Noch dominieren in jeder Stunde die furchtbaren Bilder und Nachrichten vom Flughafen in Kabul. Und schon jetzt räumt Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) ein: Die Zeit wird nicht reichen, um alle rauszuholen, die Schutz von Deutschland brauchen. Aber wie wird es weitergehen, in ein paar Tagen? Und in den Monaten nach dem Abzug aller Truppen?

Das Ultimatum der Taliban steht: Bis 31. August haben die Soldaten Zeit für die Evakuierungen. Nicht länger. Die Amerikaner diskutieren bereits, ob sie dann doch noch bleiben, um Menschen herauszuholen. Greifen die Taliban dann also an, wenn die westlichen Truppen trotz Ultimatums bleiben? Rolf Tophoven, renommierter Experte für Terrorismus und Leiter des Instituts für Krisenprävention in Essen sagte im Gespräch mit unserer Zeitung: "Mit allen Vorbehalten: An so einen Angriff glaube ich nicht. Sie wären nicht in der Lage, gegen Spezialeinheiten militärisch zu bestehen. Auch nicht gegen deutsche, die dort einen bemerkenswerten Job machen, auch wenn das in der Öffentlichkeit nicht so wahrgenommen wird."

Duldung

Die Taliban wüssten auch genau, dass sie ihre internationale Position schwächen würden - denn es zeichneten sich erste Duldungssignale von Mächten aus der Region ab. Tophoven: "Besonders aus Pakistan, aber auch aus Russland und China. Die Chinesen haben zum Beispiel großes Interesse, Geschäfte zu machen." Afghanistan hat teils reiche Rohstoffvorkommen, auch in vielen afrikanischen Ländern engagieren sich die Chinesen deshalb bereits massiv. Es könnte darum sein, dass die USA, um mehr Zeit für Evakuierungen haben, noch einmal nachlegen. "Ich kann mir vorstellen, dass sie noch einmal 2000 bis 3000 Soldaten zusätzlich schicken. Dass die Taliban dann beginnen, amerikanische oder deutsche Transportflugzeuge zu beschießen, halte ich im Moment für nicht wahrscheinlich. Wenn sie dem Westen jetzt drohen, dann ist das eher verbaler Druck, den sie aufbauen."

Propagandasieg

Gewonnen hätten die Taliban sowieso bereits - auf der Propaganda-Ebene. "Das wird ja massiv auch über soziale Medien von ihnen selber und anderen dschihadistischen Gruppen weltweit gefeiert: Die Taliban haben die größte Militärmacht der Welt bezwungen." Dass es jetzt wieder werde wie vor dem 11. September 2001, glaubt Tophoven nicht. "Die Taliban sind nicht mehr dieselben. Sie haben gelernt. Sie wollen sich im Zusammenspiel mit den Regionalmächten dort etablieren, das heißt, sie werden nicht zulassen, dass aus Afghanistan wieder eine Brut- und Trainingsstätte wird wie die, aus der Osama Bin-Laden hervorgegangen ist.

Was man aber nicht endgültig ausschließen könne, ist, dass sich andere Islamisten weltweit durch die Ereignisse angestachelt fühlen. "Erneute Anschläge, zum Beispiel von Einzelpersonen - das Risiko sehe ich, was aber jetzt nicht heißen muss, dass wir kollektiv in Panik verfallen müssen."

Bürgerkrieg ?

Und Afghanistan selber? Wird es im Bürgerkrieg versinken? Und werden die Taliban mit harter Hand überall die Scharia einführen? Das müssen sie gar nicht so, wie wir uns das vorstellen, sagt Tophoven: "Wir blicken zur Zeit nur auf Kabul. In 80 Prozent des Landes ist die Lage ruhig. Das liegt auch daran, dass viele dort mit den Taliban sympathisieren. Das ist auch einer der Gründe für das Scheitern der afghanischen Armee. Die wussten: Wenn der Westen weg ist, werden die Taliban bleiben - hier, bei uns, in unserem Land. Wozu kämpfen? Also haben die alle die Kalaschnikows fallen gelassen."

Auch eine Erhebung großer Teile der afghanischen Bevölkerung sei nicht zu erwarten. Zwar seien potenzielle Taliban-Gegner im Land. Zum Beispiel Raschid Dostum, der Milizenführer, der schon in den 80er Jahren die Mudschaheddin bekämpft hatte, nach 2001 die Taliban. Gegenüber denen hatte er sich dabei immer wieder durch besondere Brutalität hervorgetan. Oder Ahmad Massoud, Sohn des Mudschaheddin Shah Massoud, der der Anführer im ursprünglichen Kampf gegen die Taliban war und in Teilen Afghanistans verehrt wird. Tophoven: "Dass daraus ein Bürgerkrieg entsteht, glaube ich nicht. Wenn ich mir den früheren afghanischen Präsidenten Hamid Karzai ansehe - der hat sich auch sehr schnell darauf eingestellt, mit den Taliban zu verhandeln, als er gesehen hat, dass die sich eine gewisse Machtbasis geschaffen hatten. Das werden andere auch tun - und das ist es auch, was die Taliban mit allen Stammesführern und Warlords gemeinsam versuchen werden, in Afghanistan innenpolitisch zu erreichen."

Und die Amerikaner? "Die werden irgendwie versuchen, in Afghanistan diplomatisch ihren Einfluss zu behalten. Sonst sind sie in der Region komplett außen vor. Ein fast ähnliches Bild gibt es im Nahen Osten, in Syrien und im Irak. Da sind inzwischen die Russen dominant."