Eine Dreiecksgeschichte, die mit einem Mord wegen eines vermeintlichen Ehebruchs endet - so lässt sich Giuseppe Verdis Oper "Ein Maskenball" beschreiben. Ein unglücklich verliebter König, der schließlich beim Maskenball auf offener Bühne erstochen wird - das klingt nach einem effektvollen Theaterstoff. Dramaturgisch ist diese Oper eine tückische Herausforderung, musikalisch aber ein luxuriöses Geschenk nicht nur für Verdi-Fans.
Auf der Zielgeraden des Verdi-Jahrs feiert dieser "Maskenball" in italienischer Originalsprache seine umjubelte Premiere am Landestheater. Eine Fülle schöner Melodien, ein Liebestod mit allzu später Reue und ergreifendem Chorfinale sind gewichtige Argumente für dieses nicht allzu häufig gespielte Werk, das am Landestheater zuletzt in der Saison 1985/86 auf dem Spielplan stand.

Spiel mit Assoziationen

Das Libretto aus der Feder
von Antonio Somma ist gewiss nicht ohne Mühe in glaubwürdiges Musiktheater zu verwandeln. Gelingen kann das der Regie eigentlich nur gemeinsam mit einem Ausstatter, der es schafft, dort poetische Wahrheit auf die Bühne zu zaubern, wo die Handlung jeder Wahrscheinlichkeit spottet. Das freilich schafft Norbert Bellen allenfalls ansatzweise. Sein Bühnenbildkonzept zielt auf rasche Verwandlungen. Dazu stellt er zwei großformatige, leicht verschiebbare, mit hellem Stoff bespannte Stahlrohrwände auf die Bühne, die als variabel einsetzbare Projektionsflächen Sinn ergeben. Ansonsten aber muss die Lichtregie dort Stimmungen zaubern, wo das Bühnenbild leere Räume lässt. In einigen Szenen zeitigt das aber nur mäßigen Erfolg. Auch die Kostüme lassen leider kein klares Konzept, keine stilistisch schlüssige Handschrift erkennen, sondern erinnern eher an ein bisweilen selbstverliebt wirkendes Spiel mit Assoziationen. Vor allem aber lässt die Ausstattung die Regie in wichtigen Szenen regelrecht im Stich.

Wie aber kommt Gastregisseur Volker Vogel damit zurecht? Seine erste Coburger Opern-Inszenierung (nach zwei gelungenen Operettenproduktionen) lässt sich im besten Sinne als Huldigung an Verdis Musik verstehen. Nie drängt sich seine Regie eitel in den Vordergrund. Vielmehr geht es Vogel erkennbar darum, die in der Musik ausgedrückten Emotionen möglichst intensiv in szenische Wirklichkeit zu verwandeln.

Klangvolles Musizieren

Im Grunde bereitet Vogels Regie Verdis Musik die Bühne. Die dramatische Wahrheit dieses Opernabends, seine Überzeugungskraft, kommt aus dem Orchestergraben. Souverän am Pult: Roland Kluttig, der jüngst seinen Vertrag als Coburgs Generalmusikdirektor bis Sommer 2016 verlängert hat. Mit scheinbar müheloser Stilsicherheit entfaltet er den Farben- und Ausdrucksreichtum der 1859 uraufgeführten Partitur, die schon viel ahnen lässt von der fein differenzierten Klangvielfalt des späten Verdi. Stets lässt Kluttig die Musik gesanglich atmen, baut große Spannungsbögen und setzt bei Bedarf wuchtige dramatische Akzente. Zugleich aber macht er deutlich, welchen Reichtum an zartesten Ausdrucksnuancen und farblichen Abstufungen der "Maskenball" enthält.

