"Das Thema gehört doch in die Mottenkiste", schimpft die SPD-Fraktionsvorsitzende Petra Schneider. "Also ich bin total dagegen", sagt Uwe Rückert, der im Steinweg den "Welt-Basar" betreibt. Und doch findet der Vorstoß der Coburger FDP, den hinteren Steinweg sowie den Unteren Bürglaß wieder für Autos zu öffnen, auch vereinzelt Befürworter. Auf der Tageblatt-Seite bei Facebook schreibt ein Leser: "Dort, wo vor Geschäften geparkt werden kann, überleben die Anbieter. Es ist also vernünftig, die gescheiterten Träume der 70er und 80er, als überall Fußgängerzonen eingerichtet wurden, aufzugeben." Die Coburger Fußgängerzone wird vom FDP-Vorsitzenden und Stadtrat Michael Zimmermann gar als "überdimensioniert" bezeichnet.

Roland Hertrich hat da eine etwas andere Meinung. Der langjährige BWL-Professor der Hochschule Coburg ist Experte für Verbrauchsverhalten. Vom Tageblatt mit der FDP-Idee konfrontiert, räumt er zwar ein, dass die Entfernung zwischen einem Geschäft und dem Auto des Käufers im Einzelfall ein Thema sei. Aber: "Für die Frage, ob die Coburger Innenstadt floriert oder nicht, ist die Nähe der Parkplätze kein Argument." Oder, noch deutlicher: "Parkplätze direkt vor der Tür sind keine Heilsbringer."

Verweilmöglichkeiten schaffen!

Hertrich gibt zu bedenken, dass sich das Einkaufsverhalten ohnehin sehr verändert habe - erst recht durch Corona. "Inzwischen weiß jeder, wie ein Online-Einkauf funktioniert!" Den Händlern in Innenstädten empfiehlt er deshalb, nach neuen Geschäftsmodellen zu suchen. Eines umschreibt er mit den Worten: "Einkaufen wird zu einer Option, seine Zeit sinnvoll zu verwenden." Als bereits gut gelungenes Beispiel nennt er das "Caféchen" in der Coburger Buchhandlung Riemann. Außer solchen Verweilmöglichkeiten sollten Geschäfte zudem online präsent sei und auch einen Lieferservice anbieten.

Die Zukunft der Innenstädte sieht Hertrich darin, einen Mix anzubieten aus Handel, Gastronomie, aber auch Kultur. Wichtig sei, die "innerstädtische Lebensqualität" zu erhöhen. Zu einer attraktiven Innenstadt gehört es nach Einschätzung des Professors, sich "frei bewegen" zu können - und da passen Autos natürlich nicht dazu.

Michael Zimmermann hingehen hält sehr wohl ein Plädoyer fürs Auto in der Innenstadt. So sinnvoll es sei, dass die Coburger Stadtbusse seit Oktober - und zwar jeweils am Samstag als Haupteinkaufstag - kostenlos genutzt werden können: Die FDP hätte sich zusätzlich gewünscht, dass in allen Parkhäusern die ersten zwei Stunden kostenlos geparkt werden kann. Denn: Eine kostengünstige Erreichbarkeit mit allen Verkehrsträgern sei wichtig im Interesse einer lebendigen Innenstadt. Die Bequemlichkeit des Einkaufs mit "Parkplatz vor der Tür" spielt laut Zimmermann eine "entscheidende Rolle". Die Idee, Lastenfahrräder anzubieten, bezeichnet er als "Gimmick für wenige Idealisten" und sagt mit Blick aufs Auto: "Eine ideologische Verteufelung bringt uns nicht weiter."

Konflikt mit Außenbestuhlung

Von Zimmermanns Vorschlag, den hinteren Teil des Steinwegs sowie den Unteren Bürglaß in eine "verkehrsberuhigte Einbahnstraße" inklusive einiger Kurzzeitparkplätze umzuwandeln, hält Uwe Rückert gar nichts. "Das bringt doch keine Verbesserung - im Gegenteil: Lebensqualität würde schwinden!" Außerdem gibt er zu bedenken: "Wir haben derzeit viele Verkaufsstände draußen - für die wäre kein Platz mehr, wenn es neben einer Fahrbahn wieder freie Gehwege geben müsste." Selbes gilt für die Außenbestuhlung der Gastronomie.

"Ein Exklusiv-Parkplatz vor jeder Geschäftseinheit - das geht einfach nicht", sagt Rückert, der bei einer (teilweisen) Steinweg-Öffnung zudem einen Parkplatz-Suchverkehr befürchtet, der mehr schadet als nutzt. Aber wie soll es der innerstädtische Handel dann mit dem Online-Handel aufnehmen können? Rückert gibt sich keinen Illusionen hin: "Auch ein geöffneter Steinweg kommt gegen das Internet nicht an!" Viel wichtiger sei, dass die Coburger nicht immer nur durch die Spitalgasse bummeln, sondern auch die Seitenstraßen entdecken.

Petra Schneider verweist darauf, dass es für den hinteren Steinweg sowieso längst andere Pläne gibt, und zwar mit dem Schwerpunkt "Gastronomie und junges Wohnen". Bei der Fortschreibung von Coburgs Integriertem Stadtentwicklungskonzept wurde der hintere Steinweg 2018 zur "1c-Lage" herabgestuft - sprich: für den Handel wird ihm nur noch eine untergeordnete Rolle beigemessen.