"Seit das kleine Amphietheater zwischen Leopoldstraße und Kunstverein Anfang der 2000er Jahre gebaut wurde, fristet es eher ein Schattendasein. Ausgerechnet im Zuge der Corona-Krise wurde es nun aber wiederentdeckt: Die heimische Agentur Streckenbach nutzte es für mehrere Comedy- und Musikveranstaltungen, zu denen an den vergangenen Wochenenden insgesamt mehr als 900 Zuschauer kamen. Geschäftsführer Oli Schneider ist aber nicht nur froh, das bislang kaum genutzte Amphietheater entdeckt zu haben, sondern auch, dass mit der Veranstaltungsreihe "Coburg trotz(t) Corona!" ein wichtiges Signal gesendet wurde.

Zehn von zehn Veranstaltungen praktisch ausverkauft - haben Sie mit einer solchen Resonanz auf die Veranstaltungsreihe "Coburg trotz(t) Corona!" gerechnet?

Oli Schneider: Ganz ehrlich: Es hätte mich sehr gewundert, wenn es nicht geklappt hätte, denn es gab kein alternatives Kulturangebot, und der Mensch braucht Kultur für seine Seele und das auch in Corona-Zeiten. Ich habe nicht einen Moment gezweifelt, dass es nicht klappen könnte. - Was mich persönlich sehr freut, ist, dass mit "Gizela" eine regionale Band so eine positive Zugkraft entwickelt hat, dass wir sogar noch einen Zusatztermin eingeschoben haben. Toll, dass die eigenen, örtlichen Helden, in dem Fall "echte Männer", so abgefeiert werden!

Wie wichtig war es für Sie als Konzertveranstalter, zumindest wieder ein kleines Lebenszeichen aussenden zu können?

Wir leben vom Kultur-, Unterhaltungsmanagement und haben schon deshalb gar keine Wahl. Ein Lebenszeichen musste her. Unser Segment ist die sogenannte Kleinkunst mit Schwerpunkt Comedy und Kabarett. Wir haben uns, dank Corona, in andere Genres reingedacht. Nicht, dass die uns vorher unbekannt waren - aber so mussten wir uns und unser Tun zwangsläufig hinterfragen. Das macht Spaß! Sich einfach mal neu erfinden - das hat was. Zukünftig werden wir auf jeden Fall in der Themenwahl flexibler handeln. Uns ist eine kleine feine Veranstaltung genauso viel Wert wie eine Arenen-Show, welche wir in normalen Zeiten mit großen, namhaften Künstlern ebenfalls betreuen. Unser Feuer brennt also noch und das ist fein, denn das ist letztlich unser Antrieb und macht uns als Agentur aus.

Wie ist aktuell die Stimmung sowohl in der Künstlerbranche als auch bei Veranstaltern wie Ihnen?

Die Idee, im Sommer im kleineren Rahmen nach draußen zu gehen, wird von vielen Kollegen im gesamten deutschsprachigen Raum aufgegriffen. Wir Coburger waren bundesweit tatsächlich mit die Ersten. Vor der Premierenveranstaltung liefen wir mit unserem Veranstaltungshinweis auf Bayern 3. Das war schon eine tolle überregionale Bestätigung. Nennen wir unser Engagement einen Moment des Aufbäumens. Schaue ich in den Herbst, wird mir übel. Unsere Branche plant weit im Voraus. 60 Prozent unserer Aufträge werden mindestens wegbrechen und 50 Prozent davon können nur mit halber Kapazität stattfinden. Der Stresstest für die Kreativen hält an, und die kurzzeitig positivere Stimmung wird im Herbst und im Winter der Ratlosigkeit weichen. Wir versuchen dagegenzuhalten und führen bereits jetzt Gespräche für Möglichkeiten innerhalb des vorgegebenen Hygienerahmens. Unsere Planungen müssen auch wirtschaftlich Sinn machen. Wir hoffen das Beste und bleiben aktiv dran.

Was wünschen Sie sich von den Verantwortlichen - sowohl auf regionaler als auch überregionaler Ebene -, damit die Kulturbranche wieder auf die Beine kommt?

Regional mag ich mich für den Moment gar nicht beschweren. Wir haben viele Unterstützer unserer Ideen gefunden. Ob Coburg Marketing, das Team vom Kunstverein Coburg, Radio Eins oder vor allem auch unser Hauptsponsor, die VR-Bank, der immer für spannende, sachliche und gleichzeitig innovative Gespräche zu haben ist. Das ist immer ein schöner Austausch und macht richtig Mut. Im Grunde wünsche ich mir mehr mutige Kommunikation mit den regionalen Playern. Sich öffnen und mal gemeinsam ein Kulturprojekte zu Ende denken oder es zumindest zu versuchen. Das klappt leider nicht mit allen Machern der Stadt so gut, aber es wäre jetzt unfair, hier Namen zu nennen. Die, die es betrifft, spreche ich direkt an. Da kenne ich nichts.

