Russland steht in diesen Tagen unter Generalverdacht. Alles Russische wird misstrauisch beäugt, seit Kreml-Herrscher Vladimir Putin den Angriff auf die Ukraine in Gang gesetzt hat. Aber sollte deshalb niemand mehr russische Musik spielen, russische Literatur lesen, russische Gemälde betrachten? Im Landestheater Coburg wird am Samstag russische Musik erklingen - beim Ballettabend "Der Glöckner von Notre-Dame", der nach exakt zwei Jahren Corona-Verzögerung endlich Premiere feiern wird. Die Komponisten dieser Werke wurden lange vor der Oktober-Revolution geboren, nur einer von ihnen erlebte das Ende des Zarenreiches und flüchtete aus seinem Heimatland Russland, in das er nie mehr zurückkehren sollte: Sergej Rachmaninow. Was an russischer Musik typisch russisch ist und was es mit dem Heimweh russischer Komponisten auf sich hat, erklärt Kapellmeister Roland Fister als musikalischer Leiter des Ballettabends am Landestheater.

Beim Ballettabend "Der Glöckner von Notre Dame" erklingen Werke gleich von drei russischen Komponisten, die jeweils sehr unterschiedliche Lebensläufe haben: Rachmaninow, Rimski-Korsakow, Mussorgski. Gibt es dennoch etwas, dass man bei dieser Musik als typisch russisch bezeichnen kann?

Roland Fister: Ähnlich sind sich diese Komponisten, weil ihr Musik hochemotional klingt, weil es von den Orchesterfarben her eher dunkle Musik ist. Früher hat man da gern von russischer Seele gesprochen. Rachmaninow zum Beispiel war ja immer ein bisschen verschrien, weil er angeblich schmalzige Melodien geschrieben hat. In seinen symphonischen Tänzen, die wir spielen, zeigt er, dass das so nicht stimmt - das ist differenzierte und vielschichtige Musik. Typisch russisch? Vielleicht der Umstand, dass diese Musik sehr emotional klingt und man dabei gar nicht merkt, wie ausgetüftelt das ist. Das ist vielleicht der Unterschied zu deutschen Komponisten jener Zeit, wo man oft den intellektuellen Hintergrund merkt, der manchmal vielleicht sogar im Vordergrund steht.

Warum spielt bei vielen russischen Komponisten das Thema Heimweh eine Rolle?

In den Biografien vieler russischer Komponisten, die nach der Oktober-Revolution ins Exil gegangen sind, taucht diese Sehnsucht nach Heimat auf - weil sie im Exil entweder künstlerisch nicht so richtig angekommen oder mit ihren Emotionen nicht heimisch geworden sind. Generell habe ich den Eindruck, dass das Thema Heimweh bei osteuropäischen Komponisten ausgeprägter ist als bei westlichen Komponisten.

Gleichzeitig haben gar manche russische Komponisten Werke des Fernwehs geschrieben. Wie passt das zusammen?

Das eine schließt das andere nicht aus. Heimweh und Fernweh - immer steckt eine Sehnsucht drin, vielleicht eine Sehnsucht nach einer besseren Welt, weniger im Sinne von Aufbruch zu neuen Ufern, eigentlich mehr in transzendenter Richtung. Bei Russland hat man das Gefühl, dass dieses Land immer wieder in ähnliche Situationen kommt - immer wieder werden Künstler eingesperrt, weil sie freiheitsliebend sind.

Rimsky-Korsakow, Mussorgsky und Rachmaninow haben immer wieder auch sehr deskriptive Musik geschrieben. Ist das Zufall oder auch typisch russisch?

Das gehört zusammen, in russischer Musik gibt es immer so eine tragische Komponente, auch wenn sie sich individuell aus unterschiedlichen Quellen speist. Bei Schostakowitsch zum Beispiel ist es das politische Spannungsfeld. Wenn man über dieses Thema redet, wird es schnell plakativ. Aber auch hier drängt sich der Begriff der russischen Seele auf.

Die Musikauswahl für dieses Ballett liegt lange zurück - schließlich war die Premiere ja ursprünglich schon für März 2020 geplant. Wie nehmen Sie unter den aktuellen Umständen einen Titel wie Mussorgskis "Das große Tor von Kiew" wahr?

Man nimmt "Das große Tor von Kiew" jetzt natürlich anders wahr. Wir hatten den "Glöckner von Notre-Dame" damals vor dem Corona-Lockdown bis zur Generalprobe geprobt und beleuchtet. Die Szene beim "Großen Tor von Kiew" war damals schon in den ukrainischen Farben blau-gelb beleuchtet. Im Kontext des Balletts geht es bei dieser Musik um einen Volksaufstand - da stellen sich jetzt natürlich mit dem aktuellen Bezug ganz andere Assoziationen ein. An sich hat diese Musik keinen politischen Bezug - uns ging es bei der Auswahl für das Ballett in dieser Szene um eine gewisse Brutalität des Klanges - das hört man im Moment natürlich ganz anders. Aber das ist ja das Spannende an der Kunst - dass es verschiedene Ebenen geben kann.

Warum haben Sie für ein Ballett, das in Paris spielt, nicht nur französische, sondern überwiegend russische Musik ausgewählt?

Mir ging's um eine klangliche Aussage, eine rhythmische Basis für das Ballett. Impressionistische Musik beispielsweise von Debussy wäre das eher fehl am Platz gewesen.

Über den Ballett-Abend hinaus: Wie verändert die aktuelle Situation die Wahrnehmung von Kunst im Landestheater?

Man fragt sich jetzt natürlich, ob man im Moment "Pop Corn-Theater" spielen kann. Natürlich findet jeder Künstler diesen Krieg schlimm. Andererseits frage ich mich: Muss man das bei jeder Aufführung plakativ mitteilen? Wo wird ein Statement vielleicht auch zu banal, zu plakativ? Gleichzeitig erlebe ich in den "Globe Songs", dass manche Songs überraschend neue Bezüge erhalten und plötzlich wieder aktuell klingen. Dann entsteht ein neuer Subtext durch das, was gerade in der Welt passiert.

Ballett-Tipp

Landestheater Coburg "Der Glöckner von Notre-Dame" . Ballett nach Victor Hugos Roman "Der Glöckner von Notre-Dame", Musik von Sergej Rachmainow, Georges Bizet, Nikolai Rimski-Korsakow und Modest Mussorgski

Besetzung

Musikalische Leitung: Roland Fister

Choreografie: Mark McClain

Bühne und Kostüme: Ana Tasic

Choreografische Mitarbeit: Tara Yipp

Sinti und Roma: Karina Campos Sabas, Lucia Sara Colom Garcia, Natalie Franke; Jérôme Peytour

Nonnen / Engel: Karina Campos Sabas, Natalie Franke

Priester: Chih-Lin Chan, Lucia Sara Colom Garcia; Guilherme Carola, Lucas Corrêa Santos, Jérôme Peytour

Statisterie des Landestheaters Coburg

Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Ballett Coburg

Termine: 12. März, 19.30 Uhr (Premiere), 19., 23. März, 19.30 Uhr, 10. April, 18 Uhr, 28. April, 7. Mai, 1. Juni, 19.30 Uhr - Alle Vorstellungstermine und weitere Informationen auch auf www.landestheater-coburg.de.

Hygiene-Regeln: Der Vorstellungsbesuch steht derzeit unter der 2G-Regel für Besucher ab 18 Jahre. Schüler bis einschließlich 17 Jahre müssen am Einlass lediglich einen gültigen Schülerausweis vorzeigen.