Wenn ihr das jemand vor ein paar Monaten erzählt hätte, dass sie hier steht, vor einem Spiegel, in einem Brautkleid - sie hätte es nicht geglaubt. Gedanken versunken begutachtet sie sich. Fährt mit ihren Händen vorsichtig über den Stoff, als ob sie es immer noch nicht fassen könnte. Es war das erste Kleid, das Mandy Roth (25) an hatte. "Ich hab' auch noch ein paar andere probiert, aber eigentlich wusste ich gleich: Das ist es", sagt sie und strahlt.

Erst Anfang des Jahres haben sie und ihr Verlobter sich über das Internet kennen gelernt. Er entdeckte sie über gemeinsame Freunde bei Facebook, war sofort angetan und schrieb sie direkt an. Sie verabredeten sich auf einen Kaffee - und wurden ein Paar. Im März bekam Mandy den Antrag, im Juni wird geheiratet.
Dem ein oder anderen mag das überstürzt vorkommen, für Mandy gibt es dagegen keinen Grund, noch länger zu warten: "Wir sind uns hundert Prozent sicher."

Viel Zeit, sich auf die Suche nach dem perfekten Brautkleid zu machen, blieb allerdings nicht mehr. "Momentan gibt es viele, die so kurzfristig zu uns kommen. Wir haben aber auch schon Brautkleider für Hochzeiten im nächsten Jahr verkauft", weiß Einzelhandelskauffrau Marina Staudigel, die seit 2009 Brautmode im Bekleidungshaus Murk in Wachenroth verkauft. Die meisten angehenden Bräute kommen ein halbes Jahr vorher. "Die Frauen, die nicht mehr so viel Zeit haben, sind aber oft relaxter", findet sie und muss schmunzeln.


Freundinnen spielen Jury

Allein kommt jedenfalls keine Braut. Im Gegenteil. "Manchmal sind es schon fast zu viele", findet Staudigel. Viele bringen gleich mehrfach Verstärkung mit, als Ratgeber, als seelische Unterstützung - oder einfach zur Unterhaltung. "Durch die vielen Hochzeitssendungen im Fernsehen hat sich schon was geändert. Manche bringen sogar Schilder mit und vergeben für die Kleider Punkte", erzählt die Verkäuferin. Kommt eine Braut dagegen mit ihrer Mutter, so Staudigels Erfahrung, sind die nicht immer einer Meinung:"Da kommt es schon mal zu Tränen."

Nicht so bei Mandy. Sie hat ihre Trauzeugin und beste Freundin, Julia Förtsch, mitgebracht. Die Stimmung ist gut, ausgelassen. Während Staudigel am unteren Saum die Länge absteckt, macht Förtsch Handyfotos, die direkt an die Floristin gehen. "Damit der Brautstrauß auf das Kleid abgestimmt werden kann. Geplant sind längliche Margeriten", erzählt sie. Mandy macht derweil die ersten Gehversuche im Kleid. "Vielleicht kannst du darauf achten, kleinere Schritte zu machen, dann schießt der Reifrock nicht so nach oben", empfiehlt Staudigel.
Murk hat tausend Brautkleider zur Auswahl. Kurze und lange. Schlichte und ausgefallene. Bis Größe 60. Keines teurer als 1000 Euro. "Spitze ist heuer der absolute Trend. Auch Kleider, die ein bisschen verspielt sind", beschreibt Staudigel. Ob weiß oder cremefarben, beides wird in gleichem Maße gekauft. "Weiße Kleider waren ein paar Jahre weg vom Fenster, stattdessen waren dunklere Cappuccino-Töne in. Inzwischen gibt es eher farbige Applikationen", erklärt die Verkäuferin.

Auch hüftlange Schleier sind nach wie vor ein Verkaufsschlager, genauso kleine Täschchen oder ein Bolero. Besonders beliebt sind zur Zeit außerdem Blütengestecke mit Federn oder Diademe. "Das ist für viele ein Mädchentraum: Einmal im Leben Prinzessin sein", ist Staudigel überzeugt. Es gibt aber genauso Frauen, die alles wollen - bloß nicht das: "Die wollen es ganz schlicht, Hauptsache kein Klimbim."

Wer noch gar nicht recht weiß, was er eigentlich will, braucht sich keine Sorgen zu machen: "Man findet schnell seinen Stil. Zwei, drei Kleider und dann weiß man, in welche Richtung es gehen soll." Staudigel empfiehlt, vorher nicht zu sehr im Internet zu recherchieren. Sonst ist man zu voreingenommen. Die neuen Kollektionen kommen immer zum Jahreswechsel. "Dann ist die Auswahl am größten."


Immer mehr Umstandskleider

In der Zwischenzeit klingelt das Telefon. Die nächste Braut, die vorbeikommen möchte. Viele kommen von weit her. Ein Termin ist aber gar nicht erforderlich - erst, wenn man sich für ein Kleid entschieden hat und noch kleine Änderungen vorgenommen werden müssen.

Von dem Mythos, dass Bräute bis zum Hochzeitstermin immer weiter abnehmen und das Kleid am Ende zu groß ist, hält Staudigel nichts: "Es gibt den Typ von Frau, die im Vorbereitungsstress abnimmt. Es gibt aber genauso den Typ von Frau, der dabei zunimmt." Dass der Bauch dagegen wächst, weil die Braut während der Hochzeitsvorbereitungen schwanger geworden ist, kommt immer häufiger vor. "Umstandsbrautkleider verkaufen wir immer öfter", sagt Staudigel.

Was nicht ausbleibt: Manchmal fallen Hochzeiten auch ins Wasser, häufig erst kurz vor dem Termin. "Meistens rufen dann die Eltern an und sagen ab", sagt Staudigel. Das bleibt aber zum Glück die Ausnahme.

Mandy wirft noch einen letzten Blick in den Spiegel, bevor sie das Kleid wieder auszieht. Für ihren großen Tag fehlt ihr nicht mehr viel. Ein entscheidendes Detail bekommt sie von ihrer Trauzeugin: das Strumpfband.