Noch ist nichts normal für die Kirchengemeinden in Bayern: Gottesdienste können nach wie vor nur mit Einschränkungen stattfinden, das normale Gemeindeleben ist kaum möglich. In dieser Situation schließt die evangelische Pfarrei Coburg-Süd ihr größtes Gebäude endgültig: Das Gemeindezentrum St. Lukas am Ketschendorfer Hang, 1969 geweiht, wird am Sonntag entwidmet. Damit verliert die evangelische Kirche in Coburg einen Ort, der viele geprägt hat - auch den heutigen Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm. Das Gespräch mit ihm fand per Zoom statt - Bedford-Strohm meldete sich von der Büroklausur auf Frauenchiemsee. Hier finden Sie eine gekürzte Fassung des Interviews. Die Langfassung ist nachzulesen im Coburger Tageblatt.

Welche Beziehung haben Sie zu St. Lukas? Hat das Gebäude eine spezielle Bedeutung für Sie?

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm: Ja, auf jeden Fall. Eine ganz große! Ich habe dort meine Jugend verbracht. Mein Jugendzimmer ist in diesem Gebäude. Was meine Jugend und meine Entwicklung als Jugendlicher betrifft, habe ich in der Jugendarbeit in dem Gemeindezentrum am Ketschendorfer Hang ganz entscheidende Erfahrungen gemacht. Eigentlich alle evangelischen Jugendlichen und die wenigen nichtevangelischen im Viertel sind zum Gemeindezentrum gekommen. Es war ein Anziehungspunkt für die Jugend. Die ersten Liebschaften, all diese Dinge, sind in diesem Gebäude und um dieses Gebäude herum passiert.

Woran erinnern Sie sich da konkret?

Darüber möchte ich öffentlich lieber nicht sprechen (lacht). Das Tolle war: Es war sehr liberal. Mein Vater hat uns jungen Leuten sehr viel Freiheit gelassen. Manche haben sich darüber auch beschwert. Aber ich muss sagen: Er hatte recht. Durch diese Freiheit haben wir selbst Verantwortung gelernt. Meine kirchliche Biografie ist davon geprägt. Ich wäre nicht, wo ich heute bin, ich wäre wahrscheinlich nie Pfarrer geworden, wenn ich nicht diese Arbeit vor Ort kennen gelernt hätte, darin praktisch gelebt habe und damit aufgewachsen bin.

Ihr Vater war der Pfarrer von St. Lukas. Inwieweit hat Sie das beeinflusst bei der Entscheidung, selbst Theologe zu werden?

Das, was mein Vater als Pfarrer getan hat, und ich schließe meine Mutter ausdrücklich ein, war Gemeinwesenarbeit. Nicht nur in den eigenen kirchlichen Grenzen Spiritualität pflegen, sondern die Spiritualität ausstrahlen lassen in das Gemeinwesen insgesamt. So ist das Gemeindezentrum übrigens auch architektonisch konzipiert. Zum Beispiel, dass das Granitpflaster von außen, aus der Welt, bis hineinführt zum Altar. Die Idee meines Vaters war, dass der Weg der Kirche hin zur Welt geht und umgekehrt. Dass die Kirche sich nicht abschotten darf in ihre eigenen Zirkel, sondern für das Gemeinwesen insgesamt da sein muss. Das ist etwas, was mich geprägt hat. Das ist meine öffentliche Theologie. Das hat dort seine Wurzeln.

Wie wichtig sind Gebäude für die Kirchen - nicht nur in Corona-Zeiten, sondern generell? Brauchen Christen einen Ort? Brauchen evangelische Christen einen Ort?

