Manchmal ist ein Opernbesuch wie ein Gang ins Museum der Musikgeschichte. Manchmal aber ist ein Opernbesuch ein beglückendes Geschenk, das mit einer Geschichte aus scheinbar längst vergangener Zeit mitten hinein ins Leben führt - wie Donizettis "Liebestrank". Zum Saisonauftakt präsentiert das Coburger Landestheater seinem Publikum diese komische Oper in einer ebenso witzigen und spielfreudigen wie anrührenden Neuinszenierung.

Warum eigentlich soll man heute noch Opern aufführen? Weil Sänger mit großen Namen und manchmal auch mit schönen Stimmen an der Rampe stehen und das Publikum frontal ansingen? Das Landestheater zeigt, warum die Oper noch immer ihre Daseinsberechtigung hat - weil sich mit Gesang und Spiel, mit Musik, Kostümen und Bühnenbild spannende, anrührende Geschichten erzählen lassen.

Die Geschichte des jungen Nemorino zum Beispiel: schüchtern, naiv, unsterblich verliebt in die
kokette, in Herzensangelegenheiten etwas flatterhafte Adina. Durch nichts und niemanden lässt sich Nemorino von dieser Liebe abbringen - nicht von der scheinbaren Gefühlskälte der Angebeteten noch von einem reichlich muskulösen Nebenbuhler in Uniform.

Betörend schönes Timbre

Der junge schwedische Tenor Joel Annmo spielt diesen verliebten Nemorino als reinen Toren mit ehrlichem Herzen - und er singt ihn mit betörend schönem Timbre und intensivem Ausdruck. Anrührend seine Interpretation der berühmten Romanze "Una furtiva lagrima". Fast ebenso lautstark vom Publikum gefeiert: Sofia Kallio mit expressivem und koloraturgewandtem Sopran als Adina. Als kokettes Bauernmädchen Gianetta überzeugt Anna Gütter mit schlankem Sopran und pointiertem Spiel, Benjamin Werth gibt den reichlich selbstverliebten Sergeanten Belcore mit eitlem Macho-Gehabe, aber durchaus auch mit Mut zur Selbstironie und stimmlich erfreulich differenziert. Mit seiner Bühnenpräsenz und gesanglichen Souveränität beeindruckt Rainer Scheerer als Quacksalber Dulcamara, der schlichten Rotwein mit cleverem Marketing ebenso als medizinisches Allheilmittel wie auch als Liebestrank an den Mann bringt.

Balance zwischen Bühne und Orchestergraben

Donizettis Musik ist heikler, als sie in ihren lächelnden Momenten klingt. Sie verlangt feines Gespür für flexible Nuancen in Tempo wie Dynamik. Am Dirigentenpult beweist Anna-Sophie Brüning Sinn für Donizettis Stilistik. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten im ersten Teil findet sie dann die richtige Balance zwischen Bühne und Orchestergraben (reaktionsschnell und klangvoll: das Philharmonische Orchester des Landestheaters) und lässt den Sängern die notwendige Luft zum lebendig atmenden Vortrag.

Echte Teamarbeit

Große Theaterabende gelingen nur als Teamarbeit. Perfekte Teamarbeit demonstrieren Gastregisseurin Jean Renshaw und Ausstatter Christof Cremer, die schon mehrere Produktionen am Landestheater betreuten, bei Donizetti "Liebestrank" aber erstmals gemeinsam Verantwortung tragen. Jean Renshaws Regie beglückt mit scheinbar müheloser Leichtigkeit, die freilich getragen wird von großem Detailreichtum, von bemerkenswerter Präzision im Zusammenspiel und feinem Stilgefühl.

Magischer Bühnenraum

Renshaw, die vor ihrer Regie-Karriere erfolgreich als Choreografin gearbeitet hat, weiß genau, wo Donizettis Musik szenische Unterstützung verträgt und wo nicht. Ihre Regie bringt lebendige Bewegung auf die Bühne, ohne je in Aktionismus zu verfallen. Umso eindringlicher wirken zudem Momente der äußeren Ruhe, die dann zu inneren Höhepunkten werden. Kongenial: Christof Cremers Ausstattung. Sie zaubert eine italienische Traumlandschaft auf die Bühne, einen magischen Raum zwischen Innen und Außen mit einer großen Rutsche in der Mitte, die für Nemorino und Adina schließlich zur Rutsche ins Glück wird. Dazu zeigt Cremers subtile Kostümgestaltung, wozu Kostüme eigentlich da sein sollten - Figuren zum Sprechen zu bringen.

Der heimliche Hauptdarsteller ist der von Lorenzo Da Rio sorgfältig einstudierte Chor des Landestheaters, der nicht nur homogen und präzis singt, sondern auch ungemein spielfreudig agiert.

Der Regie von Jean Renshaw gelingt es tatsächlich, den Chor in Individuen zu verwandeln. Jede Choristin, jeder Chorist spielt eine eigene kleine Rolle, ohne sich freilich in den Vordergrund zu drängen - vom verwirrten alternden Dirigenten bis zum Monsignore.

Ein Auftakt, der Erwartungen weckt

Donizettis "Liebestrank" in Coburg - ein Auftakt, der Erwartungen weckt. Eben erst ist das Landestheater mit der Produktion von Puccinis "Madama Butterfly" aus der vergangenen Spielzeit für den renommierten Theaterpreis "Faust" nominiert worden, schon gelingt mit diesem "Liebestrank" erneut eine Inszenierung, die überregionale Aufmerksamkeit verdient.

Das Coburger Team für Gaetano Donizettis komische Oper "Der Liebestrank"


Theater-Tipp Gaetano Donizetti "Der Liebestrank" - 27. September, 3. Oktober, 19.30 Uhr, 6. Oktober, 15 Uhr, 9., 13. Oktober, 6., 21., 23., 30. November, 19.30 Uhr, 19. Januar 2013, 15 Uhr, 11. Februar, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Mitwirkende
Musikalische Leitung: Anna-Sophie Brüning
Inszenierung: Jean Renshaw
Bühnenbild, Kostüme: Christof Cremer
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Dramaturgie: Renate Liedtke

class="artFett">Besetzung Adina: Sofia Kallio
Nemorino: Joel Annmo / David Zimmer
Belcore: Benjamin Werth
Il Dottore Dulcamare: Rainer Scheerer
Giannetta: Anna Gütter
Gaetano: Valentin Fruntke / Florian Wohl

Chor des Landestheaters, Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg, Statisterie des Landestheaters