"Das ist Spitzensport gleich um die Ecke." Norbert Heerlein, selbst begeisterter Wurfscheiben-Schütze, verfolgte am Dienstagnachmittag gemeinsam mit Harry Hofmann die teils dramatischen Wettkämpfe bei den Europameisterschaften der Flintenschützen in Suhl. Der Skeet-Wettkampf der Frauen war Nervenkitzel pur.

Für die beiden Neustadter nicht der erste Besuch auf dem Friedberg, bereits zu Beginn der Titelkämpfe waren sie vor Ort und kamen voll auf ihre Kosten. "Die Organisation, die Spannung, die Leistungen - da hat alles gepasst", schwärmt Hofmann, dem vor allem das familiäre Flair auf der Anlage in Suhl gefällt. Schnell hatte er Kontakte geknöpft. Nicht nur mit anderen Zuschauern, auch mit Verantwortlichen und Sportlern, die sich öfters und gerne unter die Beobachter auf der Tribüne mischten.

"Berührungsängste gibt es da keine. Die Schützen sind eine große Familie", weiß Hofmann. Schon gar nicht an diesem denkwürdigen Dienstag, als die Tribüne proppenvoll war. "Bis auf den letzten Stehplatz, aber niemand hat etwas verpasst. Selbst Leute, die noch nie ein Gewehr in der Hand hatten, fieberten mit", sagt Heerlein, der vor allem den neuen Modus sehr gut findet. Die Medaillen werden am Ende in Kopf-an-Kopf-Duellen vergeben.
Die dreimalige Weltmeisterin und Olympia-Dritte von Peking, Christine Wenzel (32) aus Ibbenbüren, unterlag im Duell um Bronze der Slowakin Danka Bertakova, der Olympia-Dritten von London, mit 1:2 im Stechen, nachdem beide Schützinnen zuvor 13 der 15 Scheiben getroffen hatten. Europameisterin wurde die Peking-Olympiasiegerin Chiara Cainero vor Titelverteidigerin Cigdem Ozyaman aus der Türkei.

"Eigentlich war die Türkin die bessere Schützin, doch sie schaute sich vor ihrem wichtigen Finale noch gespannt das Duell um Bronze an. Das war ein Fehler", ist sich Heerlein sicher, der davon überzeugt ist, dass die Konzentration der Türkin dadurch verloren ging. Ihre später siegreiche Konkurrentin meldete sich dagegen beim Kampfgericht kurzfristig ab, zog sich in ihr Zelt zurück und kam hochkonzentriert eine Minute vor dem Gold-Duell zurück - den beiden aufmerksamen Neustadtern entging an diesem Tag kein Detail in Suhl.

Christine Wenzel war nach der verpassten Bronzemedaille nicht traurig. "Das war mein erstes internationales Finale nach den neuen Regeln. Für die Zuschauer sind die richtig gut. Ich war aber etwas nervöser als sonst, denn einige Scheiben fliegen im Finale ganz anders als im normalen Wettkampf. Es ist auf jeden Fall eine sehr spannende Sache und es gehört etwas Glück dazu", sagte die Bundeswehr-Sportsoldatin.

Dass sie die letzte Scheibe und Bartekova die letzten beiden im Bronze-Duell verfehlt haben, spreche für die Nervenanspannung. "Für mich war Suhl eine Zwischenstation zur Weltmeisterschaft Mitte September in Lima", betonte Wenzel.

Zwischen den einzelnen Serien hatte sie sich die Zeit mit ihrem Mann und Trainer Tino sowie dem fast dreijährigen Söhnchen Tobias vertrieben. "Durch ihn bin ich abgelenkt, lache öfter, denke nicht nur ans Schießen", erzählte Wenzel.

Dass Hofmann und Heerlein trotzdem eine deutsche Medaillengewinnerin erlebten, lag an der ehemaligen Oberhofer Biathletin und Lokalmatadorin Nadine Messerschmidt. Sie bescherte der deutschen Mannschaft nämlich die erste Einzel-Medaille in einer olympischen Disziplin. Die 19 Jahre alte Oberhofer Sportgymnasiastin wurde Zweite hinter der Russin Natalia Winogradowa in der Junioren-Konkurrenz der Skeet-Spezialistinnen.

Der Kurztrip nach Thüringen hat sich für die beiden Freizeitschützen aus der Bayerischen Puppenstadt also gelohnt. "33 Minuten von der Haustür in Neustadt bis auf den Parkplatz am Friedberg. Was will man mehr - das ist Spitzensport direkt vor der Haustür," zieht Heerlein ein zufriedenes Fazit.