Braune Fließen, die Holzstühle abgewetzt. Über die Theke ist schon lange kein Frischgezapftes mehr gereicht worden. Der Gastraum mit dem verblichenen Charme der 1960er-Jahre wirkt nicht mehr gastlich, die Stammtischparolen sind lange verhallt im Gasthof Puchtler in Warmensteinach (Kreis Bayreuth). Dass daraus keine ultrarechten wurden, ist das Ergebnis eines langen Kampfes. Dass das Ensemble nun als Asylbewerberunterkunft hergerichtet wird, muss denen, die es einst für gänzlich andere Zwecke erwerben wollten, als schlechter Treppenwitz der Geschichte vorkommen.

Syrien, Ukraine, Eritrea - woher genau die Menschen kommen, die ab November ungewohntes Leben in das muffige Gebäude bringen, steht noch nicht genau fest. Und auch nicht, wie viele es werden. "Bis zu 50, das ist die Obergrenze", sagt Matthias Doner.
Der Geschäftsleiter der Gemeindeverwaltung hat für das Objekt, das in Teilen seit 2011 Eigentum der Kommune ist, bislang nur Kosten zu verrechnen: 351.000 Euro wurden nach einem Vergleich vor dem Landgericht Bayreuth für den Erwerb fällig, die jährlichen Aufwendungen für Unterhalt beliefen sich auf 15.000 Euro.

Wenn die ersten Flüchtlinge ankommen, dann bewegt sich was auf der Einnahmenseite. Das Landratsamt zahlt der Gemeinde 25 Euro pro Person und Tag. Der Landkreis selber erhält das Geld vom Freistaat. "Durchlaufender Posten" nennt es Ingrid Gleißner-Klein, die zuständige Sachgebietsleiterin derBayreuther Kreisbehörde. "Und in München wird auch entschieden, woher die Menschen kommen, die wir in Warmensteinach unterbringen." Die Kommune sei bestrebt, vor allem Familien auf dem weitläufigen Gelände in der Bachgasse anzusiedeln. "Das Grundstück ist ideal für Kinder", sagt Gleißner-Klein.

Bevor das Obdach für die von Not und Krieg Bedrohten bezugsfertig ist, müssen die Handwerker ran. Gestern dichtete eine Firma den Wasserschaden an der Küchendecke ab. Die Duschen und Toiletten werden erneuert, der Brandschutz ertüchtigt. Laut Matthias Doner lässt sich die Gemeinde das alles 30.000 Euro kosten.

Doch die Kommune bereitet den Neuankömmlingen nicht nur die Unterkunft: "Wir wollen darüber hinaus den Menschen die schnelle Integration im Ort so einfach und angenehm wie möglich machen." Eine eigens engagierte Halbtagskraft soll sich der alltäglichen Sorgen und Nöte der Bewohner annehmen, ein Hausmeister im Gebäude nach dem Rechten sehen.

Schulterschluss gegen die NPD

Dass niemand nach den Rechten sehen muss in Warmensteinach, ist eine lange Geschichte und nicht zuletzt der Erfolg eines Schulterschlusses von Kommune, Landratsamt und dem Bündnis "Buntes Warmensteinach", einer Initiative gegen Neonazis. Die machte mobil, als 2008 die Nachricht in die ländliche Idylle platze, die rechtsextreme NPD plane den Kauf des Gasthofs. Der Erbe der Immobilie, ein Gymnasiallehrer aus München, war sich angeblich handelseinig geworden mit Jürgen Rieger, damals stellvertretender NPD-Bundesvorsitzender. Der vorbestrafte Anwalt aus Hamburg stand den "Freien Kameradschaften" nahe, zu denen auch die NSU-Terrorzelle aus Zwickau gehörte. Er hatte mehrfach Gedenkmärsche für Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß in Wunsiedel organisiert.

Rieger versetzte in den Jahren vor seinem Tod 2009 ein halbes Dutzend Orte in Deutschland in höchste Alarmbereitschaft, als er durch angebliche Hauskäufe diverse Begegnungsstätten für Neonazis errichten wollte. Warmensteinach zählte dazu. Angeblich hatte Rieger 1,8 Millionen Euro für den Puchtlerhof geboten. Bereits im Jahr zuvor verkündete der Kameradschaftsbund Hochfranken, der Anwalt werde in Wunsiedel einen Gasthof erwerben. Ziel sei die "Schaffung eines Rudolf-Heß-Gedächtnis- und Dokumentationszentrums".

Nicht zuletzt der Verfassungsschutz stufte das Vorgehen des NPD-Funktionärs als Täuschungsmanöver ein: Kommunen sollten durch die fingierten Kaufabsichten dazu zu veranlasst werden, aufgrund des öffentlichen Drucks überhöhte Preise für schwer veräußerliche Immobilien zu bezahlen. Rieger könnte sich durch diese Masche persönlich bereichert haben.

In Warmensteinach, so ließ die NPD damals verlauten, sollte ein Musterdorf für deutsch-national gesinnte Familien entstehen - ganz dem Prinzip der arischen Rassenlehre verpflichtet. Das Geld für die Immobilien soll auch aus dem Nachlass des Bremer Altnazis Wilhelm Tietjen stammen, der Rieger als Verwalter einsetzte. Tietjen hatte sein Vermögen der "Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung" vermacht. Laut Testament sollte Rieger mit dem Geld - die Rede ist von einer Million Euro - eine "Spermienbank" gründen, die der Mehrung elitärer Erbanlagen diene.