Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist mit Bedacht gewählt. Pünktlich zum Jubiläum 100 Jahre Bauhaus hat der Publizist Bernd Polster seine umfangreiche neue Biografie des Bauhaus-Gründers Walter Gropius vorgelegt. Sie lässt den gefeierten Architekten der Moderne in einem völlig neuen Licht erscheinen - einem keineswegs vorteilhaften Licht.

Schelmenroman

Schon der Klappentext rührt kräftig die Werbetrommel. Das Leben von Walter Gropius - künftig werde man es "nicht mehr als Heldengeschichte, sondern als Schelmenroman erzählen". Mehr noch: Die Geschichte des Lebens von Walter Gropius zwischen Kaiserreich, zwei Weltkriegen und der Postmoderne der Nachkriegszeit - diese Geschichte sei "die Geschichte eines Hochstaplers, wie sie sich kein Romancier besser hätte ausdenken können."

Akribisch recherchiert

Gewichtige Vorwürfe, die Bernd Polster in dem akribisch recherchierten Band detailreich zu belegen unternimmt. Beim Sachbuch-Abend von "Coburg liest" präsentierte Polster seinen Band vor zahlreichen Zuhörern im Kunstverein Coburg.

Mechanismen der Glorifizierung

Ausgemachte Gropius-Fans, das bewies auch diese Lesung samt Diskussion, dürften mithin wenig Freude an diesem Entlarvungs-Buch gewinnen. Für jene Leser jedoch, die interessiert sind an den Mechanismen, die zur Glorifizierung erfolgreicher Persönlichkeiten führen, ist dieser Band eine spannende Entdeckungsreise. Dabei beschreibt der Autor seine Annäherung an Gropius auch als die Geschichte seiner eigenen Desillusionierung. Es habe, so Polster, "eine Weile gedauert, bis sich herausstellte, dass es sich dabei gar nicht um eine Heldengeschichte, sondern um einen Schelmenroman handelt."

Notorischer Betrüger

Bernd Polster erzählt die Geschichte dieses Lebens als die Geschichte eines notorischen Betrügers - auch und nicht zuletzt in Liebesdingen. Sie ist die Geschichte eines Mannes mit einem bemerkenswerten Maß an Durchsetzungsfähigkeit und einem ausgeprägten Gespür für die Vermarktungschancen von Ideen. Nicht zuletzt ist diese Geschichte die Geschichte eines Mannes mit charismatischem Sendungsbewusstsein, der ein besonderes Talent dafür hatte, andere Menschen in seinem Namen für sich arbeiten zu lassen.

Mit Akribie und Spürsinn hat sich Polster die Quellen erschlossen, hat hinter die Kulissen des Ruhms geblickt- keineswegs vom Vorsatz getrieben, das Denkmal Gropius vom Sockel zu stoßen. Bei aller späteren Zielstrebigkeit, die Gropius bei der Inszenierung seines Ruhms auszeichnete, entdeckt Polster eine immer wieder auftauchende Komponente - Glück. Polsters Fazit ist jedenfalls unmissverständlich: "Das verdammte Glück, das dieser Mensch hatte, ist wirklich unfassbar."

Von Mythen überlagert

Und immer wieder hat Polster bei seinen Recherchen in Sachen Gropius festgestellt, wie Mythen und Halb- bis Unwahrheiten noch heute die Gropius-Darstellung überlagern. "Das ist das Tolle an diesem Thema - man stößt immer wieder auf Geheimnisse," sagt Polster.

Spannend und lesenswert

Zugleich aber wird diese Gropius-Biografie beinahe zwangsläufig auch zum zeitgeschichtlichen Panorama. Der Lebensweg des 1883 in Berlin geborenen Walter Gropius, der 1969 in Boston, Massachusetts, starb, beschreibt den von Brüchen und Katastrophen gesäumten Weg vom untergehenden Kaiserreich in die Moderne - spannend, erhellend, unbedingt lesenswert.

Rund um "Coburg liest"

Buch-Tipp Bernd Polster "Walter Gropius - Der Architekt seines Ruhms", 656 Seiten, gebunden, Hanser Verlag, 32 Euro Bernd Polster Jahrgang 1952, lebt als Publizist und Künstler in Bonn. Regelmäßige Beiträge für Rundfunk und Fernsehen, zahlreiche Buchveröffentlichungen, darunter "Bauhaus Design" Mittwoch, 3. April Literatur in den Häusern unserer Stadt - 19.30 Uhr, Privathäuser Donnerstag, 4. April Autoren-Gala F.C. Delius "Die Zukunft der Schönheit" - 19.30 Uhr, Pfarrzentrum St. Augustin Mittwoch, 10. April Krimi-Abend Frriedrich Ani "Der Narr und die Maschine" - 19.30 Uhr, Haus Contakt Kartenvorverkauf Tickets für "Coburg liest" gibt es im Vorverkauf in der Buchhandlung Riemann in Coburg