Mittwochnachmittag im Heimatring. Vor dem Eingangsgitter des Sozialkaufhauses Hartz & Herzlich hat sich eine Schlange gebildet. Noch ist geschlossen, Einlass ist erst ab 17 Uhr. "Heute ist wenig los", sagt Dominik Sauerteig, der Vorsitzende des Trägervereins "Hartz & Herzlich". "Wir merken es immer, wenn das Monatsende kommt", bestätigt Annerose Grosch, eine der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen im Kaufhaus.

Denn zum Monatsende wird das Geld knapp und die Kunden weniger. Auch wenn die Dinge hier nicht viel kosten. "Tagesangebot: Ein Herrenhemd 20 Cent" steht auf einer Tafel nahe beim Eingang. In mehreren Boxen liegen die Hemden säuberlich gefaltet und nach Größen geordnet. Dass es ordentlich aussieht, dass die Waren schön aufgebaut in den Regalen stehen, ist einer der Grundsätze des Sozialkaufhauses. Einer, der es von ähnlichen Einrichtungen unterscheidet.
Das habe neulich sogar Staatsministerin Emilia Müller (CSU) gesagt, berichtet Barbara Kammerscheid, die stellvertretende Vorsitzende und Gründerin, in einem Telefonat mit dem Tageblatt. Doch die Ministerin sagte auch noch einen anderen Satz: "Aber die Preise müssen höher werden."

Diesen Satz hat nicht nur Barbara Kammerscheid als kaltherzig empfunden. Auch Dominik Sauerteig spricht von "wenig Empathie". Denn das Kaufhaus nimmt bewusst nur Centbeträge für Dinge des täglichen Bedarfs. "Wer Hilfe braucht, soll Hilfe bekommen", sagt Sauerteig. Und: "Wir sind nicht dafür da, Gewinne einzufahren." Tragen soll sich das Kaufhaus, das im vorigen Jahr um einen eigenen kleinen Möbelladen erweitert wurde. Nach dem Umzug in den Heimatring 2014 hatte der Vereinsvorstand die Hoffnung, dass nun alles in ruhigen Bahnen laufen werde. Bis im Juli 2016 eine Nachzahlungsforderung vom Vermieter für das Jahr 2014 kam.


Rücklagen angegriffen

"Das hätte mehr als ein Zehntel unseres Haushalts ausgemacht", sagt Sauerteig über den Betrag, der da nachgefordert wurde, obwohl der Verein eine monatliche Nebenkostenpauschale von 300 Euro bezahlt. Als der Verein in die Geschäftsräume im Heimatring 56 einzog, war das Anwesen gerade an einen Investor aus Sonneberg verkauft worden. Bei den Nebenkosten seien noch keine Hausmeisterkosten enthalten gewesen, sagt Sauerteig, "und nicht so hohe Versicherungskosten".

Der Anwalt verhandelte, erreichte, dass die Forderung abgesenkt wurde. Trotzdem bleibt ein Batzen im vierstelligen Bereich, den der Verein nur bezahlen kann, weil er noch Rücklagen aus der Zeit des Umzugs hat. Damals habe der Verein viele großzügige Geldspenden erhalten, sagt Sauerteig. Das Geld sollte eigentlich anderweitig verwendet werden: Mindestens einen Job für Langzeitarbeitlose habe der Verein mit Hilfe dieses Polsters schaffen wollen. Denn es geht bei Hartz& Herzlich nicht nur darum, Menschen mit geringem Einkommen eine günstige Einkaufsmöglichkeit zu schaffen, hat Barbara Kammerscheid immer wieder gesagt. "Hartz & Herzlich" soll auch Beschäftigungen bieten, Jobs, die wichtig sind, die Selbstwertgefühl geben.

Deshalb sind längst nicht mehr alle der rund 50 Mitarbeiter im Ehrenamt dabei. Der Verein bietet Jobs mit Hilfe all der Instrumente, die das Sozialgesetzbuch hergibt: Übers Jobcenter gestützte Beschäftigungen, Ein-Euro-Jobs, Minijobs, die Kaufhausleiterin ist in Teilzeit angestellt. Was verkauft wird, stammt aus privaten Spenden, Haushaltsauflösungen oder Firmenspenden. Die Spender wissen, dass Kleidung, Töpfe, Spielsachen, Schuhe und Haushaltsgeräte zum kleinen Preis abgegeben werden. Sie erwarten das auch, betonen Kammerscheid und Sauerteig. Eine Preiserhöhung aufs Doppelte oder mehr verbiete sich da. "Ich kann doch nicht für ein T-Shirt einen Euro verlangen, das beim Discounter fünf Euro gekostet hat und zwei Jahre getragen wurde", sagt Kammerscheid am Telefon. Deshalb gehen die T-Shirts für Preise zwischen 30 und 50 Cent raus, ein Herrenanzug kostet zwischen 1,50 und drei Euro, eine Lederjacke fünf Euro. Da ist aber schon Ende der Kleiderstange - teurer ist bei den Textilien nichts.


Ziel: Kosten senken

Da geht es um Dinge des täglichen Bedarfs. Aber wenn doch mal bei den Spenden was dabei ist, für das ein Sammler durchaus einen guten Preis zahlen würde? Das will sich der Verein nicht zunutze machen, auch, weil das einen höheren Aufwand bedeuten würde. Und so viel würde das auch nicht ausmachen, meint Annerose Grosch. "Selbst für Goebel-Figuren kriegste ja nichts mehr."

Einkaufen darf bei Hartz & Herzlich nicht jeder. Wer einen Einkaufsausweis beantragt, muss nachweisen, dass er als Alleinstehender nicht mehr als 1100 Euro Einkommen hat. Das liegt über dem Hartz-IV-Satz, "weil es viele gibt, die durchs Raster fallen", wie Sauerteig sagt. "Selbst von einer Vollzeitstelle kann man mit Mindestlohn kaum leben."

Kaufhausmitarbeiter und Vorstand überlegen jetzt, wie sie die Kosten drücken können, ohne die Preise erhöhen zu müssen. Denn für 2015 und 2016 erwarten sie weitere Forderungen des Vermieters. Der Möbelladen wurde gekündigt, weil sich die Nebenkosten auch an der Fläche bemessen, die der Verein in dem Gebäude belegt. Der Möbelverkauf wird weiterhin stattfinden, versichert Sauerteig. Mit dem Vermieter wird verhandelt, dass er die Kosten senkt, die in seinem Einflussbereich liegen. "Aber da sind wir auf Entgegenkommen angewiesen." Er sieht seine Aufgaben im Hintergrund, aus dem Kaufhaus-Alltag hält er sich heraus. Der ist nach wie vor die Domäne von Barbara Kammerscheid. "Sie ist das Gesicht von Hartz & Herzlich, das wird auch so bleiben", betont der Vorsitzende.