Fangen wir mit dem Poetischen an, dem "Atem der Vögel". Obwohl Klaus Böldls nordwärts wehende Poesie nächste Woche dann die 14. Coburger Literaturtage beenden wird. Der namhaft ausgezeichnete Passauer wird mit zwei weiteren Autorinnen, Paula Fürstenberg und Rasha Khayat, den beliebten Roman-Marathon in der Reithalle bestreiten, und bereits sein kleines Buch bietet ein großes, eigenartig berührendes Leseerlebnis.
Der Niederbayer lehrt mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität Kiel. Er hat sich mit dem Mythos der Edda und generell mit den Göttern und Mythen des Nordens befasst. Sein literarisches Schaffen aber dringt tief ein in unsere heutige Welt. Wobei sein jüngstes Werk "Der Atem der Vögel" gleichzeitig dem Überdauernden jenseits des Menschseins auf der Spur ist.
Böldl führt in dieser zwar Roman genannten, aber eigentlich eher üppigeren Erzählung hoch auf die Faröer Inseln. Die "Schafsinseln" bilden eine autonome, zur dänischen Krone gehörende Gruppe im Nordatlantik zwischen den Britischen Inseln, Norwegen und Island.
Dort, auf Streymoy, lebt der Deutsche Philipp seit zwei Jahren bei der Ärztin Johanna und deren Tochter Rannva, in einem "Haus auf einer Insel mitten im Weltmeer". Auf seinen ausgedehnten Spaziergängen in diese sehr spezielle Landschaft und Stimmung führt er sich und den Leser immer stärker in eine Art Selbstvergessenheit, in der sich Raum und Zeit und Geist fast magisch zu verdichten scheinen, eine Art überrealistischer Träumerei, mit der wir uns mehr und mehr selbst unmittelbar in diesem fremden Land wiederfinden.


Unmengen von Himmel

Denn Klaus Böldl hat das Geschick präziser, dichter und dabei anstrengungsloser poetischer Sprachfindung. In "dieser Unmenge von Abwesenheit" der Menschen auf diesen Inseln, mit ihrer "Unmenge von Himmel über sich" geht der Wanderer auf in der Landschaft. Sein Blick füllt sich mit Meer. Die Landschaft, die Weite, die Jahreszeiten, das Wetter, die Bäume, die menschlichen Behausungen werden wie zu einem geradezhu tierisch anmutenden Organismus, mit grauer Eishaut auf den teichartigen Gewässern, mit kleinen, körperhaft scharf umrissenen Wolken darüber. Das fremdartige ernste Weiß, die glänzenden Bergzüge vor dem dunkelblauen Frühlingshimmel, bevor der winterliche Trauerflor des ermüdenden Graugelbs so vehement ins Smaragdgrün springt, dass es nachts vor dem Einschlafen auf der Netzhaut flimmert.


Die Grenzen zwischen den Dingen

Noch erinnert sich Philipp an die verwilderten Sommernachmittage seiner Kindheit. Doch schon damals lösten sich die Grenzen auf zwischen den Dingen, dem Raum und ihm selbst.
In Böldls schwerelosem Erzählfluss, der wie diese wechselhaften Wolkenformationen über dem Nordmeer treibt, in seiner Beschreibung gerade der Leere wird leise, dabei aber immer drängender das Rätselhafte unserer Existenz bewusst.
Die 14. Coburger Literaturtage beginnen am Dienstag, 25. April, mit der Reihe "Literatur in den Häusern der Stadt" des Landestheaters. Smarte Maschinen und politische Analysen zwischen links und rechts werden an den Sachbuchabenden behandelt.Dem Schweizer Autor Peter Stamm ist die Autoren-Gala am Donnerstag nächster Woche gewidmet.

Klaus Böldl: Der Atem der Vögel. Roman. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 140 Seiten, 18 Euro.

Klaus Böldl, 1964 geboren in Passau, studierte Nordische Philologie, Germanistik und Komparatistik in München und Lund. 1999 promovierte er in München zum Doktor der Philologie, 2005 erfolgte die Habilitation. Seit 2007 ist er Professor für skandinavistische Mediävistik am Nordischen Institut der Universität Kiel. Neben seinen wissenschaftlichen Arbeiten verfasst Böldl erzählerische Werke und Reiseberichte, die oft den skandinavischen Raum zum Hintergrund haben. Er erhielt unter anderem den Tukan-Preis der Stadt München, den Förderpreis des Freistaates Bayern, den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau, den Hermann-Hesse-Preis und 2013 den Friedrich-Hebbel-Preis.

In den Häusern der Stadt Ensemblemitglieder des Landestheaters lesen am Dienstag, 25. April, ab 20 Uhr bei ausgewählten Bürgern zuhause. Programmübersicht und Karten an der Kasse des Landestheaters.

Sachbuch Ulrich Eberl "Smarte Maschinen", Mittwoch, 26. April, 20 Uhr in der Mensa des Ernestinums, Untere Realschulstraße 2. Der n Physiker und Zukunftsforscher informiert über den aktuellen Stand der Forschung auf dem Gebiet der Robotik und künstlichen Intelligenz.

Autoren-Gala Peter Stamm liest am Donnerstag, 27. April, um 20 Uhr im Kleinen Saal des Pfarrzentrums St. Augustin aus seinem Roman "Weit über das Land".

Streitgespräch Am Freitag, 28. April, um 20 Uhr werden in der Brose-Aula der Hochschule die Journalisten Jakob Augstein und Nikolaus Blome zum politischen Streitgespräch "Links oder rechts" erwartet.

Roman-Marathon Samstag, 29. April, ab 19 Uhr in der Reithalle mit Paula Fürstenberg ("Familie der geflügelten Tiger"), Klaus Böldl und Rasha Khayat ("Weil wir längst woanders sind").

Karten für die 14. Coburger Literaturtage gibt es in der Buchhandlung Riemann (Roman-Marathon 18 Euro, sonst jeweils 12 Euro, Abendkasse 25 und 15 Euro, ermäßigt 10 und 5 Euro.)