Der Stoff zu "Un ballo in maschera" hat Verdi reichlich Ärger eingebracht. Ein schwedischer König, der auf offener Bühne ermordet wird - das wollte die Zensur nicht sehen. Librettist Antonio Somma musste deshalb aus Gustav III. einen fiktiven Gouverneur von Boston machen: Riccardo. Am zentralen Konflikt des Textes freilich ändert das nichts - egal, wie die handelnden Personen heißen. Graf Anckarström glaubt, sein bester Freund (König Gustav III.) betrüge ihn mit seiner Ehefrau Amelia. Am Ende ermordet Anckarström den König und erfährt zu spät, dass Amelia ihn tatsächlich nicht betrogen hat.

In Szene gesetzt wird das Werk am Landestheater von Gastregisseur Volker Vogel. Nach zwei Operetten (Raimunds "Maske in Blau", Kálmáns "Csárdásfürstin") ist "Un ballo in maschera" Vogels erste Opern-Inszenierung in Coburg. Nach langen Jahren steht das Werk wieder auf dem Spielplan des Landestheaters. Premiere feiert die Oper am Samstag - gut zwei Wochen nach Verdis 200. Geburtstag.

Welche Beziehung haben Sie zu Verdis "Maskenball"?
Der "Maskenball" war eine meiner ersten Arbeiten als Regieassistent 1977 in Hannover. Im Grunde habe ich auf das Stück seit über 30 Jahren gewartet.

Ist der "Maskenball" also ein echtes Wunschstück für Sie?
Das kann man so sagen - wobei ich von heute aus gesehen froh bin, dass ich so lange darauf warten musste, weil ich jetzt meine Gedanken zu diesem Stück als Regisseur besser begründen kann.

Was reizt Sie an diesem Werk besonders?
Das Schicksal der drei Hauptpersonen - und wie sie durch das Nicht-aufeinander-hören den Plan des ihnen vorhergesagten Schicksals extrem genau erfüllen.

Wie gehen Sie mit der Aufgabe um, im Jahr 2013 eine Wahrsagerin auf die Opernbühne zu stellen?
Die Ulrica ist bei mir eine Schicksalsgestalt - wie in der griechischen Tragödie. Das Schicksal muss sich erfüllen - darum geht es in dieser Oper.

Ursprünglich spielte Verdis "Maskenball" in Schweden und erzählte von der Ermordung von König Gustav III. Das war den Zensoren jener Zeit zu heiß und die Handlung wurde schließlich ins ferne Boston verlegt. Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Thema dieser Oper?
Mir geht es nicht um die politische Komponente, die manche in dem Stück sehen wollen. Mir geht es um das göttliche Ideal hinter der Handlung. Die Tragik entsteht, weil einer denkt, es sei etwas passiert, obwohl es nicht passiert ist. Eigentlich entsteht das Drama durch ein Missverständnis und durch Nicht-glauben-wollen. Das Tolle bei Verdi aber ist, dass er immer wieder Hoffnung schenkt. Man kann als Regisseur die Zerstörung zeigen, aber es gibt bei Verdi auch ein Danach.

Sie inszenieren Oper und Operette: Was ist der Unterschied für den Regisseur?
Für mich ist es schwierig, Oper und Operette bewusst auseinander zu dividieren. Operette ist nur die leichte Form der Oper. Oper und Operette befruchten sich aus meiner Sicht gegenseitig. Im Grunde ist beides ähnlich schwierig oder ähnlich leicht - je nach Stück. Bei der Operette kommt mit den gesprochenen Dialogen noch die Schwierigkeit hinzu, mit den Sängern die Melodie des Wortes erarbeiten zu müssen.

Warum steht "Un ballo in maschera" ein wenig im Schatten zwischen "Rigoletto" und "Traviata" einerseits und "Don Carlo", "Otello" und "Aida" andererseits?
Möglicherweise hat es ja damit zu tun, dass in manchen Inszenierungen die seelischen Komponenten nicht deutlich genug herausgearbeitet werden. Aber vielleicht müssten Sie mich das nach der Premiere noch einmal fragen.

Wenn Sie einen Werbeslogan für diese Neuproduktion erfinden müssten: Was würden Sie schreiben?
Das ist schwierig zu sagen. Diese Musik ist so großartig. Ich habe deshalb versucht, der Musik so viel Raum zu geben wie möglich. Die Musik soll den Raum kriegen, den sie braucht, um beim Zuschauer das zu erzeugen, was sie erzeugen will. Und der Schluss ist einfach grandios - da kommt sogar "La Traviata" nicht mit. Nur bei der "Butterfly" ist das meiner Ansicht nach ähnlich großartig.

