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Coburg
Strafprozess

13-jähriges Mädchen missbraucht: Oberfranke vor Gericht

Wegen sexuellen Missbrauchs eines Mädchens steht ein 21-jähriger Coburger vor Gericht. Das Opfer war zur Tatzeit gerade 13 Jahre alt geworden.
 
Der Fall des 21-jährigen Coburgers wurde im Amtsgericht Coburg verhandelt. Foto: CT-Archiv
Der Fall des 21-jährigen Coburgers wurde im Amtsgericht Coburg verhandelt. Foto: CT-Archiv

Die Vorwürfe wiegen schwer: Ein 21-jähriger Coburger muss sich vor dem Amtsgericht Coburg wegen sexueller Handlung an einem Kind, sexueller Belästigungen zweier Vierzehnjähriger sowie der gefährlichen Körperverletzung an einem weiteren Jugendlichen verantworten. Am Dienstag (03. November 2020) wurde verhandelt.

Der eklatanteste Vorfall, der dem Arbeitslosen zur Last gelegt wurde, ereignete sich Anfang Februar dieses Jahres: Nahe des Skaterparks in der Rodacher Straße verzogen sich der Angeklagte und eine damals gerade 13-jährige Bekannte hinter ein Gebäude, um sich zu küssen. Zwar lehnte das Mädchen sein Angebot ab, ihn nach Hause zu begleiten. In der Folge vermochte der damals 20-Jährige, weil das Mädchen die Hose heruntergelassen hatte, mit dem Finger in ihre Vagina einzudringen. Als ein gemeinsamer Bekannter hinzukam, entwickelte sich ein heftiges Wortgefecht, infolgedessen sich der Angeklagte entfernte. Später forderte der Zeuge vom Beschuldigten in der nahe gelegenen Aral-Tankstelle eine Entschuldigung. Daraufhin ergriff dieser einen Stuhl, um den Zeugen damit zu schlagen.

Augenzeuge greift ein: Beschuldigter schlägt zu

Beim ersten Sachverhalt hatte der Angeklagte am Maifeiertag 2019 am Jugendzentrum Coje nach dem Konsum etlicher Alkoholika Annäherungsversuche bei einer 14-jährigen Bekannten unternommen, die diese jedoch zurückwies. Nicht entmutigt, schlug der Angeschuldigte ihr derart aufs Gesäß, dass sie ein Hämatom davontrug. Außerdem griff er ihr an die Brust. Als die Jugendliche ihn zurückstieß, drohte der Täter ihr mit schlimmen Folgen, sollte sie zur Polizei gehen. Einer weiteren 14-jährigen Bekannten näherte er sich danach auch von hinten, rieb seinen Genitalbereich an ihrem Po und fasste ihr ebenfalls über die Kleidung an die Brust. "Beide Mädchen empfanden die Berührungen des Angeschuldigten als unangenehm, was dieser jedenfalls billigend in Kauf nahm", hieß es in der Anklageschrift.

Auf die Aufforderung von Richterin Susanne Steiger, sich zu den Vorwürfen zu äußern, vermochte der Beschuldigte das nicht. Sein Mandant habe "schwerwiegende Erinnerungslücken", sagte Verteidiger Christian Müller, er habe die Taten verdrängt und versucht, sie zu verarbeiten. Auf Nachfragen der Richterin berichtete der 21-Jährige dann, damals "eine schwere Zeit durchgemacht" zu haben: "Ich habe auch viel getrunken und konnte nicht entscheiden, was richtig und was falsch ist", erklärte der Coburger. Dass er infolge der ersten Taten zusammengeschlagen wurde, daran konnte er sich erinnern. Unter einem Vorwand hatte ihn ein weiteres Mitglied der Clique zum Skaterpark gelockt, um ihn mit Fäusten, Eisenstangen und brennenden Zigaretten zu traktieren. Nach einem Schlag ins Gesicht sei er zu Boden gegangen. "Seitdem weiß ich nichts mehr."

Auch beim zweiten Vorfall stand der Beschuldigte unter Alkoholeinfluss. Bier, Pfefferminzlikör, Whisky: "Da war ich eigentlich schon gut dabei", berichtete er. Auch einen Joint geraucht zu haben, gab er zu. Die 13-Jährige habe die Situation ausgenutzt: "Sie hat sich mir an den Hals geschmissen." Auch sei sie es gewesen, die ihre Hose runtergelassen und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert habe. Und dann sei "eines zum anderen gekommen". Nicht er habe sie, sondern sie ihn festgehalten, versicherte der 21-Jährige auf Nachfrage: "Sie war wie ein Klammeraffe an meinem Hals." Ihr junges Alter sei ihm nicht bekannt gewesen, gab er ebenfalls zu Protokoll. Als der Zeuge hinzukam, habe er ihm gedroht, "worauf er mir einen einschenkte". Später, in der Tankstelle, habe er sich nicht anders zu helfen gewusst, als den Stuhl drohend über den Kopf gegen seinen Kontrahenten zu erheben. Bei beiden, dem Mädchen wie dem damaligen Kumpel, habe er sich später entschuldigt. Die Geschädigte habe ihm gegenüber versichert, die Anzeige gern zurückziehen zu wollen, "das ging aber nicht".

