hilfsschule zur Sonderschule bis hin zum Sonderpädagogischen Förderzentrum beinhaltet nicht nur die Namenswechsel für eine Schulart, sondern auch einen Wechsel der Inhalte.
Gab es früher eine verpflichtende Überweisung an eine Sonderschule, wenn der Volksschüler die Lernziele dort nicht erreichte, so sind die Förderschulen heute Angebotsschulen als Alternative zur allgemeinen Schule für Schüler mit einem besonderen Förderbedarf. Die Entscheidung über Besuch "allgemeine Schule" oder "Förderzentrum" liegt bei den Erziehungsberechtigten.
Speziell ausgebildete Lehrkräfte fördern und unterrichten die Schüler individuell. Ziel der Förderung ist stets ein möglicher und dann möglichst erfolgreicher Regelschulbesuch. Gleichzeitig sehen wir uns auch als Förderort für Schüler, die an unserer Schule bleiben und ihren Abschluss machen. Hierbei verfolgen wir das Ziel über eine spezielle Berufsorientierung in unseren Oberstufenklassen, um unsere Schüler in Berufs- und Arbeitsleben sowie in die Gesellschaft zu integrieren. Eine enge Zusammenarbeit ermöglicht den Eltern ein klares Bild über den Entwicklungsstand ihres Kindes und eine gemeinsame Planung der weiteren Schullaufbahn.

Was gefällt Ihnen an der Don-Bosco-Schule Höchstadt?
Da ist als Erstes das Schulklima zu nennen. Wir bemühen uns sehr um einen wertschätzenden Umgang mit den Schülern, den Eltern und im Kollegium. Wir möchten eine Schule sein, in der man gerne lernt und arbeitet. Dann gefallen mir die individuellen Persönlichkeiten unserer Schüler, ihre Art, etwas zurückzugeben, wenn man sie unterstützt, ihre oft unverblümte Neugier und ihr Stolz, wenn sie etwas geschafft haben. Des Weiteren ist es unser Bemühen, neben ihrer Förderung auch das Selbstwertgefühl unserer Schülern durch vielfältige Möglichkeiten der Mitgestaltung des Schullebens, der Übernahme von Verantwortung für andere und des Entdeckens eigener Fähigkeiten bei Projekten usw. zu stärken.
Auch der Kontakt zu Eltern und Schülern bei den gemeinsamen Spiel- und Bewegungsangeboten an unserer Schule war für mich jedes Mal sehr gewinnbringend. Es ist auch die Bereitschaft des tollen Elternbeirates und vieler Eltern, sich an und für die Schule zu engagieren, eigene Ideen einzubringen und auch mit kritischen Nachfragen zur Weiterentwicklung der Schule beizutragen.
Jeden Tag sehe ich gerne, wie sehr sich das Erscheinungsbild der Schule außen und innen durch die Gestaltungsideen und die aktive Umsetzung unserer Schüler und der Lehrkräfte verändert hat, sich stets weiter verändert und ein fröhliches und farbenfrohes Bild zeigt. Unser "Grünes Klassenzimmer" ist eine besondere Wohlfühloase.
Es gibt natürlich auch Erfahrungen, die mich als Schulleiter nicht so glücklich machen. Dies sind vor allem die Verunsicherung und Betroffenheit unserer Schüler, wenn sie gelegentlich von Schülern anderer Schulen an den Bushaltestellen und in den Bussen wegen ihres Schulbesuches an der Don-Bosco-Schule beleidigt und beschimpft werden.
Auch wird es Eltern nicht leicht gemacht, sich in der Öffentlichkeit zum Schulbesuch ihres Kindes an der Don-Bosco-Schule zu bekennen. Die zum Teil immer noch herrschenden Vorurteile gegenüber einer Förderschule sind der Grund dafür. Dies zeigt, wie schwer es in einer Gesellschaft ist, Einstellungen zu verändern.

