Mozarts "Entführung aus dem Serail" ist ein Werk, an dem man grandios scheitern kann. Faszinierende Musik, aber ein problematisches Textbuch, das zu verkrampften Rettungsversuchen führen und an schlechten Abenden Publikum wie Interpreten Pein bereiten kann.


Viele Premieren-Bravos

Mozarts "Entführung" ist ein Werk, mit dem man aber auch grandios gewinnen kann. So viele Bravos wie bei der Premiere der Neuinszenierung durch Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka hört das Landestheater jedenfalls nur an ganz besonderen Abenden. Was also war passiert?


Radikal neu gedeutet

Das junge Regie-Duo Szemerédy/Parditka riskiert viel mit seiner radikalen Neudeutung des Singspiels - und landet einen regelrechten Theatercoup. "Wir wollen die Entführung aus dem Serail entführen" - diese Ankündigung ist mehr als nur ein flott formuliertes Marketing-Motto. Weg mit aller vordergründigen Exotik. Weg auch mit einem großen Teil der heiklen Original-Dialoge. Die beiden jungen Regisseurinnen, die bereits zwei Mal mit großem Erfolg am Landestheater gastierten, bescheren dem Coburger Premieren-Publikum eine eigene und verblüffend schlüssige neue Textfassung, die einige überraschende Wendungen der Handlung parat hält. Goethes "West-östlicher Diwan" liefert dafür die Verse.


Zu Gast im "West-östlichen Collegium"

Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka verlegen in ihrer Fassung die Handlung kurzerhand in eine Schule, die sie "West-östliches Collegium" taufen. In diesem Collegium mit seinen strengen Regeln und Riten, mit Schuluniformen und dekorativer Goethe-Büste erleben Konstanze und Belmonte, Blondchen und Pedrillo als Pennäler ihre erste große Liebe - zwischen Hoffen und Bangen, zwischen jubelndem Glück und Angst vor den eigenen Gefühlen.


Gnadenloser Drill im Sportunterricht

Aus Bassa Selim wird der Leiter des Collegiums, aus Osmin, dem Aufseher des Landhauses des Bassa Selim, wird ein gestrenger Sportlehrer, der die Schüler mit Trillerpfeife und gnadenlosem Drill peinigt. Für ihre Lesart der "Entführung" haben sich Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka als ihre eigenen Ausstatterinnen die passenden Kulissen auf die munter rotierende Drehbühne gestellt. Zwischen Klassenzimmer, Schlafsaal und Waschraum erleben Konstanze und Belmonte, Blondchen und Pedrillo ihre Herzensabenteuer. Das Regiekonzept begeistert das Publikum auch deshalb, weil Solistenschar und Chor mit geradezu umwerfender Spielfreude agieren.

Zum umjubelten Erfolg aber wird diese Coburger "Entführung" mit Hilfe der Musik. Denn das ist der eigentliche Coup dieser Inszenierung: Sie zertrümmert die Dramaturgie von Mozarts Singspiel nur scheinbar. Tatsächlich jedoch ist sie nirgends Selbstzweck, sondern dient vielmehr der Musik.


Feines Gespür für Mozarts Musik

Denn sie schafft Situationen, in denen sich die Ausdruckswucht von Mozarts Musik facettenreich entfalten kann. Das gelingt auch deshalb, weil Coburgs Erste Kapellmeisterin Anna-Sophie Brüning feines Gespür für den Ausdrucksreichtum der Partitur beweist. Sie führt das in kleiner Besetzung stets konzentriert agierende Philharmonische Orchester zu kammermusikalisch delikatem Spiel - dynamisch präzis abgestuft und gut in Balance gehalten zwischen Streichern und klar konturierten Bläserstimmen.


Würdevoller Anwalt der Poesie

In der Sprechrolle des Bassa Selim wird Frederik Leberle zum würdevollen Anwalt der Poesie, zum Pädagogen, der seinen Schülern mit Goethes Versen humanistische Werte vermitteln will. Famos besetzt in jeder Rolle ist das vokale Solistenquintett. Paraderolle für Michael Lion mit ebenso sonorem wie beweglichem Bass: die Partie des Osmin (alternierend: Tapani Plathan). Das klassische Buffo-Paar geben Anna Gütter und Dirk Mestmacher. Als Blondchen und Pedrillo begeistern sie stimmlich und darstellerisch mit ihrer Agilität.


Bewährungsprobe als Mozart-Tenor glanzvoll bestanden

Seine Coburger Bewährungsprobe als Mozart-Tenor besteht José Manuel mit Bravour und lyrischem Timbre (alternierend: David Zimmer). Als Konstanze fasziniert Ana Cvetkovic-Stojnic durch die Verbindung von schier müheloser Koloraturgeläufigkeit und lyrischer Intensität.

"Die Entführung aus dem Serail" am Landestheater Coburg - ein "Muss" nicht nur für Mozart-Fans.


Die weiteren Termine

Termine Mozart "Die Entführung aus dem Serail" - 25. März, 2., 10. April, 19.30 Uhr, 12., 19. April, 18 Uhr, 23. April, 5. Mai, 19.30 Uhr, 17. Mai, 15 Uhr, 22., 26. Mai, 17. Juni, 19.30 Uhr; Landestheater Coburg