Der Wilde Westen beginnt am Fuße des Coburger Hofgartens. Auf der Probebühne in der ehemaligen herzoglichen Reithalle gibt Kapellmeister Roland Fister an diesem Abend den Barpianisten. Klavierklänge zaubern Saloon-Atmosphäre zwischen provisorischen Kulissenversatzstücken. An der Wand: Till Kuhnerts Entwürfe zum Bühnenbild - klassische Szenen einer Western-Stadt. "Sheriff" prangt ein Schild an der Fassade eines dieser typischen Holzhäuser.

Die Reise führt nach Tombstone - in jene Stadt im Süden Arizonas, der die Entdeckung einer Silberader einst einen rasanten Bevölkerungszuwachs bescherte. "Tombstone oder Das Duell" hat Coburgs Schauspieldirektor Matthias Straub seinen Rock-Western genannt, der als erste Schauspiel-Produktion des Landestheaters in der neuen Saison am 5.
Oktober Premiere feiern wird.

Schräge Revue

Doch was heißt hier eigentlich Schauspiel? Die Musik gibt an diesem Probenabend ganz unverkennbar den Ton an. Die Mischung ist schillernd und schräg - Offenbachs "CanCan" kippt plötzlich in Western-Filmmusik um, während kesse Saloon-Damen die Röcke fliegen lassen und coole Revolverhelden plötzlich nicht zum Schießeisen, sondern zum imaginären Mikrofon greifen.
Straubs schräge Revue nimmt ungeniert Anleihen bei diversen Klassikern des Genres - von "Zwölf Uhr mittags" bis "Spiel mir das Lied vom Tod".

Kaum weniger skurril die Szenerie ein Stockwerk tiefer. Auf der Studiobühne der Reithalle warten Wladimir (Helmut Jakobi) und Estragon (Stephan Mertl) auf einen geheimnisvollen Fremden, der einfach nicht kommen will. Gastregisseur Johannes Zametzer probt Samuel Becketts "Warten auf Godot". Zwei Stühle - mehr Versatzstücke braucht Zametzer nicht, um dieses skurrile Spiel des Wartens auf die ansonsten leere Bühne zu bringen.
Mit unsichtbaren Fesseln scheinen Wladimir und Estragon aneinander gefesselt. Sie gehen sich beinahe permanent auf die Nerven und kommen doch nicht von einander los.
Szenenwechsel. Ravels "Bolero" tönt durch das Treppenhaus des Landestheaters, das hinauf führt zum Orchesterprobensaal. Doch Ravels markante Melodie über dem scheinbar endlos wiederholten Bolero-Rhythmus wird nicht live geprobt, sondern kommt aus dem Lautsprecher. Denn an diesem Vormittag probt hier nicht das Orchester, sondern das Ballett, das noch immer auf einen festen eigenen Ballettprobensaal warten muss. Gast-Choreograf Mark Spradling übersetzt den Bolero in ein Spiel von Annäherung und Abstoßung. Immer dichter werden die Klänge, immer dichter werden die Linien der Bewegung, die die Tänzer in den Raum zeichnen.

Hoffnungslos verliebter Nemorino

Regiearbeit ist auch ein Puzzle. Am Ende müsse viele Details an den richtigen Stellen zusammengefügt werden. Das zeigt eine szenische Probe mit dem Chor des Landestheaters für Donizettis "Liebestrank". Denn in der Regie von Jean Renshaw kommt dem Chor eine sehr wichtige Rolle zu. In Renshaws Konzept ist der Chor in dieser komischen Oper keine anonyme Masse, sondern eine Gruppe von Individuen mit vielen kleinen eigenen Geschichten. Dann wird aus einer reinen Chornummer plötzlich eine lebendige kleine Szene, wie sie sich in einem Dorf in der Toskana abspielen könnte, das hoffnungslos unter der Landflucht der jungen Leute zu leiden hat.
Der gerne zitierte demografische Wandel lässt grüßen - ganz ohne belehrenden Zeigefinger. Und mitten drin im Kreise der Greise - der gar heftig und scheinbar hoffnungslos verliebte junge Nemorino, der sich einen Trank aufschwatzen lässt, um doch noch das Herz der schönen Adina zu erobern, eben jenen vermeintlichen Liebestrank.


So startet das Landestheater in die neue Saison


Mittwoch, 18. September Liederabend Christian Gerhaher (Bariton), Gerold Huber (Klavier) - Festival "Lied & Lyrik" (20 Uhr, Großes Haus)

Donnerstag, 19. September Büchner "Woyzeck" (Wiederaufnahme, 20 Uhr, Reithalle)

Samstag, 21. September Donizetti "Der Liebestrank" (Premiere, 19.30 Uhr, Großes Haus)

Sonntag, 22. September Matinee "Nietzsche - Cosima Wagner", Philharmonisches Orchester, Leitung: Roland Kluttig - Festival "Lied & Lyrik" (11 Uhr, Großes Haus)

Montag, 23. September Liederabend Thomas Hampson (Bariton), Wolfgang Rieger (Klavier) - Festival "Lied & Lyrik" (20 Uhr, Großes Haus)

Samstag, 28. September Beckett "Warten auf Godot" (Premiere, 20 Uhr, Theater in der Reithalle)

Sonntag, 29. September Matinee zu "Tombstone - oder Das Duell" (11 Uhr, Reithalle)

Sonntag, 29. September Fister "Dorian Gray" (Wiederaufnahme, 19.30 Uhr, Großes Haus)

Samstag, 5. Oktober Straub "Tombstone oder Das Duell", Rockwestern (Premiere, 19.30 Uhr, Großes Haus)

Montag, 7. Oktober 1. Sinfoniekonzert (20 Uhr, St. Moriz)

Montag, 7. Oktober "Trash am Montag" (20 Uhr, Utopolis)