Ein Roman ins zeitlich begrenzte Format eines Theaterstückes gepresst, sagen wir 80 Minuten. Das ist immer ein Wagnis. Ödön von Horváths "Jugend ohne Gott" umfasst eine Fülle komplexer Gedanken, ausgetragen in den Geschehnissen um einen Lehrer in einem faschistisch aufrollenden System. Der Roman ist 1937 erschienen und wirkt im Rückblick prophetisch erschreckend.

Und er ist erschreckend aktuell, lässt die Frage aufkommen, wieweit gegenwärtig die "Verrohung" der Gesellschaft fortgeschritten ist, ihre Gleichschaltung, wenn auch auf anderen Wegen. Wie weit zieht sich der einzelne, die Mehrheit, heute aus der menschlichen, individuellen Verantwortung?

"Jugend ohne Gott" gibt es in einer Spielfassung des Autors Kristo Sagor. Was der intime Kenner von Horváths Roman auch erwarten und vermissen mag - und an das Kopfkino eines Lesers kommt kaum etwas heran: Das Landestheater Coburg hat jetzt eine Bühnenfassung verwirklicht, die in der Reithalle in ganz eigenem Format und eigener Ästhetik mit Wucht nahegeht.

"Jugend ohne Gott" in der Regie von Maike Bouschen, Absolventin der Theaterakademie August Everding und 2017 bereits mit "Jihad Baby" in Coburg beeindruckend, ist spannendes, politisch, gesellschaftlich und moralisch packendes "Junges Landestheater Coburg", das genauso alle höheren Altersgruppen betrifft.

Die 14-Jährigen im militärischen Zeltlager, aus dem ein Junge verschwindet, sind wie ihr Lehrer in der zeitlos entrückenden Ausstattung von Valentina Pino Reyes uniformiert, allerdings comicartig ironisierend. Gelb wallende Gummiperücken, pinkfarbene Akzentuierungen des Status, den jeder einnimmt in aller Marschiererei.

Maike Bouschen zitiert den ursprünglichen Zeithintergrund, erspart uns aber sowohl die oberflächliche Nazi-Folie wie die läppische Aktualisierung. Trotzdem, oder umso erschreckender werden manche Parallelen im Verhalten der jüngeren Generation wie der über sie wachenden Erwachsenen deutlich.

Sie schämen sich nicht

Und es werden dabei eben die existenziellen Grundfragen freigelegt. "Sie sind überzeugt, alles Denken ist ihnen verhasst", heißt es an einer Stelle. Und: "Sie schämen sich nicht." Was keineswegs nur auf die Jugendlichen gemünzt ist.

Der inneren Gleichschaltung und der moralischen Feigheit entspricht das ritualisierte Bewegungstheater, mit dem die Regisseurin viele Szenen übersteigert, verdichtet (unter choreografischer Mitwirkung von Lean Fargel). Der geradezu tänzerische Impetus entlarvt die geistigen Haltungen in den Körperhaltungen. Das ist ästhetisch wie gedanklich reflektierend äußerst packend, wird dazu noch durch beklemmenden Sound atmosphärisch weitergetrieben (Sounddesign Lutz Gallmeister).

Zahlreiche Figuren

Dabei schlüpfen Eva Marianne Berger, Lean Fargel, Konstantin Rommelfangen und Benjamin Hübner darstellerisch wendig und sofort überzeugend in die unterschiedlichsten Rollen, sodass das Romangeschehen bewältigt wird. Wo von Horváth gelegte Zusammenhänge in der Verdichtung nicht ganz deutlich werden, spielt das hier keine Rolle. Das Theaterstück ist in dieser Verwirklichung ein eigenes, beeindruckendes Erlebnis, es bringt wahrlich genug an herausfordernder Aussage und spannender Bühnenaktion.

Kommen wir zum Mittelpunkt dieser intensiven Wirklichkeitsbefragung: der zerrissenen, sich mühenden Figur des Lehrers. Frederik Leberle zeigt dessen Feigheit, seine Kläglichkeit, seine Verwirrung, dabei seinen trotz allem nicht zu unterdrückenden Widerstand gegen die Entmoralisierung und Instrumentalisierung hin zu Hass und Krieg auf beeindruckende Weise, den Zuschauer zwingend mitnehmend. Man kann sich eben nirgends über ihn erheben. Ohne Plakativität bleibt die bedrängende Frage: Was würdest Du denn tun? Wie würdest Du dich denn (ver-)halten?

Die Produktion Inszenierung Maike Bouschen, Bühne und Kostüme Valentina Pino Reyes, Dramaturgie Carola von Gradulewski, Sounddesign Lutz Gallmeister

Darsteller Frederik Leberle, Lean Fargel, Konstantin Rommelfangen, Benjamin Hübner, Eva Eva Marianne Berger

Weitere Termine 11. Dezember, 10 Uhr, 17., 18. 19. Dezember, 9. Januar 20 Uhr, 12. Januar, 18 Uhr, in der Reithalle

Das Stück "Jugend ohne Gott" ist der dritte Roman des österreich-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth (1901 - 1938). Er erschien im Jahr 1937 und wurde kurz danach, Anfang des Jahres 1938, in acht weitere Sprachen übersetzt. Das Buch kritisiert die Zustände nach der Machtübernahme Hitlers. Die Kritik am Faschismus und am Kleinbürgertum wird deutlicher denn je und die religiöse Thematik ist nicht nur im Titel stark ausgeprägt.

 Der in Berlin lebende Autor Kristo Šagor treibt die Entindividualisierung der Horváthschen Figuren noch weiter, heißt es im Begleittext des Landestheaters. "Das berühmte Diktum von der Unmöglichkeit des richtigen Lebens im Falschen, exemplifiziert anhand zweier Generationen, ist hochaktuell."