Den Passanten auf dem Coburger Marktplatz bot sich einmal mehr ein skurriles Schauspiel: Streifenwagen überwachen Gassen und Zugänge, die Bereitschaftspolizei aus Bamberg hat mit sechs Bussen vor dem Stadthaus Position bezogen. "Unglaublich, oder?", befindet ein Mann angesichts der Präsenz, die die Polizei am vergangenen Montag aufgefahren hat.

Noch blieb es in der Vestestadt bei den unangemeldeten Corona-Kundgebungen weitestgehend ruhig. "Wir stellen aber fest, dass sich das Publikum im Vergleich zu den Vorwochen gewandelt hat", meint Stefan Probst von der Coburger Polizei. Wurden vor wenigen Wochen bei den nicht angemeldeten Montagskundgebungen als Zeichen des stillen Protests gegen die Corona-Maßnahmen noch Kerzen vor dem Rathaus abgestellt, gehen inzwischen Woche für Woche hunderte Menschen durch die Innenstadt spazieren und blockieren Straßen. Und die Polizei weiß: Unter besorgte Bürger und Impfgegner haben sich schon längst Extremisten gemischt (siehe unten).

Etwa 350 Mann, so schätzt die Polizei, suchen kurz nach 18 Uhr noch unter den Vordächern Schutz vor dem Regen. Viel Zeit zum Nachzählen bleibt nicht, da setzt sich schon wie auf Knopfdruck der Tross in Bewegung in Richtung Spitalgasse. Aus den Seitenstraßen gesellen sich weitere Teilnehmergruppen hinzu. Bereits auf Höhe des Stadtcafés dürften es 500 Spaziergänger sein. Und als die ersten schon bei Galeria Kaufhof in die Hindenburgstraße einbiegen, erstreckt sich die Menschenschlange über die komplette Mohrenstraße. Etwa 700 sind es zwischenzeitlich, die sich 40 Minuten lang über Steinweg, Schlossplatz, Obere Anlage und Ketschengasse im Regen die Füße vertreten.

Kopfschütteln von den Autofahrern

Kinder laufen in der Dunkelheit auf der Straße, während auf der Gegenspur Autos passieren. Autofahrer, die gezwungenermaßen warten müssen, schütteln genervt die Köpfe. "Ich hab' vorhin den Laufplan gesehen. Ich glaube, da geht's lang", meint eine Teilnehmerin, während Polizeibeamte die Kreuzung absichern. "Wir stehen an den Stellen, von denen wir vermuten, dass sie hier lang gehen", erklärt der Polizei-Pressesprecher. Denn bislang agieren die Organisatoren der nicht angemeldeten "Spaziergänge" im Verborgenen, beziehungsweise über Messengerdienste. Laufwege werden geheim gehalten und Woche für Woche geändert.

Doch wer leitet nun eigentlich die Spaziergänge? Am vergangenen Montag ist zu beobachten, wie zwei Männer etwa 20 Meter vor dem Pulk vorweggehen. Dass es sich um keinen Zufall handelt, wird spätestens nach der vierten Abbiegung deutlich. "Sieht doch so aus, als ob wir hier einfach herumlaufen", freut sich der Ältere, dem dann plötzlich am Busbahnhof die Route entfallen ist. Zwei Frauen, die in dem folgenden Pulk vorweggehen, rufen: "Michael, da lang!" und "Wo ist denn der Jonas?" Die Antwort des Älteren: "Der führt schon die ganze Zeit."

Die doppelte "Führungsspitze" bleibt auch der Polizei nicht verborgen. Probst erklärt: "Das Problem ist, dass nicht automatisch derjenige, der bei so einem "Spaziergang" vorneweg geht, auch der Veranstalter ist." Die "Strippenzieher" würden den Spazierwilligen zwar mit Rat zur Seite stehen, allerdings nicht den Fehler machen, sich so offenkundig zu erkennen gehen. "Die beraten und liefern Anleitungen, wie man mit Stadt und Polizei umgehen soll." Befremdlich: Auch zwei Jugendliche - Einer scheint kaum älter als 16 Jahre zu sein - laufen vorneweg, tippen im Akkord Nachrichten in ihr Handy. "Mitunter werden hier Menschen instrumentalisiert."

