Wohin geht der Trend beim Wein? "Nach Deutschland", sagt Florian Oertel. "Vor allem nach Franken." Aber inzwischen finde auch der Riesling aus dem Rheingau mehr Anklang und der Grauburgunder aus Baden. "Vor 40 Jahren wurde hier nur Mosel getrunken", fällt Rainer Oertel ein, der Senior in der gleichnamigen Weinhandlung im Coburger Zeughaus.

Vor 40 Jahren waren süße Weine begehrt. Als sich herausstellte, dass eine Großkellerei ihre Weine mit Glykol versüßt hatte und dass dabei auch einige ungesunde Stoffe in den Wein geraten waren, brach die Nachfrage nach lieblichen Weißweinen von der Mosel schlagartig ein. Trockene Weine waren nun in - aber was damals als "trocken" galt, war oft auch sauer, sagt Rainer Oertel.

Inzwischen trinke man zwar immer noch bevorzugt trockene Weine, "aber die Nachfrage geht zur dienenden Restsüße", die die Säure im Wein ausgleicht. Dabei, sagt Oertel senior, komme es "auf die Harmonie an" - denn Süße könne Säure nie überdecken; gefragt sei das harmonische Zusammenspiel der beiden Geschmacksrichtungen. Es würden auch mehr und mehr Cuvées akzeptiert - Weine, die nicht nur aus einer Traubensorte bestehen, sondern aus mehreren, wie man es vom Champagner oder Sekt kennt.

"Insgesamt ist die Qualität gestiegen", sagt Florian Oertel. Das gelte für Deutschland, aber auch die übrigen Weinbaunationen wie Italien oder Frankreich. Rainer Oertels Erklärung: "Die Winzer sind heute besser ausgebildet." Habe es früher gereicht, das fortzuführen, was Vater und Großvater schon praktizierten, so sei heute bei künftigen Weingutsbesitzer der Besuch einer Fachschule Standard und dann ein oder mehrere Jahre im Ausland, in Südafrika, Australien, Südamerika, wo neue Techniken schon länger Standard sind.

Wobei neue Erkenntnisse oft nicht neu sind, wie Rainer Oertel sagt: Rebschnitt und Mengenbegrenzungen seien schon Anfang des 19. Jahrhunderts selbstverständlich gewesen. Vor einigen Jahrzehnten noch wurde Wein indes massenweise produziert; Winzer, die an Kellereien lieferten, wurden nach Mostgewicht und Menge bezahlt. Doch wenn die Rebe weniger Trauben ausbildet, dann schmecken diese wenigen Trauben intensiver. Sie bilden mehr Zucker und damit die Grundlage für mehr Alkohol. Hinzu kommt der Klimawandel. "Wärme macht am Mostgewicht viel aus", sagt Oertel. Viele Weine, auch solche, die früher als grundsätzlich trocken galten wie der Frankenwein, schmecken inzwischen fruchtiger.

Doch so süß wie das, was vor 40 Jahren in die Gläser kam, sind die Weißweine von heute noch lange nicht. "Der Ruländer war früher pappsüß", sagt Rainer Oertel. Deshalb wollte ihn irgendwann kaum jemand mehr haben. Dann aber wurde der fruchtig-trockene italienische Pino Grigio entdeckt und zum Trendwein. Auf Deutsch heißt diese Traubensorte Grauburgunder oder Ruländer.

Keine Feste, keine Perlen

Weißweine und Rosés im Sommer, im Herbst dann wieder eher Rotwein: So läuft das Saisongeschäft im Weinhandel, sagt Florian Oertel. Bei Rotwein sei Deutschland aber nicht ganz so konkurrenzfähig. Was in diesem Frühjahr und Sommer indessen kaum ging, waren Sekt, Prosecco und Champagner. "Da haben die Feste gefehlt", sagt Rainer Oertel. Was Oertels außerdem festgestellt haben: "Zu Hause wird mehr hochwertiger Wein getrunken" - für sie ein kleiner Ausgleich dafür, dass viel Geschäft mit der Gastronomie wegfiel. "Es gab meist Außengastronomie, und draußen trinkt man Bier."

Kurzlebiger Kerner

"Wein ist eigentlich ein konservatives Produkt", sagt Rainer Oertel. "Er lebt von der Tradition und der Geschichte." Trotzdem gibt es auch im Weinhandel kurzlebige Trends. Vor einigen Jahren, sagt Oertel, sei die Rebsorte Kerner beliebt gewesen. Er spuckt das Wort fast verächtlich aus. "Danach fragt kein Mensch mehr." Ähnlich könnte es Oertel zufolge der Scheurebe ergehen. Früher meist süß ausgebaut, werden nun angenehme trockene Weine aus ihr produziert, so wie in Österreich, wo die Rebe "Sämling 88" heißt.

