"Und dann bekomme ich bitte noch die zehn Euro Praxisgebühr von ihnen." Ein Satz, der Sprechstundenhilfe Yvonne Pohl, genannt Nicki, in den vergangenen Jahren sicher oft über die Lippen gegangen ist. Sie arbeitet in Weitramsdorf, in der Praxis von Allgemeinmediziner Oliver Welke. Sie wäre froh, wenn sie diesen Satz ab kommendem Jahr nicht mehr sagen müsste.

"Es war anstrengend, denn viele Patienten wussten auch nach Jahren noch nicht, wie sie damit umgehen sollen", sagt Nicki Pohl. Deshalb musste sie immer wieder Zeit aufwenden, um es zu erklären. Hinzu kam ein gewaltiger Verwaltungsaufwand: Quittungen und Überweisungen ausdrucken, ausfüllen und nicht zu vergessen die Buchhaltung. Schließlich mussten die zehn Euro Praxisgebühr für die Steuerprüfung erfasst werden.
Geballt hat sich der Aufwand vor allem am Anfang des Quartals: "Viele kamen gleich zu Beginn, um sich Überweisungen für bis zu fünf Fachärzte abzuholen."

Genervt habe es die Patienten auf jeden Fall, sagt Pohl. Außerdem sei die Gebühr für Menschen mit geringem Einkommen schon eine Belastung. Da stimmt ihr Oliver Welke zu. Er hält das Modell Praxisgebühr für auf der ganzen Linie gescheitert - das "Bürokratiemonster" sei von Anfang an ein Fehlgriff gewesen. "Allein der Name ist falsch", sagt Welke. Gebühren könnten nur Körperschaften des öffentlichen Rechts erheben, was eine Praxis nicht ist. Die Abgabe hätte man nach Welkes Ansicht also "Kassengebühr" nennen müssen. "Dann wäre auch klar gewesen, dass es sich hierbei um eine Sondereinnahme der gesetzlichen Krankenkassen handelt und nicht etwa um eine Zusatzeinnahme der Ärzte", sagt Welke.

16 Arztbesuche im Jahr

Im Jahr 2004 ging jeder Versicherte in Deutschland im Durchschnitt 16 Mal zum Arzt. Die Praxisgebühr sollte eine finanzielle Hürde darstellen, um diese Zahl zu reduzieren, und um zu verhindern, dass Versicherte wegen jeder Kleinigkeit einen Arzt aufsuchen. "Im Jahr 2008 waren es dann bereits rund 18 Arztbesuche pro Versicherter. Die Rechnung ist also offenbar nicht aufgegangen", berichtet Welke.

Was für ihn jedoch noch schwerer wiegt als der Verwaltungsaufwand und das verpasste Ziel: "Die Störung des Arzt-Patienten-Verhältnisses und die Störung der gesundheitlichen Versorgung allgemein". Viele Patienten hätten - um Geld zu sparen - einen notwendigen Arztbesuch aufgeschoben. Dadurch seien Krankheiten verschleppt und verschlimmert worden.

"Außer den Krankenkassen haben mit der Praxisgebühr alle nur Ärger", sagt Welke. "Wir machen Freudensprünge und drei Kreuzchen, sollte sie wirklich wegfallen." Er ist sich aber sicher, dass sich die Kassen das verlorene Geld auf einem anderen Weg wieder holen.

Entlastung für die Bürger

Vorgesehen ist, die Ausfälle über den Gesundheitsfonds auszugleichen. Stefan Preisz von der AOK-Direktion Coburg begrüßt diesen Schritt. Denn nur so sei "sichergestellt, dass die Entlastung auch bei den Bürgern ankommt". Dieser Ausgleich sei allerdings nur für das Jahr 2013 vorgesehen. Im Anschluss müsse man die gesundheitspolitische Entwicklung nach der Bundestagswahl abwarten. Das wichtigste Ergebnis sei Klarheit zum Thema: "Sie ist damals politisch eingeführt worden, sodass ihre Abschaffung auch zwingend durch die Politik erfolgen musste, insbesondere da sie ihre steuernde Wirkung nicht in der vorgesehenen Weise erreicht hat", so Preisz.

Die Kritik der falschen Namensgebung weist er zurück: Es sei zu keinem physischen Geldfluss von den Ärzten an die Kassen gekommen, vielmehr handele es sich bei der Praxisgebühr um einen Honorarvorschuss für die Ärzte, der erst bei der Honorarüberweisung verrechnet wurde. Das heißt, die Ärzte durften zwar das eingesammelte Geld behalten, haben aber dementsprechend weniger Honorar von den Krankenkassen bekommen.

Die AOK Bayern, so Preisz, fordere dennoch eine neue Diskussion um wirksame Steuerungsmaßnahmen. Außerdem müsse die Politik nun "jedem weiteren Zugriff auf die Finanzrücklagen der gesetzlichen Krankenversicherung eine klare Absage erteilen". Eine medizinische Versorgung nach Konjunktur- und Kassenlage dürfe es nicht geben.

Noch ist die Abschaffung der Praxisgebühr keine beschlossene Sache. Nachdem der Bundestag dies jedoch einstimmig beschlossen hat, geht Welke davon aus, dass es sich bei der Verabschiedung im Bundesrat nur um eine Formsache handelt. "Unsere Patienten hoffen nicht nur für sich, dass die Gebühr wegfällt. Sie freuen sich auch für uns, weil wir dann für die wirklich wichtigen Dinge in der Praxis wieder mehr Luft haben", sagt Welke.