• Bayreuth weist bayernweit einen der niedrigsten Inzidenzwerte auf
  • Corona-Zahlen fallen in der Region verhältnismäßig gering aus
  • RKI-Notfallberater erklärt die "Erfolgsstrategie der Kontaktnachverfolgung"
  • Corona-Experte nennt wichtigste Faktoren: Kapazitäten, Kommunikation und Regeltreue
  • Entdeckung und Unterbrechung von Infektionsketten wohl entscheidend 

Der Raum Bayreuth weist derzeit einen der niedrigsten 7-Tage-Inzidenzwerte in ganz Bayern auf. Die Stadt Bayreuth war zwischenzeitlich sogar die einzige Region im Freistaat mit einer Inzidenz unter 50. In drei Städten im Landkreis wurde die Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen aufgehoben. Während sich die Infektionen vielerorts auf sehr hohem Niveau bewegen, ist die Lage im Raum Bayreuth verhältnismäßig entspannt. Roland Hassel, ehemaliger Leiter der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt Bayreuth und aktueller Notfallberater beim Robert-Koch-Institut (RKI), erklärt, warum ihm zufolge die Corona-Zahlen in der Region vergleichsweise niedrig sind.

Corona-Zahlen relativ gering: Experte erklärt Bayreuther "Erfolgsstrategie"

In einem Fachaufsatz führt Hassel Gründe an, die seiner Meinung nach für das positive Resultat ausschlaggebend sind. "Ich glaube, dass dieser Erfolg zwei Hauptfaktoren hat", hält der Corona-Experte fest. Als ersten Punkt nennt Hassel die "Bevölkerung von Bayreuth, die großes Verständnis für die ergriffenen Maßnahmen zeigt." Erst dieser Umstand ermögliche den zweiten Faktor: "Gut organisierte und strukturierte Kontaktverfolgung."

Kampf gegen Corona: Die alles in allem erfolgreiche Corona-Strategie in Bayreuth fasst der ehemalige Leiter der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt als "CT Triple-C-Ansatz" zusammen. Der Fachbegriff setzt sich dabei aus folgenden englischen Schlagworten zusammen: 

  • Capacities (dt. Kapazitäten) : Räume, Ausstattung, Fachwissen, Personal und Schulung
  • Communication (dt. Kommunikation) : Führung, Strategie und Teamwork
  • Compliance (dt. Einhaltung) : ausführliche Erklärung der Maßnahmen, strikte Umsetzung der Quarantäneanordnungen und Bestrafung der Regelverstöße

RKI-Berater: "Bemühungen im Kampf gegen Covid-19

scheinen Früchte zu tragen"

"Es freut mich sehr zu sehen, dass unsere Bemühungen im Gesundheitsamt von Bayreuth im Kampf gegen Covid-19 Früchte zu tragen scheinen", hält Hassel fest. "Wir alle wissen, dass dies kein permanenter Status ist. Aber ich habe die Zahlen seit meiner Abreise aus Bayreuth beobachtet und es scheint mir, dass es offensichtlich ist, dass die Situation gut unter Kontrolle ist und in und um Bayreuth gute Arbeit geleistet wird."

Hassel fasst in seinem Aufsatz die Gründe zusammen, die seiner Meinung nach für den Erfolg entscheidend sind. "Ich glaube, dass die Kontaktverfolgung in Bayreuth ein Beispiel dafür sein kann, dass ein gutes Management, geeignete Strukturen und engagierte Teams die Kontaktverfolgung äußerst effektiv und lohnenswert machen können", so Hassel. "Ich bin stolz auf meine Teams, Kollegen und die geleistete Arbeit."

Seinen einstigen Mitstreitern in Bayreuth macht er zugleich klar, dass es noch keinen Anlass für Entwarnung gibt: "Macht weiter so, denn es ist noch nicht vorbei! Aber nehmt euch Zeit, um wertzuschätzen, was bereits erreicht wurde, um für die kommenden Monaten etwas Kraft zu tanken!"

Kontaktpersonen und Infektionsquelle von Bedeutung 

Im Laufe des Sommers sei es bei der Kontaktverfolgung in Bayreuth nicht nur um die Kontaktpersonen der positiven Fälle gegangen, sondern auch um die Ermittlung der Infektionsquelle. Das Rückverfolgen von Fällen und das Erkennen möglicher Cluster hatte Hassel zufolge frühzeitig eine hohe Priorität und führte zu einem fast dreimonatigen Zeitfenster, in dem hundert Prozent der Infektionsketten nachvollzogen werden konnten. Die positiven Fälle stammten demnach aus anderen Landkreisen oder aus dem Ausland. "Diese frühzeitige Eliminierung der lokalen Übertragung war nur mit einer strikten Umsetzung der RKI-Empfehlungen möglich", betont Hassel.

