Der ist doch ein richtig übler Kerl, ein Lügenbeutel, später gar ein Verbrecher, wie er im Buche steht. Verlässt den Hof, die Mutter, raubt die Braut eines anderen, um sie dann zu verlassen. Auch die Trollprinzessin lässt er einfach hinter sich, samt gemeinsamem Kind. Erlaubt sich alles, wird zum Zuhälter, Sklavenhändler, Räuber, lehnt jede Verantwortung ab.

"Er bleibt aber symphatisch", sagt der Coburger Tanzchef Mark McClain lächelnd und selbst nach wie vor ein bisschen erstaunt von seinem Peer Gynt. Am Samstag nächster Woche wird McClain mit seinem neuen Handlungsballett am Landestheater Coburg zeigen, wie er diese wüste sagenhafte nordische Lebensgeschichte versteht. Die Musik von Edvard Grieg, aber auch von Gustav Mahler, Erwin Schulhoff, Aaron Copland und Isaac Albéniz wird das Philharmonische Orchester des Landestheaters unter Leitung von Roland Fister live bringen.
Der norwegische Nicht-Held fasziniert sogar sehr, heute vielleicht mehr denn je, wo vielen so vieles möglich ist und moralische Grenzen häufig infrage gestellt werden. Henrik Ibsens aus norwegischen Feensagen adaptierte Geschichte - die sich ab strahiert und psychologisch gedeutet in vielem wie eine Schablone über sein eigenes Leben legen lässt - nahm wider Erwarten sogar eine ungemein intensive Bühnenkarriere.

Vor allem auch wegen der Musik, die Ibsen bei Edvard Grieg in Auftrag gab. Dessen folklore-gespeister romantische Duktus passt eigentlich gar nicht zu der wüsten, grausamen, schwermütigen Geschichte. Sie kroch aber seit der Uraufführung von Ibsens Bühnenfassung und Griegs Musik im Jahr 1876 und vor allem dann in der Komprimierung der beiden Peer-Gynt-Suiten weltweit in Ohr und Herzen der Menschen.

Mark McClain will den psychologisch leicht zu deutenden, zum Teil märchenhaften Bildern und Begegnungen Ibsens, der seine Hauptfigur vorrangig egoistischen Trieben und Impulsen folgen lässt, in vorrangig klassisch basierter Tanzsprache nachgehen.

Wer und was sind wir?

Dramaturgin Renate Liedtke zitiert den beliebten Philosophen Richard David Precht mit seinem Bestseller "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" Gerade in Henrik Ibsens "Peer Gynt" spielt die Frage nach dem Ich eine zentrale Rolle. Der norwegische Bauernbursche rast gierig, egoistisch, alle und jeden wie auch sich selbst belügend, dabei aber orientierungslos durch die Welt, "spielt" diesen und jenen, bis er schließlich bezeichnender Weise im Irrenhaus landet.

Was war Realität, was pure Träumerei, Fiktion allein in Peer Gynts Kopf? Wo scheiden sich "Wirklichkeit" und Fantasie tatsächlich? Als alter Mann in die Heimat zurückgekehrt muss Peer Gynt endlich eingestehen, dass sein Leben gescheitert ist. Sogar dem Tod ist er zu verkommen. Doch wie märchenhaft schön in dieser zwiespältigen Geschichte: Der zauberhaft- üble Bursche Peer Gynt findet seinen Seelenfrieden, hat doch die gute, reine Solveig ein Leben lang auf ihn gewartet. - Ja sicher, wer's glaubt, wird seelig, wer zu träumen vermag, kann Seeligkeit zumindest ahnen.

Dazu soll bei dieser großen Ballett-Produktion des Landestheaters Musik von der Romantik bis zur Moderne beitragen. Von Griegs "Morgenstimmung" den bekannten Motiven zu Åses Tod, Anitras Tanz, der Szene in der Halle des Bergkönigs, dem Arabischen Tanz und bis zu Solvejgs Lied erzählt Mark McClain die Geschichte zudem mit Hilfe von Gustav Mahlers Adagio aus der 10. Symphonie für Orchester, Erwin Schulhoffs "Mondsüchtiger", Teilen aus Aaron Coplands "Appalachian Spring Suite" und aus Isaac Albéniz` Zyklus "Iberia". Den Raum für Fantasie und Tanz wird der in Bamberg lebende Maler und Bühnenbildner Karlheinz Beer schaffen - als Kunstort unter einem farblich unterschiedlich aufleuchtenden Lichtring, der skulptural gestaltet in erster Linie die Seelenlandschaften widerspiegeln soll.

Peer Gynt
Ballett von Mark McClain nach dem dramatischen Gedicht von Henrik Ibsen; Musik von Edvard Grieg, Gustav Mahler, Erwin Schulhoff, Aaron Copland und Isaac Albéniz. Musikalische Leitung Roland Fister, Choreografie Mark McClain, Bühnenbild und Kostüme Karlheinz Beer, Dramaturgie Renate Liedtke.

Ausführende
Po-Sheng Yeh als Peer, Aase Eun Kyung Chung als Aase, Natalie Holzinger als Ingrid, Federico Frigo als Bräutigam, Lauren Sargent als Solveig sowie in weiteren Rollen Eriko Ampuku, Chih-Lin Chan, Takashi Yamamoto, Adrian Stock, Jaume Costa. Statisterie. Es spielt das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg

Premiere
Samstag, 23. Mai, 19.30 Uhr im Großen Haus

Karten
an der Theaterkasse Dienstag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 12 Uhr sowie, bei Touristinformation Coburg, Coburger Tageblatt, Schuhhaus Appis Bad Rodach und Buchhandlung Stache Neustadt