Das Orchester folgt Kluttigs Dirigat ebenso reaktionsschnell wie konzentriert und zieht mit klangvollem Musizieren in Bann - dynamisch fein differenziert vom zartesten Pianissimo bis zum schneidend scharfen Fortissimo.
Wenn nach einem Opernabend von einem Fest schöner Stimmen gesprochen wird, mag das fast ein wenig altmodisch klingen. In diesem Fall aber beschreibt es einen Abend, an dem das Coburger Premierenpublikum in jeder wichtigen Rolle stilsicheren Verdi-Gesang erlebt, der in den dramaturgisch entscheidenden Momenten immer wieder in musikalische Wahrheit umschlägt.

Als Verdi-Tenor mit einer großen Palette an Farb- und Ausdrucksnuancen kehrt Milen Bozhkov gastweise ans Landestheater zurück. Die Partie von König Gustavo III. gestaltet er mit großer Intensität und feinsten dynamischen Nuancen. Neben Bozhkov verdienen sich weitere Gäste viel Beifall. So beeindruckt Michael Bachtadze mit ausdrucksvollem Bariton als Renato, der Vertraute des Königs, der am Ende zu dessen Mörder wird.

Innerer Konflikt

Mit tragfähigem Alt singt Leila Pfister die Wahrsagerin Ulrica, die in dieser Inszenierung als antike Schicksalsgöttin erscheinen soll. Ebenfalls mit einem Gast besetzt ist die Rolle der Amelia, die sich in König Gustavo III. verliebt, ihrem Gatten Renato aber trotzdem die Treue halten will. Diesen inneren Konflikt gestaltet die junge amerikanische Sopranistin Celeste Siciliano als fulminantes Rollendebüt - mit dramatischer Durchschlagskraft, aber auch mit anrührend zarten Tönen.

Ausdauernder Beifall

Der als Hosenrolle angelegte Page Oscar ist eine Reminiszenz an die Gepflogenheiten der französischen Oper. In dieser Regie wird Oscar zur harlekinesken Figur, von Anna Gütter mit beweglichem Sopran gesungen und pointiert gestaltet. Warum Oscar in Norbert Bellens Ausstattung Assoziationen weckt an Giulietta Masina als Gelsomina in Fellinis "La Strada", erschließt sich freilich nicht unmittelbar. Sorgfältig einstudiert und jederzeit präsent und spielfreudig: der Chor des Landestheaters.

Was bleibt nach einem Premierenabend mit reichlich Szenenbeifall und ausdauerndem Schlussapplaus? Die Erkenntnis, dass man diesen Coburger "Maskenball" dank Orchester, Dirigent, Chor und Solisten gleichsam mit den Ohren sehen kann.


Giuseppe Verdis "Un ballo in maschera" in Coburg


Aufführungen Verdi "Un ballo in maschera" - 31. Oktober, 19.30 Uhr; 3. November, 15 Uhr; 7., 15. November, 19.30 Uhr; 19. November - 20 Uhr (Gastspiel Stadthalle Bayreuth); 18., 21., 25. Dezember, 19.30 Uhr; 17., 21., 29. Januar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg - Karten im Vorverkauf in der Tageblatt-Geschäftsstelle (Tel. 09561/888-125) und an der Theaterkasse (Tel. 09561/898989).

Geschichte eines Attentats Ballvorbereitungen im Hause Gustav III. Unter den geladenen Gästen befindet sich auch Amelia, der der König in Liebe zugetan ist - heimlich. Denn Amelia ist die Frau seines besten Freundes und engsten Vertrauten Graf Renato Anckarström. Anckarström, der nichts von den Träumen seines Freundes ahnt, mahnt Gustav zur Vorsicht: gegen ihn sei eine Verschwörung im Gange. Doch der König schlägt die Warnung in den Wind. Wenig später weissagt Ulrica des Königs Tod: Er werde von der Hand seines bestens Freundes sterben - doch Gustav verlacht die Prophezeiung. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände erfährt Anckarström von der heimlichen Zuneigung und glaubt, Amelia sei ihm untreu gewesen. Enttäuscht schließt er sich den Verschwörern an und plant, Gustavo im Getümmel des Maskenballs zu töten.