Wie steht es heute um das Unterrichten und Lehren?
Das Unterrichten und Lehren hat sich in letzten Jahrzehnten sehr verändert. Wer wie ich noch mit Schreibmaschine oder per Hand auf Matrizen Arbeitsblätter gestaltet hat und diese mit Handabzugsgeräten und halb betäubt vom Spiritusgeruch dann vervielfältigt hat, steht manchmal schon bewundernd vor den Möglichkeiten, die ein Klassenzimmer von heute bietet. Auch bei uns haben alle Klassenräume Whiteboard-Tafeln mit direktem Internetzugang und einer Vernetzung.
Auch die Unterrichtsformen haben sich geändert. Die Lehrkräfte wirken als Mentor des Lernprozesses, die Eigentätigkeit der Schüler wird durch Wochenplanarbeit, Lerntheken, Lesespuren, Lernleitern usw. gefördert. Eine einerseits sehr positive Entwicklung, aber auch ein durch den Lehrer gut geplanter, motivierend gestalteter Frontalunterricht mit seinen Möglichkeiten des voneinander und miteinander Lernens hat heute noch seine Berechtigung. Mein Wunsch wäre, hier nicht zu schnell von einem Extrem ins andere zu fallen, sondern Mittelwege zu suchen.
Mindestens genauso wichtig wie der Bildungsauftrag ist heutzutage der Erziehungsauftrag - bei den Lebensumständen vieler unserer Kinder ganz besonders. Hier brauchen unsere Schüler Orientierungshilfen, Verständnis für ihre individuelle Situation, aber auch Konsequenzen für unangebrachtes Verhalten und vor allem Beziehungsangebote und erlebbare Vorbilder.

Was waren die Höhepunkte in Ihrem Schulleben?
Die Höhepunkte in meinem Schulleben sind hauptsächlich die kleinen Momente, wenn man durch Reaktionen von Kindern, Eltern, Kollegen usw. merkt, dass man mit seiner Arbeit und der Wertschätzung anderen gegenüber auf dem richtigen Weg ist und etwas bewirken kann. Sei es, dass Kinder an Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen und erhoffte Entwicklungen eintreten oder zufriedene Eltern eine positive Entwicklung bei ihren Kindern wahrnehmen, wenn man Kolleginnen und Kollegen spürbar unterstützen konnte oder wenn man Lehrer bei Fortbildungen dazu begeistern konnte, Vermitteltes umzusetzen, und natürlich, wenn ehemalige Schüler uns besuchen und von geglückter Ausbildung und einem festen Platz im Berufsleben berichten.

Wie war die Arbeit als Schulleiter?
Herausfordernd, spannend, vielseitig, verantwortungsvoll und emotional, um nur einige Adjektive zu benutzen. Die letzte Verantwortung für das Innen- und Außenleben einer Förderschule zu haben, ist eine große Herausforderung und Verantwortung zugleich. Die Möglichkeiten einer fundierten, fachlichen Förderung für unsere Schüler in einer inklusiven Bildungslandschaft darzustellen, für die nötigen Rahmenbedingungen zu sorgen, den Ausbau der "Gebundenen Ganztags-klassen" zu forcieren, neue Unterrichtsschwerpunkte zu installieren, die Personalführung und die Arbeit mit Kooperationspartnern sind nur einige der Aufgabenfelder. Den Schulleitungen werden immer mehr Aufgaben übertragen, die Verwaltungsaufgaben, Abfragen und Statistiken nehmen immer mehr Zeit ein.
Andererseits kann man auch Schule gestalten, Schulklima und Schulentwicklung beeinflussen. Ein tolles Schulleitungs- und Verwaltungsteam von meinen beiden Stellvertreterinnen bis zur Sekretärin und dem Hausmeister, ein sehr engagiertes und motiviertes Kollegium, ein Elternbeirat, in dem nicht nur Feste geplant, sondern sonderpädagogische Fragestellungen und Schulentwicklung diskutiert und umgesetzt wurden, und ein eifriger Förderverein gaben mir die nötige Unterstützung und viele Anregungen und Ideen für die gemeinsame Weiterentwicklung unserer Schule.
Trotz der großen Arbeitsbelastung bin ich jeden Tag gerne in Schule gegangen, nicht zuletzt auch wegen der vielen positiven Kontakte mit unseren Schülern, den Mitarbeitern und vielen Personen im Umfeld der Schule.

Wie geht es nun weiter?
Das wird sich zeigen und finden. Wenn man bis zum letzten Arbeitstag noch voll arbeitet, ist erst einmal Verarbeiten, Umschalten und Abschalten angesagt. Möglichkeiten, sich danach nicht zu langweilen, sei es mit sportlich, kreativen oder kulturellen Hobbys, die in letzter Zeit leider zu kurz gekommen sind, gibt es genauso wie ehrenamtliche Tätigkeiten oder die Beschäftigung mit zwei Enkeln.

Das Gespräch führte
Johanna Blum.