Auf überregionaler Ebene wünsche ich mir von der Politik mutige Entscheidungen, besonders für die Veranstaltungswirtschaft. Die allgemeine Lage der Branche ist spätestens jetzt hoch dramatisch. Große Hoffnung, dass sich kurzfristig etwas ändert habe ich nicht. Es geht ans Eingemachte. Weitere harte Monate stehen uns und unseren Kollegen bevor.

Wie sind Sie eigentlich auf das Amphietheater als Veranstaltungslocation gekommen, und könnten Sie sich dort - egal, ob mit oder ohne Corona - ein weiteres "Bespielen" vorstellen?

Ich laufe mit offenen Augen durch unsere Stadt, in der ich gefühlt schon immer unterwegs bin und seit fast 25 Jahre lebe. Das Theater am Kunstverein ist mir schon oft aufgefallen - besonders zur Museumsnacht, welche wir über die Agentur organisieren. Letztlich war klar, dass mit der Öffnung für die Kultur folgende Kriterien eingehalten werden müssen: Die Veranstaltung muss draußen sein, die Mindestabstände sind einzuhalten und geregelt sein müssen auch die Toilettensituation und die Laufwege des Publikums. Das kann dort alles sehr gut umgesetzt werden. Freilich bleiben wir jetzt nach dem schönen Erfolg am Ball und denken bereits jetzt für 2021 nach. Wir machen genau dort, am Kunstverein im Amphietheater auf jeden Fall weiter. Das Ambiente ist toll und die Uhrzeiten, Beginn 18 Uhr, kamen ebenfalls gut an. So wird auch niemand in seiner Nachtruhe gestört. Vielleicht klappt es im nächsten Jahr bereits wieder mit Tanzen und mehr Nähe. Das wäre wundervoll.

Was war für Sie das Highlight bei "Coburg trotz(t) Corona", oder gab es eine besonders witzige/schöne Anekdote?

Die allgemeine Atmosphäre vor Ort und das immer gute Wetter waren toll. Letzteres war schon fast beängstigend. Das Wetter hat wirklich immer gepasst. Zur Auftaktveranstaltung mit Andreas Kümmert haben wir echt gezittert, ob uns das nahende Gewitter einen Strich durch die Rechnung macht. Der Anfang ist wichtig, egal bei was. Der Manager von Andreas Kümmert rief gegen 15 Uhr an: Er fragte, ob sie überhaupt losfahren sollen, denn bei ihnen im Raum Würzburg sei gerade Unwetter. In Coburg war nichts, und so konnte ich positiv motivieren: Jungs, ab ins Auto und ab in die Sonne nach Coburg! Toll war auch, dass sich immer zur Showtime die umliegenden Balkone gefüllt haben. Das hat schon das Gefühl vermittelt, dass wir hier etwas Besonderes veranstalten. Das Flair war dann - egal, wer aufgetreten ist - unglaublich toll.

Ach ja, eine Beschwerde wegen "Ruhestörung" gab es per Mail. Aber das ist halt so, und hätte es die nicht gegeben, hätte ich diese fast vermisst... Allen kann man es einfach nicht recht machen. Nicht in Coburg!

Das war "Coburg trotzt(t) Corona"

Hintergrund Auftakt für die Veranstaltungsreihe "Coburg trotz(t) Corona" war Ende Juni mit Andreas Kümmert. An den darauffolgenden Samstagen folgte die Coburger Band Gizela (mit Zusatzkonzert am Sonntag), der Kulmbacher Stefan Eichner (einmal mit Songs von Reinhard Mey, einmal als "Das Eich"), der Coburger Zauberkünstler Marcus Geuss alias "Marcelini" (inklusive einer speziellen Kinderzauber-Show am Nachmittag), das Comedy-Duo Streckenbach & Köhler, die Sängerin Laura Mann (gemeinsam mit dem Gitarristen Florian Berndt) sowie zum Abschluss am Samstag (15. August) der Nürnberger Hardcore-Comedian Bembers (ausverkauft!). Auflagen Zugelassen im kleinen Amphietheater unterhalb des Pavillons vom Coburger Kunstverein waren jeweils 92 Zuschauer auf nummerierten Sitzplätzen. Beginn der 90-minütigen Programme war immer um 18 Uhr.