Verdient hat er dieses versöhnliche Ende nicht, Peer Gynt, der Herumtreiber, der nach einem Leben voller Unfug und mehr oder weniger mutwillig verursachtem Schaden in die Arme Solveigs zurückkehren darf, in die Ruhe der nordischen Wälder, unter den Schutz einer gigantischen, Anfang und Ende, Sein und Nichtsein in sich bergenden Baumskulptur. Wir kehren mit ihm dort ein, im Frieden von Solveigs Lied. Im Landestheater Coburg.
Den jubelnden, ausdauernden, hingerissenen Premierenbeifall aber hat das fulminante Coburger Produktionsteam bis ins letzte Händeklatschen verdient (wenn auch nicht die gut gemeinten, aber die Stimmung zerschlagenden Zwischenklatscher).

Mit Mark McClains Handlungsballett "Peer Gynt" hat das Landestheater auch in der Sparte Tanz erneut ein großes, strahlendes, tief berührendes Kunst-Werk im Spielplan. Es strahlt in emotionaler Tiefe aus der wunderbaren ästhetischen Klarheit des immer wieder überraschenden Raumes von Ausstatter Karlheinz Beer. Dort führt das wie in einem überrealen Traum zugleich konzentriert und losgelöst spielende Philharmonische Orchester des Landestheaters unter Leitung von Roland Fister in eine Erlebnisintensität aus intellektueller Reflexion, berauschender Gefühlswelt und Sinnlichkeit, wie sie nur das (Tanz)Theater bieten kann, zum Ausdruck gebracht vor allem auch durch Mark McClains Körpersprache in der Entfaltung durch diese beeindruckende Tanzcompagnie des Landestheaters.

Es sind nicht nur die "Peer Gynt"-Suiten von Edvard Grieg, die das Coburger Orchester zwischen zartester Seelen-Romantik und stürmender Weltengewalt, mit solistischem Melodienzauber und weit umfassendem Gesamtklang los lässt an diesem auch musikalisch großen Premierenabend. Teile aus Aaron Coplands "Appalachian Spring" und Issac Albéniz "Iberia" werden geschickt verwoben zu einer weit führenden musikalischen Geschichte über das Leben, zudem mit Erwin Schulhoffs Tanz-Groteske "Die Mondsüchtige" (höchst interessant zu erleben auch diese allmählich wiederentdeckte Musik des im Weißenburger NS-Lager ermordeten Komponisten). Und dann führt das Orchester auch noch emotional folgerichtig bis in Gustav Mahlers schwermütig erhebendes Adagio aus seiner 10. Sinfonie.


Po-Sheng Yeh als Peer Gynt

Unter dem farblich sich immer wieder wandelnden Leucht- und Lebensring Karlheinz Beers, in dessen dezent, aber ungemein wirkungsvoll durch kunstvolles Licht-Arrangement (André Fischer) übertragenen abstrakten Malereien, zieht Po-Sheng Yeh als Peer Gynt durch sein abenteuerliches Leben. Nichts ist bös gemeint, aber auch nicht gut.

Po-Sheng Yeh zeigt diese sehr moderne Gestalt Henrik Ibsens in der ausgereiften Prägnanz seiner Bewegungen als ewig Suchenden, der sich jedoch nie wirklich auf die Welt(en) einlässt. Sein Mensch-Sein wäre verloren, vertan, wenn ihm nicht - märchenhaft, trotzig und verzweifelt einfach behauptet vom Dichter - weibliche Erlösung zuteil würde.

Das kleine Coburger Tanzensemble muss in diesem umfangreichen Stück in zahlreiche Rollen und in die wiederum von Karlheinz Beer dafür geschaffenen, witzig und treffend charakterisierenden Kostüme schlüpfen. Höchste Achtung allein vor der körperlichen Leistung, die McClains reichhaltige Choreografie einfordert. Und die nicht nur bewältigt wird, sondern von den einzelnen Tänzerpersönlichkeiten oftmals gesteigert wird zu Körperbildern von höchster Intensität. Eun Kyung Chung als Mutter Ase, Natalie Holzinger als Ingrid, Lauren Sargent als Solvejg, Chih-Lin Chan als feenhafte Trollprinzessin, Adrian Stock als expressiver Bergkönig, Eriko Ampuku als Anitra, Federico Frigo, Takashi Yamamoto und Jaume Costa - das sind die Namen der Darsteller, deren Kunst nur im Moment der Aufführung existiert, dabei aber Bilder und Wirkung schafft, die sich dem, der sich dafür zu öffnen versteht, geradezu einbrennen.

Handlungsballett verfällt leicht der Neigung zu krampfhaftem pantomimischen Erzählzwang. Mark McClains Tanzsprache vermag in diesem Bühnenstück immer wieder, die Grenzen des Klassischen hinter sich zu lassen. Der Coburger Ballettchef findet konzentrierte Körperbilder für die Seelenwirklichkeit der Gestalten: "Schwer der Sinn, mutwillig der Geist. Das Auge lacht, und das Herz zerreißt."

Landestheater Coburg: "Peer Gynt" - Ballett von Mark McClain nach dem dramatischen Gedicht von Henrik Ibsen, mit Musik von Edvard Grieg, Gustav Mahler, Erwin Schulhoff, Aaron Copland und Isaac Albéniz. Musikalische Leitung Roland Fister, Choreografie Mark McClain, Bühnenbild und Kostüme Karlheinz Beer, Dramaturgie Renate Liedtke.
Ausführende Po-Sheng Yeh, Eun Kyung Chung, Natalie Holzinger, Federico Frigo, Lauren Sargent, Eriko Ampuku, Chih-Lin Chan, Takashi Yamamoto, Adrian Stock, Jaume Costa. Statisterie. Es spielt das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg

Weitere Termine 27. Mai, 4., 5., 10., 12., 18. Juni, 19.30 Uhr im Großen Haus