Aktueller Stand zum Coronavirus - Jetzt für Newsletter anmelden

Die strenge Anordnung von Quarantäne - immerhin volle 14 Tage - wurde aus Hassels Sicht zunächst als zu streng wahrgenommen und begründete einige Beschwerden der direkt betroffenen Bevölkerung. Gleiches habe für Testungen gegolten. Insbesondere, wenn die Kontaktsituationen nicht vollständig rekonstruiert werden konnten, etwa in Schulen oder auf Partys.

"Letztendlich führte es jedoch dazu, dass Infektionsketten gefunden wurden, die sonst übersehen worden wären", ist sich Hassel sicher. "Dass diese Infektionsketten doch entdeckt und unterbrochen wurden, hat wahrscheinlich zu den geringen Zahlen geführt, die wir heute sehen."

RKI-Notfallberater: Prioritäten haben sich strategisch schnell verschoben

Seine Kritik: Nach Ansicht des heutigen RKI-Notfallberater haben sich die Prioritäten der dynamischen Pandemie-Situation strategisch schließlich schnell verschoben. So hätten zum Beispiel Reiserückkehrer im Sommer eine hohe Priorität gehabt, weil sie eine entsprechend hohe Positivrate aufwiesen. Im Vergleich dazu seien die Kapazitäten, als es im Herbst erneut zu lokaler Übertragung kam, wieder auf lokales Kontaktgeschehen gelenkt worden.

Der Kern jeder Kontaktnachverfolgungsstrategie seien jedoch die sogenannten Contact Tracing Teams (CTT). Bei diesen handelt es sich laut dem Bayerischen Gesundheitsministerium um Kräfte, die vor Ort bei der Ermittlung und Nachverfolgung von Kontaktpersonen sowie bei der Überwachung der Quarantäne mitarbeiten.

"Der Aufbau von benötigten Kapazitäten bestand darin, frühzeitig neue Mitarbeiter einzustellen und eine intensive und lokal angepasste dreitägige interne Schulung durchzuführen", erklärt Hassel, der zwischen April und Oktober 2020 beim Bayreuther Gesundheitsamt für die Kontaktnachverfolgung verantwortlich war.

Corona-Fachmann lobt engagierte Mitarbeiter in Bayreuth

"Diese speziell hierfür eingestellten Contact Tracer sammelten Erfahrungen in der Kontaktnachverfolgung und den Arbeitsabläufen des Gesundheitsamtes", beschreibt der Corona-Fachmann den Ablauf im Raum Bayreuth. "Diese engagierten Mitarbeiter ermöglichten auch die Entstehung eines Mentorensystems, in dem die bereits erfahrenen Contact Tracer für Neuankömmlinge und Zeitarbeitskräfte verantwortlich waren." Auf diese Weise hätten sie als Multiplikatoren gedient, als die Infektionszahlen wieder angestiegen und mehr Kapazitäten benötigt worden seien.

Die Einteilung von Teams in Fünfergruppen mit jeweils einem Teamleiter (wie von der WHO empfohlen) sowie die Spezialisierung bestimmter Mitarbeiter auf verschiedene Bereiche (wie Schulen, Kinderbetreuung, Seniorenheime, Rückkehrer usw.) ermöglichten eine bessere Koordination und reduzierten die Belastung des Managements.

Das Knifflige dabei: Die Entwicklung geeigneter Schulungen, der Aufbau einer effektiven Struktur und die Koordination der Teams seien zeitaufwändige Aufgaben. Diese können nach Hassels Empfinden während einer Krise nur mit ausreichend verfügbarem Managementpersonal - vorzugsweise aus dem Krisenmanagement - durchgeführt werden.

"Ich bin stolz auf meine Teams, Kollegen und die geleistete Arbeit"

Der Berater am Robert-Koch-Institut hält aber zugleich mit Blick auf die tatkräftige Unterstützung von Helfern fest: "Trotzdem wären alle Schulungen, alle Strukturen und jegliche Strategien umsonst, wenn nicht engagierte Menschen, die lange und harte Stunden als Team zusammenarbeiten, um diese Pandemie zu bekämpfen."

Fazit: Während die Corona-Fallzahlen vielerorts wieder in die Höhe schnellen, ist die Lage im Raum Bayreuth vergleichsweise entspannt. Bayreuth hat aktuell einen der niedrigsten Inzidenzwerte in ganz Bayern. Laut Roland Hassel, ehemaliger Leiter der Kontaktnachverfolgung im Gesundheitsamt Bayreuth und aktueller Notfallberater beim Robert-Koch-Institut, sind vor allem drei Faktoren im Kampf gegen Corona entscheidend - nämlich Kapazitäten, Kommunikation und Regeltreue. Als wahrscheinliche Ursache für die recht niedrige Infektionszahl in der Region nennt der Covid-19-Experte die Entdeckung und Unterbrechung von Infektionsketten.