Als Sam seine Mutter abends fragt, ob sie ihn am nächsten Morgen zum Bahnhof fahren kann und sie, müde von der Spätschicht, Nein sagt, weiß Karina Gericke (41) nicht, dass sie gerade zum letzten Mal mit ihrem Sohn gesprochen hat.

Zwölf Stunden später überbringen Polizeibeamte und ein Notfallseelsorger der Neustadterin die Nachricht, dass Sam kurz vor 6 Uhr von einem Zug erfasst wurde, als der 15-Jährige eigentlich schon bei seiner Ausbildungsstelle in Dörfles sein sollte. Seitdem vergeht kein Tag, an dem sich Karina Gericke nicht fragt, was passiert wäre, wenn sie ihren Sohn an diesem Morgen zum Bahnhof oder sogar bis zu seiner Arbeitsstelle gefahren hätte. Und ob sie so seinen Tod hätte verhindern können.

Der Nebel stiehlt an diesem Morgen des 9. Novembers die Sicht. "Der Zugführer und der Schaffner, der auch gerade im Führerhaus war, haben ausgesagt, dass Sam plötzlich einfach da stand", schildert seine Mutter. Der Zug sei zu diesem Zeitpunkt etwa 70 Stundenkilometer schnell gewesen, zum Reagieren blieb keine Zeit.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft haben die Ermittlungen zu dem tragischen Unglück kurz vor dem Bahnhof in Dörfles-Esbach vier Wochen später noch nicht abgeschlossen, noch immer werden laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft Spuren ausgewertet und Zeugen befragt. Weder Suizid noch Fremdverschulden könnten zum jetzigen Zeitpunkt ausgeschlossen werden. "Die Akte liegt noch bei der Kriminalpolizei."

Die Ungewissheit, die möglichen Erklärungen der Behörden lassen Sams Mutter aber keine Ruhe. "Nie im Leben hätte er das getan", beteuert die Alleinerziehende. "Er hat mit seinem Bruder schon Pläne für dessen 18. Geburtstag geschmiedet. Ich habe Millionen Fragen." So lange Karina Gericke auf diese keine Antworten bekommt, steht ihr Leben still. Abend für Abend sitzt die 41-Jährige alleine auf ihrer Couch im Wohnzimmer,vor sich auf dem Tisch ein Buch mit dem Titel "Am Ende bleibt die Liebe", hadert und grübelt. Im Haus ist es vor vier Wochen still geworden. Sams älterer Bruder (17) ist oben, die beiden seien ein Herz und eine Seele gewesen und hätten keine Geheimnisse voreinander gehabt.

Ein ganz normaler Teenager ist Sam laut seiner Mutter gewesen, der erst im September seine Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer begonnen hatte. Jeden Morgen um 4.49 Uhr musste er dafür mit dem Regionalexpress von Neustadt nach Dörfles fahren. Der Zug kam auch am 9. November planmäßig zwölf Minuten später in Dörfles an. Vom Bahnhof aus hätte Sam Gericke nur noch einen Fußmarsch von wenigen Minuten bis zu seiner Arbeitsstätte gehabt. Doch dort kam er nicht an.

Stattdessen erfasst 45 Minuten später ein Regionalexpress den 15-Jährigen auf dem Bahngleis kurz vor der Haltestelle in Dörfles. Bis heute ist unklar, wie Sam Gericke ins Gleisbett geraten ist.

Die Unglückszeit macht Sams Mutter stutzig. "Was hat er in dieser Dreiviertelstunde nach Ankunft des Zugs gemacht?" Vielleicht, so denkt seine Mutter, ist ihr Sohn im Zug eingeschlafen, erst beim nächsten Halt in Coburg-Nord aufgewacht und hat versucht, den Weg bis nach Dörfles zurückzulaufen. "Es war dunkel und er kannte sich noch nicht gut aus. Vielleicht hat er deshalb den Weg entlang der Gleise genommen." Dafür gibt es allerdings keine Zeugen. Bislang hat sich niemand gemeldet, der Sam an besagtem Morgen am Bahnhof oder im Zug gesehen hat.

Das größte Rätsel gibt der verzweifelten Mutter jedoch das verschollene Mobiltelefon ihres Sohnes auf, ein Outdoorhandy der Marke Oukitel. Als die Polizeibeamten Karina Gericke Sams persönliche Sachen übergeben haben - Schlüssel, Portemonnaie -, sei es nicht dabei gewesen. "Das hat mir keine Ruhe gelassen, weil Sam das Handy immer bei sich hatte." Weil die Staatsanwaltschaft das Handy nicht habe orten wollen, hat Karina Gericke einen Tag nach dessen Tod selbst 18 Euro gezahlt und den Standort ermitteln lassen. Das Programm lieferte ihr eine Adresse am Heimatring - auf 20 Meter genau. Die Polizei sei zwar zu der Adresse hingefahren und habe die Bewohner befragt. Die hätten aber nichts zum Verbleib von Sams Handy sagen können. "Damit war die Sache für die Polizei erledigt." Karina Gericke ließ in den Tagen darauf Sams Handy noch zweimal orten, wieder zahlte sie jeweils 18 Euro. "Das eine Mal zeigte die Karte einen Punkt auf dem Schlossplatz an, beim letzten Mal eine Wiese kurz vor Weitramsdorf."

Diesmal seien die Beamten nicht mehr zu der Stelle gefahren. Weil sie es untätig zuhause nicht mehr ausgehalten haben, sind Karina Gericke und ihr Ex-Mann selbst zur Wiese bei Weitramsdorf gefahren und suchten eineinhalb Stunden lang jeden Quadratzentimeter ab - erfolglos.

Das Handy ist seitdem ausgeschaltet. Da sie es über mehrere Tage in der Coburger Umgebung orten konnte, steht für Karina Gericke fest, dass es jemand in den Tagen nach Sams Tod bei sich hatte - womöglich ein Zeuge. "Vielleicht hat Sam das Handy irgendwo auf der Strecke verloren oder er ist mit jemandem in Streit geraten und es wurde ihm abgenommen." Bis heute versteht seine Mutter nicht, warum die Staatsanwaltschaft Sams Handy nicht habe orten wollen. "Vielleicht hätten sich neue Hiweise ergeben, was passiert ist." Inzwischen habe sie jedoch den Eindruck, dass das die Behörde gar nicht interessiere. "Vielleicht denken sie, dass das eben ein Junge war, der sich das Leben genommen hat. Sie kannten Sam ja nicht."

Karina Gericke sagt, sie hat ihre Söhne immer gleich behandelt. Keinen von beiden hätte sie lieber als den anderen gehabt. "Das Schlimmste an der Situation jetzt ist, dass ich mich nun zwischen meinen Kindern entscheiden muss." Für ihren Ältesten will sie weitermachen, doch die Sehnsucht nach dem Verlorenen lähmt sie. Die 41-Jährige zögert kurz, weil sie weiß, dass man das, was sie sagen will, eigentlich nicht ausspricht, und sagt es dann doch: "Wenn ich meinen anderen Sohn nicht hätte, wäre ich schon bei meinem Sam."

Karina Gericke weiß, dass auch sein Handy Sam nicht zurückbringt. "Aber er hat viele Sprachnachrichten verschickt. Mir geht es hauptsächlich darum, dass ich noch einmal seine Stimme hören kann." Mit ein wenig Glück, hofft sie, können das Handy oder sein Finder neue Hinweise über Sams letzte Minuten geben. "Vielleicht könnte ich ein Stück weiter an das herankommen, was Sam an diesem Morgen passiert ist. Um es irgendwann verstehen zu können."