Vergänglichkeit ist das Schicksal von Bühnenbildern. Die Hilfsmittel des schönen Scheins werden schließlich nur benötigt, solange sich der Theatervorhang hebt. Wenn ein Stück aber abgespielt ist, verschwindet auch das Bühnenbild auf Nimmerwiedersehen - zumindest in den meisten Fällen.

Und doch haben erstaunlich viele Teile eines ausrangierten Bühnenbildes ein zweites Leben - sie werden in verwandelter Form wiederverwendet, erzählt Rainer Schirmer, Werkstättenleiter des Landestheaters. Denn bemalte Leinwände zum Beispiel können übermalt werden. Wenn bei einem Prospekt Lasurmalerei verwendet wurde, "kann eine Leinwand drei- bis viermal übermalt werden", sagt Schirmer. Wenn die Farbschicht aber sehr dick ist, dann nur noch ein-, maximal zweimal. Schwierig wird es mit der Wiederverwertung auch, wenn die Farben sehr intensiv sind: "Dunkelrot oder Dunkelblau schlägt oft durch, wenn man mit einer hellen Farben übermalt."

Die Staumöglichkeiten im Werkstättengebäude sind begrenzt. Deshalb werden gebrauchte Leinwände von den Latten gelöst und aufgerollt aufbewahrt. In Regalen warten sie auf ihre nächste Verwendung. Wiederverwendbarkeit ist auch bei den Bodentüchern ein wichtiger Aspekt - sie werden mehrfach genutzt und "bis zum Verschleiß aufgebraucht."

Auch die sogenannten Prospektlatten "werden immer wieder verwendet, oft über Jahre hinweg - bis sie irgendwann mal gebrochen sind". Sie messen im Querschnitt standardmäßig sechs mal drei Zentimeter und werden durch fachgerechtes Verleimen auf die gewünschte Gesamtlänge gebracht. Maximal elf Meter Länge sind das Standardmaß am Landestheater - entsprechend der Breite der Bühne.

Sparsam mit Ressourcen umgehen

Wieviel Quadratmeter Leinwand pro Jahr für die Neuinszenierungen am Landestheater benötigt werden, lässt sich gar nicht genau beziffern. "Das hängt von den Ausstattern ab", sagt Schirmer. 60 Meter Länge und 6,2 Meter Breite passen auf eine Rolle Nessel-Leinwand. "Manchmal brauchen wir zwei Rollen pro Jahr, manchmal reicht eine Rolle auch eineinhalb bis zwei Jahre. Prospektnessel lautet die genaue Bezeichnung. "Das ist keine richtige Leinwand, sondern ein Baumwollstoff mit 200 Gramm Gewicht pro Quadratmeter".

Beim Umgang mit Materialressourcen konkurriert der Wunsch nach Sparsamkeit und Wiederverwendbarkeit mit den ästhetischen Ansprüchen der Regie und der Ausstattung. Der Drang zur Wiederverwendung stößt dann an Grenzen, wenn beispielsweise die bemalte Prospektleinwand aus Gründen von Optik und Statik auf eine Rückwand aus Sperrholz aufgeklebt wird. Denn dann lässt sich die Leinwand zur Wiederverwendung nicht mehr unversehrt ablösen.

Dabei hat die Kombination bemalter Leinwand auf Sperrholz gegenüber der Malerei auf Sperrholz den Vorteil, dass das Holz nicht mit viel Aufwand für das Bemalen vorbereitet werden muss. Zudem kann im Malersaal schon die Arbeit beginnen, während in der Tischlerei noch an der Sperrholzwand gearbeitet wird.

Doch abgesehen von der Leinwand: abgespielte Bühnenbilder werden stets gründlich ausgeschlachtet, betont Rainer Schirmer. Scharniere, Türgriffe, Lichtinstallationen, Rollen - alles, was wiederverwendbar ist, wird abgeschraubt und für den nächsten Einsatz aufbewahrt. Bei Bedarf werden Metallteile dann in der Schlosserei des Landestheaters entsprechend umgearbeitet.

Das gilt auch für den Bereich Ornamentik. Stuckimitationen, die festgetackert oder aufgeklebt werden, sollen möglichst unbeschädigt gerettet werden. "Wir haben dafür ein kleines Lager mit vorgefertigten Teilen, sagt Schirmer.

"Das ist ja ein Kostenfaktor"

In besonderen Fällen werden sogar größere Teil eines Bühnenbildes erneut verwendet. Beim Ravel-Opern-Abend, der im Oktober Premiere feierte, waren Nachbauten der Proszeniumslogen des Landestheaters auf der Bühnen zu sehen. Ursprünglich waren diese Nachbauten für Bohuslav Martinus Oper "Die griechische Passion" gedacht. Doch diese Inszenierung wurde letztlich wegen der Corona-Krise und des langen Lockdowns gar nicht verwirklicht.

Sparsam und mit Bedacht mit dem Material zugehen - das war in den Werkstätten des Landestheaters schon seit langen Jahren ein wichtiges Thema jenseits aller Nachhaltigkeits-Überlegungen. "Das ist ja ein Kostenfaktor", sagt Rainer Schirmer: "Wir versuchen, Müll zu vermeiden, wo immer das geht."

Auch generell hat sich der Umgang mit den verwendeten Materialien verändert. "Früher ist noch sehr viel mit Styropor gearbeitet worden", sagt Schirmer: "Das haben wir inzwischen verbannen können." Auch lösemittelhaltige Farben wurden längst aus dem Sortiment der verwendeten Materialien rausgeschmissen: "Wir arbeiten jetzt mit Dispersionsfarben oder Acrylfarben, das ist von der Umweltbelastung her viel besser."

Wiederverwendung - das gilt auch für große Vorhänge, die in der Nähstube der Werkstätten umgenäht werden können. Besonders Möbel steht ganz oben auf der Wiederverwendungs-Liste. Bei Bedarf können hölzerne Stühle in neuen Farben lackiert, Sessel in neuen Stoffen aufgepolstert werden.

Kleines Nachhaltigkeits-Lexikon

Lappenlager "Unsere Putzlappen machen wir selbst", sagt Werkstätten-Leiter Rainer Schirmer. Das Ausgangsmaterial bringen die Mitarbeiter von daheim mit: aussortierte Bettwäsche beispielsweise.

Farbeimer werden nicht entsorgt, sondern erneut verwendet, nachdem die Farbreste herausgekratzt wurden. "Die meisten Farben mischen wir selber an", erklärt Schirmer - dafür ist die Farbküche gedacht, in der auch die häufig verwendeten Pigmentfarben vorrätig sind.

Prospektlager Hier warten aktuell rund 15 Prospekte auf ihre Wiederverwendung, darunter Himmel und Waldszenen. Manchmal muss ein

solcher Prospekt in der Größe ein wenig angepasst oder überarbeitet werden. Erst, wenn eine direkte Wiederverwendung in einer neuen Produktion wenig wahrscheinlich wirkt, wird der Prospekt neu grundiert und kann anschließend erneut bemalt werden.

Stofflager Hier werden beispielsweise Gardinen und Vorhänge aufbewahrt - jeweils mit einer Beschriftung versehen, aus welcher Produktion sie stammen.

Möbellager Hier finden sich Stühle in vielen Varianten ebenso wie Sofas und Tische, Kirchenbänke und Särge. Bei Bedarf können Sofas einen neuen Bezug in der gewünschten Farbe erhalten, Stühle farbig lackiert werden.