Abgründe, überall Abgründe. - Als ob das etwas Besonderes wäre. Diese Welt, dieses Leben besteht aus Abgründen. Mensch hat sich redlich zu bemühen, über sie hinweg und trotzdem vorwärts zu kommen. Oder zumindest über ihnen zu bleiben. Kopf hoch! Bis zum Tod.
Das ewig Interessante ist doch, wie mensch das tut. Die vielfältigen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des Überschreitens, Überfliegens, Überlebens von Abgründen zu be-schreiben, ist Aufgabe von Schriftstellern. Leser lesen nach in deren Romanen. Alle zusammen versuchen zu begreifen.
Besonders konzentriert war das so auch heuer wieder beim Roman-Marathon zum Auftakt von "Coburg liest". In der wie jedes Mal ausverkauften Reithalle stellten drei sehr unterschiedliche Autoren ihre Annäherungen an die menschlichen Abgründe dar. Alle drei leben in Berlin.
Was braucht es mehr an Gemeinsamkeiten?
Schwer verdaulich wie ein Stein im Magen wirkte Kathrin Groß-Strifflers schonungsloser innerer Monolog "Zum Meer". In der 20-jährigen Saskia toben die Extreme der menschlichen Entscheidungsmöglichkeit: Dem ungebändigten, rücksichtslosen Ego zu folgen, das allerdings selten wirklich weiß, was es will oder soll, oder sich in Verantwortlichkeit für die anderen und die Welt einzufügen. In diesem Fall: sich um ihr "Milchkaffee-Baby" zu kümmern, das aus Saskias Liebe zu einem drogensüchtigen Brasilianer hervorging, statt ihrer Sehnsucht werweißwohin zu folgen.
Kathrin Groß-Striffler ist in Nürnberg aufgewachsen und lebte einige Jahre mit ihrer Familie in Isling bei Lichtenfels, heute in Jena. Sie wurde zu ihrem Heimspiel von Bekannten herzlich begrüßt. Für ihre eindrucksvolle Erzählung "Die Hütte" hat sie 2003 den Alfred-Döblin-Preis erhalten.

Trockener Humor

Da hält es Christoph Peters eher mit dem Humor, ausgesprochen trockenem allerdings, den zu spüren man ein bisschen innehalten muss. Kein Problem allerdings bei der Lesung am Samstag, wo Peters seinen Herrn Yamashiro köstlich japanisch zu Laut kommen ließ.
Herr Yamashiro ist bei Peters ein berühmter Ofensetzer, den der deutsche Keramikkünstler Ernst Liesgang trotz seines Alters nach Deutschland lotst, wo er unter der nervigen Beobachtung eines Dokumentarfilmteams den Geist der japanischen Handwerks-Kunst mittels eines traditionellen Holzbrandofens in einem ostholsteinischen Dorf erwecken soll. Herta Möllers bringt Mettbrötchen mit Zwiebeln und Schnaps auf die Baustelle.
Der tragischen Abgründe zwischen japanischer und deutscher Kultur sind viele: "Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln". Die Geschichte geht auf wahre Begebenheiten zurück, die Peters, der die japanische Kultur auf vielfältige und durchaus skurrile Weise, etwa als Küchenhilfe in einem japanischen Restaurant, wie Karl May jedoch niemals vor Ort, studierte, von seinem Freund Jan Kollwitz, dem Urenkel von Käthe Kollwitz erfuhr.
Einblick in die Recherchehintergründe der drei Autoren erfuhren die lebhaft fragenden Zuhörer beim abschließenden Gespräch.

Es kam zum Buch

In dem stand auch zur Frage, wie eine junge Frau dazukommt, ihrem Großvater, der als 15-Jähriger polnischer Zwangsarbeiter 1939 nach Deutschland verschleppt wurde, so intensiv nachzuspüren, dass am Ende nicht nur ein packendes, tiefgründiges literarisches Porträt entstand, sondern zudem ein bisher nur wenig beachtetes abgründiges Geschichtskapitel aufgeschlagen wird: das Schicksal der zwölf Millionen in der Zeit des Nationalsozialismus zur Sklavenarbeit nach Deutschland Verschleppten (siehe auch Tageblatt-Besprechung vom 16. April).

Stimmungslage getroffen

Ursprünglich wollte Sabine Kray einfach endlich etwas über den familiär weitgehend verschwiegenen Großvater erfahren, der die Zwangsarbeit überlebte und eine Karriere als "Diamanten-Eddie" absolvierte.
Doch es kam, wie es wohl kommen musste: Es kam zum Buch. Wofür Sabine Kray im Zuge der Gespräche mit alten Bekannten ihres Großvaters in Mönchengladbacher Kneipen den Konsum von bis zu 13 Bieren am Tag auf sich zu nehmen hatte. - Die Frau muss weiterschreiben. Keine Frage. Bei diesem Talent, Abgründe zu überspringen. Sie ist ja auch schon unterwegs, mit Jules Verne zum Mittelpunkt der Erde, seelensucherisch abgewandelt, wie Sabine Kray berichtet. Wundert uns nicht. Irgendsowas Abgründiges ist von ihr zu erwarten.
Von der Stimmungslage her trafen die Landestheater-Musiker Philipp Grzondziel, Klarinette, und Diana Zohrabyan am Klavier voll in die tanzende Schwärze: mit den "Three Preludes" von George Gershwin, mit der wunderbaren Elegie von Ferruccio Busoni und Tschaikowskys Herbstlied aus seinen "Jahreszeiten".

Die Bücher Sabine Kray: Diamanten Eddie. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, 689 Seiten, 24,90 Euro.
Christoph Peters: Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln. Roman. Luchterhand Verlag München, 224 Seiten, 18,90 Euro.
Kathrin Groß-Striffler: Zum Meer. Roman. Aufbau Verlag Berlin, 252 Seiten, 19,95 Euro.

Sabine Kray wurde 1984 in Göttingen geboren. Nach dem Studium der Amerikanistik entschied sie sich gegen eine Promotion und recherchierte stattdessen das Leben ihres Großvaters. Kray lebt in Berlin.

Christoph Peters, 1966 in Kalkar geboren, studierte als Sohn einer Handwerkerfamilie zunächst Malerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe. Von 1995 bis 2000 arbeitete er als Fluggastkontrolleur am Frankfurter Flughafen. Große schriftstellerische Erfolge gelangen ihm mit Romanen wie "Stadt, Land, Fluss" (1999) und "Wir von Kahlenbeck" (2012 Longlist des Deutschen Buchpreises).

Kathrin Groß-Striffler, 1955 in Würzburg geboren, aufgewachsen in Nürnberg, hat Anglistik und Romanistik studiert, arbeitete als Managerin einer Pferdefarm in den USA und war nach ihrer Rückkehr und dem Referendariat ein Jahr als Gymnasiallehrerin tätig. Seit 1998 veröffentlicht sie literarische Arbeiten.