Ein letztes mal läutete die Glocke von St. Lukas, die der damalige Gemeindepfarrer Albert Strohm seinerzeit selbst in Apolda abgeholt und im Kofferraum seines Opel nach Coburg transportiert hatte. Das war damals vor allem deshalb bemerkenswert, weil ich zwischen Coburg und Apolda (Thüringen) die innerdeutsche Grenze befand. Am Allerheiligentag 1969 waren Kirche und Gemeindezentrum St. Lukas geweiht worden.

Seit dem gestrigen Sonntag ist die Glocke stumm. Die Kirchengemeinde von St. Lukas hat das, was den größten Raum des Gebäudes am Ketschendorfer Hang zur (evangelischen) Kirche machte, in einer feierlichen Zeremonie hinausgebracht: die Osterkerze, den Taufstein, das Lesepult, die Altarstufe (Kniebank) und - symbolisch - den Abendmahlstisch. Der Altar mit seiner großen Holzplatte blieb natürlich stehen. Petra Heeb, die Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, zog die Paramente ab und faltete sie zusammen. Dann zogen Menschen und Geräte aus der Kirche aus, Pfarrer Rolf Roßteuscher sperrte ab.

Das war es aber noch nicht ganz an diesem regnerischen Sonntagnachmittag. Innen, während des Gottesdienstes, hatten nur die Geistlichen das Wort gehabt. Draußen redete die Welt mit. "Neue Wege müssen nichts Schlechtes sein", sagte Coburgs Oberbürgermeister Dominik Sauerteig (SPD), der damit sein Verständnis dafür ausdrückte, dass der Kirchenvorstand von St. Lukas sich dafür entschieden hatte, das Gemeindezentrum aufzugeben. Diese Entscheidung war schon im September 2020 gefallen; die Entwidmung hatte eigentlich Silvester 2020 stattfinden sollen, war aber wegen der damaligen Pandemielage verschoben worden.

Gleich geblieben war, dass Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm selbst zur Entwidmung kommen würde. Bedford-Strohm war als Sohn des damaligen Gemeindepfarrers Albert Strohm mehr oder weniger im Gemeindezentrum (im "GZ") aufgewachsen. Die Grundlagen für die "öffentliche Theologie", die er als Professor der Universität Bamberg entwickelt habe und die er als Landesbischof zu leben versuche, seien hier gelegt worden, sagte Bedford-Strohm. Denn das GZ war als offenes Haus konzipiert, in das die Welt Einlass findet. Der Abschied sei ihm nahegegangen, sagte Bedford-Strohm hinterher. "Deshalb ist es gut, dass wir solche Rituale haben."

Während also die Kirchengemeinde den Aufbruch beschwor und Gottes Beistand erbat, tut sich die Welt mit dem Verlust des Gemeindezentrums schwerer, wie Herbert Weinert sagte, der Vorsitzende des Bürgervereins Ketschendorf. "Die heiligen Hallen am Ketschendorfer Hang" hätten auch den Vereinen viel geboten, sagte er. "Allein der Gemeindesaal war Gold wert." Im GZ probte der Gesangverein, hielten Stadt und Bürgerverein die Bürgerversammlungen für den Stadtteil ab. "Die Aufgabe des GZ ist ein arger Verlust", sagte Weinert. "Uns Vereinen fehlt das lachende Auge. Wir haben nur zwei weinende."

Wenn es nach den Wünschen und Emotionen gegangen wäre, hätte niemand das GZ aufgegeben. Aber auch die Kirche muss rechnen. Habe das Dekanat Coburg einmal 122000 evangelische Christen gezählt, seien es heute nurmehr die Hälfte, sagte Rainer Mattern, Chef der Gesamtgemeinde Coburg. Die Zahl der Kirchen und Pfarrhäuser sei aber gleich geblieben. Deshalb müsse die Kirche manche ihrer Liegenschaften loslassen. Aber: "Wir sind überall - wenn auch nicht in steinernen Häusern."

St. Lukas gehört schon seit drei Jahren zur Pfarrei Coburg Süd, neben den Gemeinde Seidmannsdorf, Creidlitz und Niederfüllbach. Die Pfarrer Rolf Roßteuscher, Alexander Rosenmeyer und Michael Herzer (derzeit Elternzeit) und Diakonin Nicole Koch teilen sich die seelsorgerische Arbeit in der Pfarrei. Ganz wird die Gemeinde St. Lukas ihr ehemaliges GZ ohnehin nicht verlassen: Eine der drei zugehörigen Wohnungen darf sie weiterhin als Büro, für Sitzungen und Gruppenarbeit nutzen. Die Sonntagsgottesdienste werden künftig in der Kapelle des Ernst-Faber-Hauses stattfinden, jeweils um 10.45 Uhr.