An der Fassade des Hauses Albertsplatz 4 scheiden sich die Geister. Das Haus ist neu, steht aber in einem historischen Ensemble. Für die Umgebung sei die Fassade zu karg, zu schmucklos findet Hans-Heinrich Eidt. Die Gemeinschaft Stadtbild Coburg, deren Vorsitzender Eidt ist, würde die Fassade gern umgestalten. Dass sich Stadtbild dabei auf die Gestaltungssatzung der Stadt Coburg stützt, die von 1974 datiert, hat nun Thom Roessler auf den Plan gerufen. Der frühere leitende Stadtbaudirektor (Krefeld) und -konservator, der seit 28 Jahren in Coburg lebt, ist nicht nur gegenteiliger Meinung, er findet sogar, der Fassadenstreit könnte sich als "Glücksfall für die Stadtentwicklung" erweisen.


Dem Wandel Rechnung tragen

Die Gestaltungssatzung sei vor langer Zeit dazu erkoren worden, "das historische Wohlfühlklima in der Altstadt - auch bei Neubauten - mittels historischer Applikationen zu garantieren und damit jeden neumodischen Architektenkram in die Schranken zu weisen", sagt Roessler - nicht untypisch für die 1970er Jahre. "Man ging damals wohl davon aus, diesen anspruchsvollen Fachbereich samt Denkmalpflege durch starre Gestaltungssatzungen statt durch qualifizierte Bau- und Denkmalberatung erledigen zu können."
Doch der Städtebau habe sich verändert, in puncto Nutzung und Materialentwicklung, vor allem aber in seinem Architekturverständnis und -geschmack, betont Roessler. "Diesem natürlichen Wandel ist und waren auch Coburgs historische Quartiere unterworfen." Und diesem Umstand müsse zwingend auch eine Gestaltungssatzung Rechnung tragen. Dazu müsse sie aber kontinuierlich durch Fachleute auf dem neuesten Stand gehalten werden, um nicht die Entwicklung eines Ortes am Ende zu behindern statt zu fördern. Und, das ist ihm wichtig, sie dürfe nur ergänzend und gut abgestimmt zum Denkmalschutzgesetz angewandt werden.
Bei der Entwicklung der Coburger Gestaltungssatzung seien zudem entscheidende Punkte versäumt worden, findet der Stadtplaner und nennt Beispiele: So widme die Gestaltungssatzung beispielsweise der Höhe eines Gebäudes keine einzige Zeile, obwohl diese doch prägend für den Gesamtcharakter eines Gebäudes sei. Wie prägnant Höhenunterschiede wirken, könne man gut am "Streitobjekt" Albertsplatz 4 und seinem direkten Nachbarn erkennen. Andererseits beinhalte die Satzung "kleinteilige Auflagen", etwa dass Dächer einen "Schiebling mit leichten Knick" haben müssten oder Ziegel nur "in historischer Art" erlaubt seien. "Regelungsbesessenheit" nennt das Thom Roessler.
Modernes Bauen schließe die Satzung mit ihren Vorgaben nahezu aus, fasst er zusammen. "Das halte ich für den fatalsten Fehler, da jede moderne, gute Idee auf dem Zeichentisch unterbunden wird, und somit heutiger Architektur-Zeitgeist keine eigene Bedeutung im Coburger Stadtbild erhält beziehungsweise hinterlassen wird."
Bauherren und Architekten bleibe damit nur die Chance, sich anstelle "zeitgemäßer Baukreationen mit Faschen, Schiebling, Biberschwänzen, Einzelga uben, Gesimsen oder leichtem Kellenstrich abzufinden oder die eigene Überzeugung so gut wie möglich durchzusetzen", bedauert Roessler. "Ein solcher Crash scheint nun beim Neubau Albertsplatz 4 vorzuliegen."
Dabei könnte sich Coburg eigentlich glücklich schätzen, weil Sanierungen oder Restaurierungen meist "vom Denkmalfachmann aus Bamberg betreut werden", erklärt Roessler - sprich, die Denkmalschutzbehörde wende das Denkmalschutzgesetz an und eben nicht die Coburger Gestaltungssatzung.
Roesslers Fazit: Die Satzung hat ihr Dasein längst verwirkt. Sachlich-fachlich sei sie kaum zu verantworten, ja für die städtebauliche Entwicklung sogar hinderlich. Immerhin, so bemerkt er schmunzelnd, die Währungsumstellung 2002 sei an der Satzung nicht spurlos vorüber gegangen. Bußgelder würden korrekt in Euro ausgewiesen.
Dass Kritiker des Neubaus Albertsplatz 4 immer wieder die fehlende Gliederung der Fassade anführen, kann Roessler nicht nachvollziehen. "Sowohl die Frontseite wie auch die Doppelpassfenster zur Kuhgasse gliedern den ruhig und schlicht gehaltenen Baukörper und nehmen gut den Fensterrythmus des Nachbarhauses und weiterer historischer Bautypen auf", findet der Stadtplaner. Einzig das sehr steile Mansarddach sei wohl eher der Raumnutzung geschuldet als der Einfügung in das Gebäudeensemble, schätzt Roessler. Aber erstaunlich: Das erlaubt die Satzung!


Aktuelle Architektur fördern

Anders die Dreifachgaube auf dem Dach des Nachbar-Denkmal: Diese sei zwar nach der Satzung nicht zulässig, "wurde jedoch erfreulicherweise in Respekt zum Baudenkmal übernommen", erläutert Roessler. Seiner Ansicht nach entspricht der Neubau seiner Empfehlung, "qualitätvolle Architektur unserer Epoche, besonders aus einem Wettbewerb hervorgegangene, auch in historischen Bereichen zuzulassen und zu fördern". Und: Gerade die kritische Auseinandersetzung der Bevölkerung schule das Verständnis für den Städtebau und bereichere das "Stadterlebnis". "Haben wir nicht eine Hochschule?!"
Zusammenfassend hat Roessler auch eine To-do-Liste erstellt: Vor allem rate er der Stadt Coburg dringend, die "starre" Gestaltungssatzung außer Kraft zu setzen. "Der sinnvollste Weg, die wertvolle historische Substanz und Gestaltungsqualität Coburgs sach- und fachgerecht zu erhalten und ihre Weiterentwicklung auf hohem Niveau zu garantieren, ist nur durch eine bestens ausgebildete Fachkraft auf Dauer möglich." Roessler stellt sich hier einen ähnlichen Spezialisten vor wie zum Beispiel in den Bereichen Stadtmarketing, City- oder Tourismusmanagement. Bei der Komplexität der Aufgaben im Städtebau, der Stadtgestaltung und im Denkmalschutz sei das "nur recht und billig". Der monatliche Beratungsbesuch des Landesamtes für Denkmalpflege reiche bei Weitem nicht aus.
Sollte die Satzung dennoch überarbeitet werden, empfiehlt Roessler, sollten Neubauten aus Wettbewerben eine Ausnahme erfahren. Damit "junge Architekten Lust haben, ihre eigene Architektursprache einzubringen". Dass das funktionieren kann, habe das Beispiel Globe gerade bewiesen.