Mit einem Messer in der Hand drang der Vermummte am 29. Mai dieses Jahres in die Spielothek in Neustadt ein. Jetzt steht ein Mann vor Gericht, von dem die Spielhallen-Angestellte sagt, dass er immer ein netter Mensch gewesen sei.

Gegen 1.40 Uhr in der Tatnacht wollte ein Mann Bargeld erbeuten. Vergeblich, denn die von ihm bedrohte Angestellte hatte nur rund 30 Euro in kleinen Münzen in ihrer Kasse - und keinen Zugriff auf den Wechselgeldautomaten. Ein 29-Jähriger aus Neustadt bei Coburg ist nun angeklagt: des besonders schweren Raubes in Tateinheit mit dem Versuch der besonders schweren räuberischen Erpressung. Der Prozess am Landgericht Coburg begann gestern. Zwei Prozesstage sind angesetzt. Am ersten verweigerte der Beschuldigte die Aussage, sowohl zum Tathergang als auch zu seiner Person. Eventuell werde er sich am morgigen Mittwoch zu seinen Verhältnissen äußern, sagte sein Verteidiger Christian W. Martin. Unklar ist bislang, ob der Angeklagte auch wirklich der Täter ist.

Täter mit Ortskenntnissen

Nur rund 30 Sekunden dauerte der Überfall vom Betreten der Spielhalle bis zu deren Verlassen. Das zeigen die Aufzeichnungen von vier Überwachungskameras, die im Gericht gezeigt wurden. Zielgerichtet habe der verdächtige Mann den Tatort durch den hinteren Bereich, ein Nebenzimmer mit Küchentheke, betreten. "Man muss das schon kennen", sagte ein Kriminaloberkommissar aus, der Täter habe Ortskenntnis gezeigt.

Die 68-jährige Angestellte sagte im Prozess, sie habe ein "Wummern" gehört und einen Schatten auf dem Monitor gesehen. Dann stand der Mann auch schon vor ihr und habe gerufen: "Überfall! Kasse auf! Geld her!" Als er kräftig an der Metallschublade zog, in der das Wechselgeld aufbewahrt wird, konnte die Frau - von ihm wohl unbemerkt - den stillen Alarm auslösen.

Als die Angestellte sagte, dass sie außer den paar Münzen kein weiteres Geld in der Kasse habe, zeigte der Mann auf den Wechselgeldautomaten. Den könne sie nicht öffnen, sagte die Frau. Da drehte sich der erfolglose Räuber um und "dann ist er halt wieder weg", sagte die Zeugin gestern. Um sich den Fluchtweg zu sichern, hatte er vorher einen Gullydeckel vom Parkplatz des Baumarkts gegenüber in die Eingangstür geklemmt.

Schlaflose Nächte

"Wie ging es Ihnen dann?", wollte Richter Christoph Gillot von der Geschädigten wissen. Sie habe gezittert und sei "ganz durcheinander" gewesen, antwortete die 68-Jährige. "Natürlich hatte ich Angst", fügte sie hinzu. Auch wenn der Täter sie "nicht richtig bedroht" habe. Unmittelbar nach der Tat schloss die Angestellte die Eingangstür ab und wartete auf das Eintreffen der Polizei.

Noch immer belasteten sie die Geschehnisse, gab sie weiter zu Protokoll. Besonders seit Zustellung der Vorladung verbringe sie wieder schlaflose Nächte. "Warum hat er das gemacht?" sei eine der Fragen, die ihr durch den Kopf gingen. Denn die Zeugin zeigte sich sicher, den Täter erkannt zu haben. Erst eine Stunde vorher habe der Mann, ein Kunde, der regelmäßig in die Spielhalle komme, diese verlassen und sich mit "Tschüß" von ihr verabschiedet. Als sie dann sogar über den Angeklagten sagte, "er war immer so ein gutes Kind, ein Stiller", wollte der Richter sofort wissen, woher sie denn wissen könne, dass es sich um den Angeklagten handele.

Die 68-Jährige: "Wir haben sonst keinen Kunden, der diesen Akzent hat." Auch an seinen Bewegungen habe sie ihn erkannt. "Wenn man jemanden fast tagtäglich sieht, so merkt man sich Gesten und weiß, wie er spricht." Bereits seit Monaten, manchmal sogar "tagelang hintereinander", besuche der Angeklagte die Spielothek. Nach dem Lockdown im Frühjahr sei diese zur Tatzeit erst seit wenigen Tagen wieder geöffnet gewesen.

Offensichtlich viel Geld verspielt

Obwohl sie selber des Rumänischen mächtig ist, hatte die Angestellte schon in der ersten Vernehmung den Akzent des Beschuldigten als "Russisch" beschrieben. Dass er rumänischer Staatsbürger ist, habe sie nicht gewusst, sagte sie auf Nachfrage des Richters, "aber er hat auch nicht viel gesprochen." In der Tatnacht habe er offensichtlich viel Geld verspielt. Wie viel, das wisse sie nicht. Selbst in solchen Situationen sei er aber stets ruhig und freundlich geblieben und habe "kein böses Wort verloren".

Unverständlich sei ihr die ihm zur Last gelegte Tat auch aus folgendem Grund: "Unsere Kunden wissen, dass kein Bargeld in der Kasse ist, und auch, dass wir nicht an Wechselgeld herankommen." Von ihr selber habe er kein Geld aus dem Portemonnaie gefordert, berichtete die 68-Jährige auf Nachfrage des Verteidigers.

Neongrelle Schuhe

Die Geschädigte kannte den vermeintlichen Täter nur mit seinem Spitznamen, konnte seinen vollen Namen aber in einer Art Kundenliste nachschauen. Beschreiben konnte sie den Mann, der sie überfallen hatte, sehr detailliert.

Noch in der Nacht wurde der 29-Jährige in seiner Wohnung verhaftet. Widerstandslos, wie ein Beamter vor Gericht bestätigte. Er habe sich ahnungslos gezeigt und angegeben, nur als Kunde vor Ort gewesen zu sein. Seine Wohnung wurde - wie auch zwei Gartenlauben, die sich in seinem Besitz befinden - auf Veranlassung des Staatsanwalts durchsucht. Dabei wurden Kleidungsstücke sichergestellt, die Übereinstimmungen mit denen des Täters im Video aufweisen, wie ein weiterer Beamter am Montag anhand von Standbildern aus den Videos zeigte.

Neben dem Symbol auf der Jacke und Applikationen auf der Hose des Täters sind vor allem die "neongrellen Schuhe", wie sie ein weiterer Beamter in seiner Aussage beschrieb, auffallend. Auch die Geschädigte bestätigte, dass der Beschuldigte solche Schuhe in der Spielhalle schon getragen habe. Zudem wurde ein Messer bei ihm gefunden. Aber: Verwertbare DNA-Spuren gab es keine.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.