Man braucht auf jeden Fall Orte, und die müssen heute so geschaffen werden, dass es finanziell darstellbar ist. Wir müssen auf viele Gebäude verzichten, weil wir wissen, dass wir sie in Zukunft nicht alle unterhalten können. Ein Weg, der gut zu dem passt, was ich eben theologisch gesagt habe, ist, dass wir uns zusammentun, mit den Kommunen zum Beispiel. Dass wir kooperieren, gemeinsame Projekte haben, wo Häuser von der Kirche und von anderen genutzt werden und damit finanziell gemeinsam getragen werden können. Deswegen muss man manchmal auch schmerzliche Entscheidungen treffen und Gebäude aufgeben. Dass jetzt die Kirchengemeinde St. Lukas nach langem Ringen gesagt hat, wir können das Gemeindezentrum nicht mehr halten, das ist für mich persönlich ein großer Schmerz. Aber als Landesbischof trage ich es voll mit. Weil ich ganz genau weiß - und da will ich mit gutem Beispiel vorangehen - dass wir auch loslassen müssen. Dass wir in die Zukunft nur ausstrahlungsstark gehen können, wenn wir auch bereit sind, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Wenn Gemeindezentren wie St. Lukas moderne Theologie verkörpern - sollte man da nicht lieber auf die alten Kirchen verzichten?

Alte Kirchen sind Orte, die so ein historisches Gewicht haben, da sind so viele Segensgeschichten eingeschrieben in die Mauern, dass du noch viel mehr Hemmungen hast, so ein Kirchengebäude aufzugeben. Zunächst ist es ja eine pragmatische Entscheidung - welche Orte sind finanzierbar, welche Orte sind ökologisch darstellbar, welche Orte sind so, dass sie den Bedürfnissen der Menschen heute entsprechen? Wir müssen uns konzentrieren auf das, was eben geht. Das ist die Situation für den größten Teil der Welt. Wir sind in der glücklichen Lage bisher gewesen, dass wir gesegnet sind mit vielen materiellen Ressourcen. Wir werden auch, wenn das jetzt weniger wird, immer noch zu den sehr gesegneten Kirchen der Welt zählen. Wir dürfen die Ausstrahlungskraft unserer Kirche nicht an einer bestimmten Budgethöhe fest machen. Meine Seele hängt auch an dem Gebäude "Gemeindezentrum St. Lukas". Aber ich weiß ganz genau, dass ich loslassen muss, dass ich mich neu orientieren muss und annehmen muss, dass es auch andere Gebäude gibt, die mir zur Heimat werden können.

Sie selbst nutzen seit langem Social Media und andere Kanäle, um die Menschen zu erreichen. Doch medial vermittelte Gewissheiten scheinen den Menschen nicht zu genügen. Sie wollen das gemeinsame Erlebnis, die Begegnung, das Gefühl, zugehörig zu sein. Wie kann Kirche diese Balance schaffen, ohne dass die räumlichen Einheiten zu groß werden?

Das Digitale ersetzt das Physische nie, es ist ein Notbehelf, und eine Ergänzung. Nie und nimmer dürfen wir Orte aufgeben, wo wir uns physisch treffen können. Es geht nur um die Frage, wo diese Orte sind und wie wir uns den finanziellen Möglichkeiten anpassen können. Dass wir selbstverständlich eine Kirche brauchen, wo wir gemeinsam Gottesdienst feiern können, ist doch ganz klar. Deswegen ist die Frage nur, wie die Seele nachkommen kann zu den neuen Ufern. Es wird keinen anderen Weg geben, als da kreativ zu sein. Insofern ist das, was jetzt in St. Lukas passiert, nichts Ungewöhnliches - und es wird in der Zukunft noch öfter passieren. Wir können nur dankbar sein, dass da ein Mensch dieses Gebäude kaufen will, der innerlich eine Beziehung dazu hat und sogar die Kirchen einlädt, dort weiterhin einen Ort zu haben. Das ist ein Glücksfall aus meiner Sicht.

Wird das auch Teil Ihrer Predigt am kommenden Sonntag sein: Ermutigen zum Aufbruch?

Auf jeden Fall. Den Schmerz zulassen, nicht wegwischen, wie schmerzvoll es ist, Abschied nehmen zu müssen von einem Gebäude. Zweitens: Die Realität wahrnehmen und anerkennen. Drittens: Gute Ideen entwickeln, um auch unter veränderten Bedingungen ausstrahlungsstark Kirche zu sein. Darum geht es.

Gottesdienst im Livestream

Termin Der Entwidmungsgottesdienst von St. Lukas findet am Sonntag, 11. Juli, 14 Uhr, statt. Da die Platzzahl beschränkt ist, sind nur angemeldete Teilnehmer zugelassen.

Liveübertragung Nec-TV wird den Gottesdienst live übertragen. Die Übertragung ist auch über die Homepage www.pfarreicoburgsued.de zu finden.