"Sie hat sich mir an den Hals geschmissen"

Mittlerweile verzichte er auf Alkohol und Drogen, beteuerte der Beschuldigte. "Ich habe das jetzt voll im Griff!" Seit einem letzten Alkoholabsturz im August fasse er nichts Hochprozentiges mehr an ("Ich finde das jetzt absolut eklig!") und trinke höchstens mal ein Bier oder Radler. Auch von Drogen halte er sich fern.

Während die Befragung des ersten und dritten belästigten Mädchens unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, beschrieb der heute 16-jährige Bedrohte öffentlich die Szenen am Skaterpark sowie in der Tankstelle. Dabei konnte er weder bestätigen, dass sich die damals 13-Jährige vom Beschuldigten bedroht fühlte, noch dass sie sich gewehrt habe oder festgehalten wurde. Als er dazu kam, hätten beide "eng beieinander" gestanden, sie habe sich bei seinem Anblick erschreckt. An Gespräche über das Alter konnte er sich ebenfalls nicht erinnern. Eventuelle Rufe der Geschädigten hätte er vermutlich gehört, gab er auf Nachfrage der Richterin zu. Staatsanwältin Katja Amendt wies daraufhin, dass die Aussagen der Zeugen und des Beschuldigten teilweise von den Äußerungen gegenüber der Polizei abwichen. Dort habe etwa sie angegeben, Angst vor dem Angeschuldigten gehabt zu haben.

Die schwierige Kindheit und Jugend des 21-Jährigen und die Brüche in seinem Lebenslauf umriss Ramona Müller vom Jugendamt Coburg. Auffällig bereits im Kindergarten, dazu aggressiv, wurde er bereits als Zehnjähriger stationär in der Jugendhilfe untergebracht. Nachdem deren Angebote letztlich ohne Erfolg ausgeschöpft wurden, kehrte er volljährig zu seiner Mutter zurück. Die Sonderschule hatte er ohne Abschluss verlassen und bisher keine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle gefunden. Wegen Sachbeschädigung und Diebstahls wurde er bereits aktenkundig. Trotz aller "Reife-Defizite", fehlender Eigeninitiative und Motivation zeige der junge Mann aber nun die Bereitschaft, zu seinen Fehlern zu stehen, einen Abschluss nachzuholen und selbstständiger zu werden. Eintrittskarte dazu könnte ein Vorstellungsgespräch am heutigen Mittwoch sein, berichtete sein Betreuer Christian Blut, auch gebe es Hoffnung, ihn in einer Wohngruppe unterzubringen. Die Veränderung, die der Angeschuldigte seit Frühjahr durchgemacht habe, sei spürbar, so Blut: "Er zeigt weniger Auffälligkeiten wie Konflikte und denkt darüber nach, wie er sein Leben gestalten will." Gleichzeitig lähmten ihn eine "Schwellenangst" und die Angst vor dem Gefängnis.

Urteil gefallen: Kein Gefängnis für den Angeklagten

Dieser Gang blieb dem Angeklagten dann auch erspart. Er wurde wegen schweren sexuellen Missbrauchs in Tateinheit mit schwerer versuchter Körperverletzung nach Jugendstrafrecht zu einem Jahr und drei Monate verurteilt. Eine Strafe, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wird. Außerdem muss er sich mindestens sechs Mal einer Suchtberatung unterziehen und 200 gemeinnützige Arbeitsstunden innerhalb eines Jahres ableisten. Staatsanwältin Amendt hatte das selbe Strafmaß gefordert, ebenfalls auf Bewährung, allerdings nach Erwachsenenstrafrecht. Auf Freispruch plädierte Rechtsanwalt Müller, der 21-Jährige sei "in die Situation mehr oder weniger reingezogen worden". Seiner Argumentation, der Beschuldigte habe zudem vom Alter der Geschädigten wohl nichts gewusst, konnte das Gericht nicht folgen.

Anders als die Anklage sah die Richterin aber wegen der günstigen Sozialprognose durchaus die Möglichkeit, dass der Beschuldigte sich weiterentwickeln könne. Auch wenn das Gericht die Tat wegen der alkoholbedingten Enthemmung und der Persönlichkeit des Angeklagten als "minderschweren Fall" wertete, warnte Richterin Steiger den Angeklagten: "Sexueller Missbrauch ist ein schweres Verbrechen!" Ihr weiterer Rat: "Unter-14-Jährige fassen Sie nicht an, egal, was für Signale da kommen!" Auch versuchte gefährliche Körperverletzung sei der falsche Weg. Vielmehr müsse der junge Coburger lernen, sich vorher Gedanken über die Reaktionen der anderen zu machen. Die Verteidigung verzichtete auf Rechtsmittel.