Sie sind zum dritten Mal als Gast am Landestheater. Wie erleben Sie die Probenzeit in Coburg?
Diesmal hatte ich leider nicht allzu viel Zeit für Coburg, aber ich genieße die Stadt, habe schon meine Punkte, wo ich meinen Kaffee trinke. Ich glaube, die Coburger wissen, was sie an ihrem Theater haben. Aus meiner Sicht kann ich nur sagen: Das Ensemble ist toll - vom Chor angefangen. Ich gehe von Coburg nach sechs Wochen Probenzeit immer angeregt weg nach allem, was ich im Schauspiel, Musiktheater und Ballett gesehen habe.

Wie verändert sich ein Konzept während der Probenzeit?
Ich komme ja nicht mit dem Bundesbahnfahrplan zur Probe. Was ich gefühlsmäßig von dem Stück denke, das bleibt, das sind die Eckpfeiler, die stoße ich nicht um. Aber letztlich geht es darum, wie ich mit den Darstellern meine Ideen übersetzen kann. Da bleibt natürlich Freiraum für Veränderungen. Die Zusammenarbeit mit Bühnenbildner Norbert Bellen ist sehr spannend, weil er in jeder Probe dabei ist und wir am Abend unsere Eindrücke abgleichen können und gegebenenfalls Dinge korrigieren.

Pflegen Sie Premieren-Rituale?
Ich schreibe jedem Darsteller eine persönliche Karte, suche für jeden ein kleines persönliches Geschenk.

Das Warten auf den Premieren-Abend: Ist das besonderer Stress?
Ich hab' frei und freu mich auf den Abend, ich geh' ganz bewusst ins Publikum. Bei der Premiere habe ich immer Freude. Denn bis jetzt hatte ich bei meinen Inszenierungen immer auch das Glück, dass ich das Ziel eigentlich schon vor der Generalprobe erreicht habe. Und nach der Generalprobe geht's sowieso nicht mehr um mich - wie es eigentlich sowieso generell nicht um mich, sondern um die Verfolgung eines gemeinsamen Ziels geht. Eine Premiere bedeutet doch im Grunde: "Ein Kind ist uns geboren".


Giuseppe Verdis Oper "Un ballo in maschera" und ihre Interpreten in Coburg


Premieren-Tipp Verdi "Un ballo in maschera" - Samstag, 26. Oktober, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Aufführungen 31. Oktober, 19.30 Uhr; 3. November, 15 Uhr; 7., 15. November, 19.30 Uhr;
19. November - 20 Uhr (Gastspiel Stadthalle Bayreuth); 18., 21., 25. Dezember, 19.30 Uhr; 17., 21., 29. Januar, 19.30 Uhr

Volker Vogel Der Regisseur Volker Vogel studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Im Anschluss daran folgten zahlreiche Engagements als Regieassistent, Regisseur, Sänger und Schauspieler. Später ging er als Tenorbuffo nach Dortmund, Freiburg und an die Wiener Volksoper und war seit der Saison 1991/92 am Opernhaus Zürich engagiert. Gastengagements führten ihn beispielsweise nach Barcelona, an die Mailänder Scala und die New Yorker Metropolitan Opera. Seit 2009 arbeitet Vogel als freischaffender Regisseur.

Geschichte eines Attentats Ballvorbereitungen im Hause Gustav III. Unter den geladenen Gästen befindet sich auch Amelia, der der König in Liebe zugetan ist - heimlich. Denn Amelia ist die Frau seines besten Freundes und engsten Vertrauten Graf Anckarström. Anckarström, der nichts von den Träumen seines Freundes ahnt, mahnt Gustav zur Vorsicht: gegen ihn sei eine Verschwörung im Gange. Doch der König schlägt die Warnung in den Wind. Wenig später weissagt auch Ulrica des Königs Tod: Er werde von der Hand Anckarströms sterben - doch Gustav lacht nur über die Prophezeiung. Es kommt, wie es kommen muss: Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände erfährt Anckarström von der heimlichen Zuneigung zwischen Gustav und seiner Frau und glaubt, Amelia sei ihm untreu gewesen. Enttäuscht schließt er sich den Verschwörern an und plant, Gustav im Getümmel des Maskenballs zu töten.

Produktionsteam Musikalische Leitung: Roland Kluttig; Inszenierung: Volker Vogel; Ausstattung: Norbert Bellen; Dramaturgie: Renate Liedtke; Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio

Besetzung König Gustav III. (Riccardo): Milen Bozhkov
Graf Anckarström: Michael Bachtadze/Benjamin Werth
Amelia, dessen Gemahlin: Celeste Siciliano
Ulrica Arvidsson, Wahrsagerin: Gabriela Künzler /Leila Pfister
Oscar: Anna Gütter / Sofia Kallio
Cristiano, Matrose (Silvano): Simon van Rensburg/Martin Trepl
Graf Ribbing (Samuel): Rainer Scheerer
Graf Horn (Tom): Michael Lion
Ein Richter: Tae-Kwon Chu / Jan Korab
Diener Amelias: Marino Polanco
Chor des Landestheaters;
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg