Eigentlich schauderhaft. Die vier Altgedienten sind nicht mehr produktiv genug und müssen weg. Der Kopf des Esels liegt schon auf dem Hackstock. Der Hahn wird bald geschlachtet. So gnadenlos ist die Ausgangslange im Märchen der Brüder Grimm, das vor 200 Jahren in die Sammlung aufgenommen wurde.

Und zumindest in der Gestalt des Esels gibt auch die diesjährige Weihnachtsinszenierung des Landestheaters Coburg ein drastisches Bild: eine riesige Klappergestalt, abgerissenes Fell, das Vieh geht an Krücken, einzelne Körperteile sind bereits zum Skelett geworden.

Der schwerhörige Hund bellt nur noch "waswas". Die Augen der Katze blicken schon aus dieser Welt. Und der Hahn ist zwar noch laut, aber fettgefüttert rollt er mit zerrupften Federn auf den Kochtopf zu. Doch: "Was Besseres als den Tod findest du überall", lautet die Antwort des Märchens auf die desolate Existenz, weshalb sich die vier auf nach Bremen machen. Denn dort ist alles gut. Märchen muss sein.

Heitere Inszenierung

"Die Bremer Stadtmusikanten" am Landestheater Coburg fallen durch die teils surrealistische Bühnen- und Kostümgestaltung von Thomas Rump ins Auge. Der Wald, in dem die Räuber sind, droht aus finster gestaffelten Kulissen. Gegen das düstere Thema allerdings setzt die extra angefertigte Bühnenfassung des Märchens durch Gastregisseur Philipp Löhle (2017 war der hier schon für Charles Dickens "Eine Weihnachtsgeschichte" verantwortlich) auf Situationskomik in eher gemächlicher Szenenentwicklung, bewusstes Schauspieler-Theater, was heuer vor allem den jüngeren Kindern im Publikum entgegenkommt. Ihnen gilt auch die Räuberszenerie nach der Pause, die ein Kapitel in Angstbewältigung wird.

Karsten Zinser als beeindruckend skurriler Esel, Niklaus Scheibli scharwenzelnd als ehemals exzellenter Jagdhund, Luisa Maria Schmidt als Katze und Alexander Tröger als in den vielfältigsten Tönen klingender Hahn treten dabei von Anfang an musikantisch auf. Tatsächlich sind diese "Bremer Stadtmusikanten" ein kleines Musical, in dem die vier Protagonisten ihre (seelische) Lage singend darstellen, sich selbst auf diversen Instrumenten begleitend. Der Komponist Thomas Esser hat eingängige "klassischhartpoppige" Songs geschaffen und mit dem Coburger Ensemble einstudiert. Das Publikum war bei der gestrigen Premiere im vollen Haus schnell dabei, im Schluss-Song gar richtig lautstark. Große Begeisterung nach diesen tröstlichen, üppigen anderthalb Stunden Kindertheater.

Landestheater Coburg Die Bremer Stadtmusikanten. Familienstück zur Weihnachtszeit von Philipp Löhle, nach dem Märchen der Gebrüder Grimm. Ein Auftragswerk für die Theater Paderborn und Coburg.

Die Produktion Inszenierung Philipp Löhle, Ausstattung Thomas Rump, Musikalische Leitung Thomas Esser, Dramaturgie Carola von Gradulewski, Theaterpädagogik Christin Schmidt. Darsteller: Friederike Pasch, Karsten Zinser, Niklaus Scheibli, Luisa Maria Schmidt, Alexander Tröger, Statisterie des Landestheaters Coburg. Zahlreiche weitere Vorstellungen bis Januar.

Der Regisseur Philipp Löhle wurde 1978 in Ravensburg geboren und wuchs in einem Stadtteil von Baden-Baden auf. Er studierte in Erlangen Geschichte, Theater- und Medienwissenschaften und Germanistik. Schon während des Studiums schrieb er seine ersten Stücke und war mit Kurzfilmen auch an den Erlanger StummFilmMusikTagen vertreten. 2006 nahm er eine Stelle als Regieassistent am Theater Baden-Baden an. Er wirkte am renommierten Londoner Royal Court Theatre. 2008 wurde er Hausautor am Berliner Maxim-Gorki-Theater. Den Durchbruch als Dramatiker schaffte Löhle mit seinem Stück "Genannt Gospodin", das 2007 am Schauspielhaus Bochum erstmals zur Aufführung kam und mehrere Auszeichnungen erhielt. Löhles Stücke wurden unter anderem am Bayerischen Staatsschauspiel, am Wiener Schauspielhaus, an der Schaubühne am Lehniner Platz und am Maxim-Gorki-Theater in Berlin aufgeführt.