So hatte sich Alexander Schunk sein erstes Jahr als Vereinsvorsitzender der Roßfelder Musikanten wahrlich nicht vorgestellt. "Super Einstieg", sagt er gefrustet, betont aber, dass er und seine Musikanten sich nicht unterkriegen lassen. Immerhin darf die Musikgruppe nach einem Vierteljahr coronabedingter Zwangspause seit einigen Monaten wieder proben. Öffentliche Auftritte gibt es aber kaum, von einem Geburtstagsständchen hier oder einem Kurkonzert dort mal abgesehen.

Dabei hatte das Jahr so gut angefangen. Fleißig probten die Roßfelder Musikanten für das Osterkonzert im April, und auch die Planungen für andere Konzerte und Auftritte hatten langsam Gestalt angenommen. Mitte März waren die Musikanten noch zu einem Probenwochenende nach Erfurt gereist. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Schunk schon ein flaues Gefühl, das sich mit dem anschließenden Lockdown bestätigte. Alle Konzerte und Veranstaltungen abgesagt, keine Proben, Kontaktbeschränkung - das volle Programm.

Der Musikverein im Bad Rodacher Stadtteil hat es wie so viele andere Vereine nicht leicht. Nach reiflicher Überlegung wurde nun auch das Herbstfest abgesagt. "In normalen Jahren", erzählt Schunk, der seit 1997 im Orchester Posaune spielt, "machen wir rund 100 Tage im Jahr gemeinsam Musik, bei Auftritten oder Proben. Heuer sind es vielleicht 50 und davon mehr als 90 Prozent Proben." Vergangene Woche durften die Musiker ein Geburtstagsständchen spielen und am Sonntag ein Kurkonzert. Aber das war es auch schon für 2020. "Dabei gibt es nichts Schöneres für einen Musiker als auf der Bühne zu stehen. Die Proben sind Pflicht, aber die Bühne ist Kür", erklärt Schunk unisono für alle.

"Gemeinschaft hat gefehlt"

Musik ist vor allem Herzblut und Leidenschaft. Die Pandemie trifft den Verein aber auch aus finanzieller Sicht hart. Unterstützung haben die Musikanten zwar von der Bürgerstiftung Bad Rodach und von der VR-Bank erhalten, aber auf den Aufwandsersatz vom Nordbayerischen Musikbund, so Schunk, warte man noch. Und selbst dies sei nur eine Kostenerstattung und könne den entgangenen Umsatz nicht ausgleichen. Dabei lebt der Verein von und mit Auftritten. "Das gemeinsame Musizieren hat mir sehr gefehlt", sagt Andrea Büschel. Auch Tim Brückner, der Jugendvertreter im Ensemble, hat seine Musikfreunde sehr vermisst. "Ein bisschen Entschleunigung", fügt Mama Mandy hinzu, "war schon ganz gut, aber die Gemeinschaft hat Tim schon gefehlt".

Soweit das Wetter passt und es noch nicht zu früh dunkel ist, finden die Proben auf dem Sportplatz neben der Alten Schule statt. Da ist der Abstand gesichert. Der Probenraum ist bei zwei Meter Abstand und rund drei Quadratmeter pro Musiker zu klein. Glücklicherweise gibt es eine Alternative.

Die Familie des jüngsten Orchestermitglieds hat einen Stall, oder besser gesagt eine größere Maschinenhalle, zur Verfügung gestellt. Hier finden die Musiker ausreichend Platz. Aber wenn der Winter kommt und es kalt wird, geht das auch hier nicht. Nur gut, dass da Stephan Schink auf die Nöte der Roßfelder Musiker aufmerksam geworden ist. Der Unternehmer aus Breitenau hat jetzt angeboten, dem Orchester für Proben in der kalten Jahreszeit eine seiner warmen Hallen zur Verfügung zu sein. Denn ist sei es schon eine Mammutaufgabe für den Verein, meint Schunk, das alles durchzustehen. Zum Glück, meint er und klopft auf Holz, habe es im Ensemble und im Verein bisher keine Corona-Fälle gegeben.

Die Nachwuchsarbeit wollen die Roßfelder auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Das, erinnert sich Schunk, hätte dem Verein 1995 fast das Genick gebrochen. Man beschloss damals, die Jugendausbildung wieder aufzunehmen. Es war die Zeit, als auch Schunk und Christian Mildenberger, seit zehn Jahren der Dirigent, in die Fußstapfen ihrer Väter traten - übrigens so wie 13 andere Kinder auch.

So startet im September wieder die Bläserklasse, ein Ausbildungsprogramm des Musikvereins in Zusammenarbeit mit der Schule und der Stadt. Für die ersten und zweiten Klassen gibt es musikalische Früherziehung in Form einer Blockflötenklasse, ab der dritten Jahrgangsstufe die Bläserklasse für Blech- und Holzbläser. Mehr als 40 Kinder im Grundschulalter werden so ausgebildet. Der Verein stellt kostenlos Instrumente, Noten und Lehrer zur Verfügung. Am 26. Oktober ist ein Bläserklassen-Workshop geplant. Diese Nachwuchsarbeit, sagt Schunk, sei das Aushängeschild und eine Erfolgsgeschichte, ebenso wie die böhmische Blasmusik. Die Zahlen unterstreichen dies: Von den 38 Musikern sind 15 Kinder und Jugendliche.

Die Hoffnungen auf ein erfolgreiches 2021 sind nicht so groß. "Wenn über den Winter keine Proben möglich sind", so Schunk, "können wir auch dieses Osterkonzert wahrscheinlich vergessen." Mit der Veranstaltungsplanung wartet man ohnehin ab. Aber von einem ist der Vereinschef fest überzeugt: "Wir werden als Verein durch die Krise kommen, im besten Fall gestärkt und mit mehr Zusammenhalt." Alles, was sonst noch bevorsteht, habe man ohnehin nicht in der Hand. "Wir lassen uns nicht unterkriegen."

Im Landkreis gibt es 17 Musikvereine, die alle vor den gleichen Problemen stehen: Probenräume können nicht genutzt werden, Alternativen gibt es kaum. "Es hat nicht jeder Glück, wie die Roßfelder mit dem Stall", sagt Norbert Oppel, Kreisvorsitzender des Nordbayerischen Musikbunds. Es sei zumindest ein Trostpflaster, dass Ständchen zur Kirchweih gespielt werden dürfen - am besten, rät Oppel, in Absprache mit dem Ordnungsamt.