Die letzten Minuten im Leben des Wolfgang R. müssen schrecklich gewesen sein. So schrecklich, dass sich seine Tochter, die im neu aufgerollten "Beiersdorf-Prozess" als Nebenklägerin auftritt, die detaillierten Schilderungen des Rechtsmediziners lieber nicht anhörte. Noch bevor Professor Stephan Seidel am Donnerstag damit begann, das brutale Vorgehen der wegen Mordes angeklagten Paul K. und Peter G. zu rekonstruieren versuchte, verließ sie den Gerichtssaal.

Seidel zählte die vielen Verletzungen auf, die Wolfgang R. in der Nacht zum 12. Dezember 2013 von Paul K. und Peter G. zugefügt bekommen hat. Da war unter anderem von einem "schweren Schädelhirntrauma" die Rede, von "Rippenserienbrüchen" sowie "zahlreichen Hämatomen". Laut Gutachten muss es mindestens elf stumpfe Gewalteinwirkungen auf den Kopf von Wolfgang R. gegeben haben sowie mindestens jeweils einen "massiven Tritt" gegen Hals und Mundboden. Auch sei eine großflächige, intensive Gewalt gegen den Oberbauch" festgestellt worden; dies könnte dadurch verursacht worden sein, dass sich einer der Täter auf den bereits am Boden liegenden Wolfgang R. gekniet hat.


Verblutet und erstickt

Todesursache sei schließlich der "massive Blutverlust" von Wolfgang R. gewesen, vermutlich noch in Kombination damit, dass der 66-Jährige aufgrund seiner erheblichen Verletzungen im Hals- und Brustkorbbereich nicht mehr atmen konnte und somit qualvoll erstickte.

Die Verteidiger von Paul K. und Peter G. wollten wissen, ob Wolfgang R. hätte überleben können, wenn er sofort medizinisch versorgt worden wäre. "Möglich - aber das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen", antwortete Professor Seidel. Der Tod sei etwa 15 bis 20 Minuten nach Ende der Gewalteinwirkungen eingetreten. "Aber auch das ist spekulativ!"

Und wie lange haben die Attacken von Paul K. und Peter G. auf Wolfgang R. gedauert? Hier nannte der Rechtsmediziner einen möglichen Zeitraum von zehn Minuten bis zu einer Stunde. Genauer lasse sich aber auch das leider nicht bestimmen.

Nach den verbalen Ausführungen von Stephan Seidel wurde es noch anschaulicher beziehungsweise noch gruseliger: Er zeigte Fotos des Leichnams. An der kleinen Runde, die sich zu diesem Anlass um den Tisch der Vorsitzenden Richterin Ulrike Barausch scharte, nahmen allerdings ausschließlich die insgesamt sechs Verteidiger der vier Angeklagten teil. Nicht ohne Grund hatte Ulrike Barausch zu Beginn der Sitzung vorn "schwerer Kost" gesprochen, mit der man es an diesem Verhandlungstag zu tun habe.


Analyse der Blutspuren im Haus

Stephan Seidel berichtete noch von seiner Blutspurenanalyse. Diese ermöglicht es, den Verlauf der Auseinandersetzung zu rekonstruieren. Je nachdem, wo sich welche Art von Blutspritzern am Tatort befinden, kann zum Beispiel gefolgert werden, wie lange das Opfer noch in aufrechter Position war und ab wann es auf dem Boden lag. Im Haus von Wolfgang R. wurden etwa sogenannte Schlagspritzspuren am Vorhang und an zwei Blumentöpfen auf dem Fensterbrett festgestellt.


Langsam zu Boden gegangen

Seidel kombinierte: "Herr R. muss sich weitgehend in aufrechter Position befunden haben." Dann sei er langsam zu Boden gegangen, was die Täter aber nicht von weiteren Attacken abhielt. Konkret sprach der Rechtsmediziner von "weiteren Gewalteinwirkungen gegen den Kopf". Anschließend hätten ihn die Täter ein Stück in Richtung Wohnzimmersessel gezogen, wo sie dann noch immer nicht von ihm abließen. "Es wurden weitere Verletzungen gesetzt", sagte Stephan Seidel.

Auf Nachfrage der Nebenklage erklärte Seidel, dass sich Täter und Opfer gegenüber gestanden haben müssen. Aufgrund der Enge im Wohnzimmer können Paul K. und Peter G. aber eigentlich nicht nebeneinander gestanden und somit gleichzeitig zugeschlagen haben.

Vorsitzende Richterin Barausch wollte wissen, ob feststellbar sei, welche der einzelnen Verletzungen an welcher Stelle im Wohnzimmer zugefügt wurden. Das verneinte Seidel zwar, schränkte allerdings ein: "Die Tritte gegen Hals und Mundboden müssen erfolgt sein, als Wolfgang R. bereits auf dem Boden lag." Der Rechtsmediziner sprach von "wuchtigen Tritten". Den Einwand der Verteidigung, Paul K. habe eine Knieverletzung und könne deshalb gar nicht kräftig treten, wollte Seidel nicht gelten lassen. "Ich hatte neulich einen Fall, da ist ein Mann mit steifem Knie über ein Geländer geklettert. Der Körper kann Schmerzen ausblenden."

Die Verhandlung wird am Freitag, 20. Mai, um 9 Uhr am Landgericht Coburg fortgesetzt.


Ein Opfer, vier Angeklagte: Wer ist wer im Prozess?

Wolfgang R. Der 66-Jährige, ehemals Orchestermusiker am Landestheater, wurde in der Nacht zum 12. Dezember 2013 in seinem Haus in Beiersdorf getötet. Für die Tat wurden Paul K. und Peter G. verurteilt.

Maria S. Die ehemalige Lebensgefährtin des Opfers ist noch immer mit Helmut S. verheiratet. Die 43-jährige Brasilianerin wurde im ersten Prozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie Paul K. und Peter G. zur Tat angestiftet hat.

Helmut S. Der 59 Jahre alte Noch-Ehemann von Maria S. erhielt für die Anstiftung zur Tat ebenfalls sieben Jahre Haft.

Paul K. und Peter G. Der 25-jährige Thüringer und der 47-jährige Coburger sollen gemeinsam Wolfgang R. getötet haben. Das Landgericht Coburg hatte die beiden Männer, die zeitweise dem Rockermilieu angehörten, 2015 wegen Totschlags zu je dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der BGH hob das Urteil auf. Im neuen Prozess soll geklärt werden, ob die Tat nicht doch als Mord geahndet werden muss.