Die derzeit meist angebaute Sorte in Deutschland ist der Riesling. Damit hat er den Müller-Thurgau abgelöst, dessen Ruf durch den Massenanbau gelitten hat. "Ein gut gemachter Müller-Thurgau ist was Feines", betont Oertel. Er selbst sei jedoch Riesling-Fan: "Ich halte ihn für ein Alleinstellungsmerkmal." Der Riesling habe eine lange Vegetationszeit von Mai bis Oktober, gedeihe im gemäßigten Klima, wie es für Deutschland bislang typisch ist. "Solche Weine würden die anderen Länder gern produzieren wollen", weiß, fruchtig, trocken, nicht zu alkoholbetont im Geschmack.

In Franken ist der Silvaner der meist angebaute Wein - es ist auch die fränkische Traditionsrebsorte. Rainer Oertel hält viel auf den Silvaner, weniger von den sogenannten Piwi-Sorten, Reben, die auf Pilz-Widerstandsfähigkeit hin gezüchtet wurden. Freilich: Einen Silvaner gut zu machen sei schwierig, sagt der Weinhändler, der seit 60 Jahren im Geschäft ist.

Experimentiert wird nicht nur mit neuen pilzresistenten Sorten, die - so die Hoffnung - weniger Spritzmittel brauchen. Auf deutschen Weinbergen wachsen inzwischen auch Franzosen wie Chardonnay, Sauvignon-Blanc (beide weiß) oder Merlot (rot). Oertel betrachtet das mit freundlicher Skepsis: Chardonnay und Merlot seien beliebt, weil sie auch unter schwierigen Bedingungen Erträge bringen. Der Sauvignon Blanc stelle große Ansprüche an die Lage und die Weinbereitung. "Er hat sehr viele duftige Geschmacksstoffe", die aber schon im Keller verfliegen könnten. Deshalb glaubt Rainer Oertel nicht, dass der Sauvignon Blanc in Deutschland große Anteile erobern wird.

Die Lage, die Lage ...

Ein weiterer Trend der vergangenen Jahre, der sich verfestigt hat: Neben den Qualitätsbezeichnungen nach dem deutschen Weingesetz, die Gebietslagen und Mostgewicht beschreiben, hat sich auch eine Skala durchgesetzt, die der Verband der Prädikatsweingüter (VDP) aufgestellt hat. Er klassifiziert die Qualität nach der Lage des Weinbergs (Boden, Klima, Sonneneinstrahlung) von der Großen Lage über die Erste Lage und die Ortslage zur Gutslage. Die Gutslage ist die einfachste (und billigste). Deshalb heißt der Silvaner, den Oertel vom Staatlichen Hofkeller Würzburg abfüllen lässt, nun nicht mehr "Würzburger Stein", sondern "Würzburger Ortswein". Der "Stein" ist für die großen Gewächse reserviert. "Und der ,Escherndorfer Lump‘ heißt als Großes Gewächs ,Escherndorfer vom Lumpen‘". sagt Rainer Oertel.

Er hat in seiner Jugend noch selbst die Prüfung zum Weinhandelsküfer gemacht, denn damals sei es durchaus noch üblich gewesen, dass Weinhäuser Most aufkaufen, um ihren eigenen Wein herzustellen. Der Handel ist den Oertels jedoch lieber als die Produktion, sagen Vater und Sohn übereinstimmend. Im Keller unterm Zeughaus lagern zwischen 60.000 und 80.000 Flaschen, manche nur wenige Tage, andere wiederum Jahre. Oertels lagern auch Vorräte für Restaurants ein, "damit die nicht immer ihre Weinkarten ändern müssen". Ein weiteres Weinlager befindet sich in Coburg-Neuses.

Seit 1898 dürfen Oertels übrigens den Titel "Hoflieferant" tragen; eine Kopie der Urkunde hängt noch an der Wand. Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha verlieh Oertels dieses Privileg. Er vermietete ihnen auch den Laden im Zeughaus und den Keller darunter. Der Keller erstreckt sich unter dem gesamten Gebäude. Peter Sengelaub, der viel Erfahrung mit Kirchenbauten hatten, legte ihn als Kreuzgewölbe an. Der Keller, sagt Rainer Oertel, sei von Anfang an als Weinkeller gedacht gewesen.