Hinter einer Eisentür lodern Flammen in einem Gewölbe aus Backsteinen. Helmut Florschütz hat die Tür geöffnet, weil er nachlegen muss. "Wir heizen noch mit Holz, nicht elektrisch, wie die Großen", sagt er. Es klingt ein wenig Stolz durch. Das Feuer brennt unter dem Sudkessel des historischen Roßfelder Brauhauses. Die "Großen", das sind industriell arbeitende Brauereien, deren Namen jeder aus der Fernsehwerbung und deren Bier jeder aus dem Supermarkt kennt. Der Brauverein aus Roßfeld macht keine Fernsehwerbung. Das Bier, das einmal im Monat gebraut wird, gibt es in keinem Supermarkt. "Wir geben nur an die Mitglieder ab und wir haben einen Anmeldestopp", sagt Helmut Florschütz. 80 Namen stehen für den Brauverein. 160 Kästen Bier gibt es nach einem Brautag. Manche wollen einen, andere drei, aber Ausstoß und Abnehmer sind im Gleichgewicht. So soll es bleiben.


Malzsäcke wollen geschleppt sein

Es ist acht Uhr. Das Feuer hat das Wasser im Sudkessel wohl temperiert. Gut, dass Klaus Freitag und Karl-Heinz Mikolajczak schon da sind, denn es gilt, acht Zentner Gerstenmalz die steile Stiege zum Sudkessel hinauf zu wuchten. Es kommt von der Malzfabrik in Mellrichstadt und muss jetzt in den Kessel. Das Rührwerk wird heute von einem kleinen Motor angetrieben. Aber sonst hat sich im Roßfelder Brauhaus seit seiner Errichtung im Jahre 1784 nicht viel geändert. Helmut Flohrschütz hat von jetzt an das Thermometer am Sudkessel im Blick. In Stufen wird die Temperatur erhöht, bis sie 78 Grad Celsius erreicht. Dabei ist Kopfrechnen gefragt. Das Instrument ist schon ein wenig älter und zeigt Grad Réaumur an (100 Grad Celsius entsprechen 80 Réaumur). Die Maßeinheit kam 1730 auf. Als das Brauhaus gebaut wurde, war sie aktuell.


Zeit zum Erzählen

Während der Sud im Kessel heißer und heißer wird, haben die Männer Zeit. Nur das Feuer und das Thermometer verlangen ihre Aufmerksamkeit. Sie erzählen ein wenig. Vom Verein und den Schwierigkeiten, die es vor ein paar Jahren gab. Der alte Braumeister hörte auf, ein neuer Vorsitzender musste auch gefunden werden. Die Frage stand im Raum, ob das Brauen aufgegeben werden sollte. Eine existenzielle Frage, denn wenn der Sudkessel über ein Jahr trocken bleibt, könnte die Konzession erlöschen, die das Dorf nur noch hat, weil seit 1784 immer gebraut wurde. Hört das auf, gibt es für die Braustätte in dieser Form keine Genehmigung mehr.
Helmut Florschütz ist kein Braumeister. "Vor einigen Jahren hat mir meine Frau einen VHS-Kurs Bierbrauen geschenkt", sagt er. Sie ahnte wohl nicht, dass sie damit eine neue Leidenschaft bei ihm wecken würde. Als angemeldeter Hobbybrauer versorgt er sich schon lange selbst zu Hause mit eigenem Bier. Inzwischen gibt er selbst Braukurse. "Das hier ist schon etwas anderes", sagt er. Schließlich wird im Brauhaus mit ganz anderen Mengen gearbeitet als in seiner Hobbybrauerei, deren Sudkessel ein umfunktionierter Waschkessel ist. Doch er hat sich gut eingearbeitet und den Einstieg nie bereut.
"Mal mache ich ein Bier in Pilsener Art, gerade im Sommer zum Grillen beispielsweise", sagt er. Wenn es kühler wird, gibt es ein Landbier. Das Osterbier ist ein wenig dunkler und das Weihnachtsbier schon ein echter Bock mit siebeneinhalb statt der sonst üblichen fünf Prozent Alkohol. Was entstehen soll, steuert Helmut Florschütz mit dem Hopfen. Mehr davon (heute sind es zwei Kilo) erhöht den Pilsener-Charakter, weniger lässt das Malz etwas mehr durchschmecken, das je nach Röstgrad die Farbe bestimmt.
Nach dreieinhalb Stunden und etlichen Holzscheiten sind die 78 Grad erreicht. Zeit für den Jod-Test. Klaus Freitag steigt mit den nötigen Utensilien hinauf zum Sudkessel. Er entnimmt eine kleine Menge der Flüssigkeit, die einmal ein gutes Bier werden soll, und tropft in einer Schale Jod dazu. "Es darf nicht bläulich werden, sonst ist die Stärke noch nicht ganz in Zucker umgewandelt", erklärt er. Es wird nichts blau. Karl-Heinz Mikolajczak und Helmut Florschütz bringen ein dickes Kupferrohr an, dann lassen sie den Sud in den Klärbottich fließen. Das Brauhaus füllt sich mit Dampf und einem Duft, der schon ahnen lässt, was hier entsteht. "Ein Wohlgeruch, gell?", ruft Flohrschütz, um das Rauschen des Suds zu übertönen. Im Bottich setzen sich nun feste Bestandteile ab. "Durch den Satz geht dann das Flüssige durch und nimmt alles Gute mit", sagt Karl-Heinz Mikolajczak und strahlt.


Mit dem Hopfen wird gekocht

Die Flüssigkeit mit all dem Guten darin wird wieder in den Sudkessel hinauf gepumpt. Dann wird wieder Feuer gebraucht. Jetzt kommt der Hopfen (er kommt aus Spalt) dazu und der Sud muss kochen. Dann wird er zum Abkühlen über Nacht in ein flaches Becken gelassen. Erst am nächsten Tag kann er weiter fließen in den Gärbottich. Jetzt wird die Hefe zugegeben, die vom Grosch in Rödental kommt, und alles muss mehrere Wochen gären, ehe das Bier in die Flaschen und die Flaschen zu den Mitgliedern des Vereins kommen können.
Brauen ist in Roßfeld noch echte Handwerkskunst, was Helmut Florschütz veranlasst, zu sagen: "Wir machen eigentlich echtes Craft Bier." Handwerklich hergestellt von einer kleinen unabhängigen Brauerei nach traditioneller Braukunst und mit möglichst nicht mehr als Wasser, Hopfen, Malz und Hefe - so muss ein Bier sein, um nach amerikanischer Auffassung als "Craft Beer" zu gelten. Solche Biere, als Gegenpol zu den industriell produzierten, sind seit ein paar Jahren in den USA in Mode. In Franken würde wohl fast jede Brauerei nach amerikanischer Auffassung als "Craft-Brewery" gelten. Die in Roßfeld tut es allemal - aber so was von.