Bislang kann die Polizei auf die "Spaziergänge" nur reagieren. Das soll sich aber bereits in der kommenden Woche mit der Allgemeinverfügung ändern, die noch diesen Freitag im Amtsblatt veröffentlicht werden soll. "Es geht uns nicht darum, das Recht der freien Meinungsäußerung zu beschneiden", macht Stadt-Sprecher Louay Yassin noch einmal deutlich. Aber von allen Demonstrationen, die m vergangenen Jahr in Coburg stattgefunden haben, seien die Montagskundgebungen die einzigen, die nicht angemeldet seien. "Wir wollen Gerechtigkeit zwischen denjenigen herstellen, die sich an die Spielregeln halten und denen, die meinen, es nicht tun zu müssen."

Maskenpflicht ab Montag

Nach Informationen des Coburger Tageblatts soll es am kommenden Montag eine Maskenpflicht geben. Glasflaschen und Blechdosen sollen verboten werden, genauso wie Schuhe mit Stahlkappen und Hunde. Die Polizei sagt: "Die Allgemeinverfügung ist in unserem Interesse." Dann wird sich zeigen, ob jeder mit den gleichen Spielregeln für alle einverstanden ist...

Wie viel Extremismus steckt in Coburgs Demonstranten?

Neben wem laufe ich da eigentlich? Das Publikum, das am Montag durch die Stadt "spaziert", hat sich gewandelt, wie die Polizei in den vergangenen zwei Wochen festgestellt hat. Am vergangenen Montag lief auch der Coburger AfD-Landtagsabgeordnete Martin Böhm mit, der laut Medienberichten dem sogenannten AfD-Flügel um Björn Höcke nahesteht. Der Flügel wird seit 2020 vom Verfassungsschutz beobachtet.

Neben einzelnen Bürgern, die der rechtsextremen Szenen zugeordneten werden können, ist auch die ebenso rechtsextreme Kleinpartei "Der III. Weg" bei den Kundgebungen vertreten.

Man dürfe nicht davon ausgehen, dass sich extremistische Gruppen offen zu erkennen geben, merkt die Polizei an. "Diese Leute setzen auf eher unscheinbare Erkennungszeichen, die wiederum von Gleichgesinnten erkannt werden." Das bedeute aber nicht, dass sie unter dem Radar der Gesetzeshüter fliegen. Vieles laufe hinter den Kulissen, und natürlich sei auch der Verfassungsschutz bei solchen unangemeldeten Veranstaltungen vertreten.

Wo Rechtsextreme - wenn auch nicht offenkundig - in Erscheinung treten, ruft das auch das entgegengesetzte Lager auf den Plan. So hissten Vertreter der linksextremen Antifa ein Plakat mit eindeutiger Aufschrift auf den Arkaden am Schlossplatz und grölten Parolen - just in dem Moment, als die Menschenschlange über den Schlossplatz zog.

Ebenfalls auffällig: Der Querdenker von heute achtet auch bei Coburger Hundswetter auf angemessene Bekleidung: Mehrere Teilnehmer trugen Regenponchos mit der Aufschrift "Zeit zum Aufwachen". Dabei handelt es sich um Merchandising-Produkte eines Online-TV-Senders, der sich laut Webseite als Verbreitungsmedium von professionellen, alternativen und unabhängigen Nachrichten wie "Unbegründete Corona-Panik" und "Gefährliche Impfung: Jetzt sprechen die Ärzte!" betrachtet.

Gegründet wurde der Sender mit Sitz in Linz im vergangenen Jahr unter der Chefredaktion des laut mehrerer Medienberichte Rechtsextremen Stefan Magnet.