Gestern startete das neue Ausbildungsjahr. Dabei zeigte sich überall in Franken das gleiche Bild: Heuer fingen zum 1. September deutlich weniger junge Menschen ihre Lehre an als sonst - sowohl im Handwerk als auch in Industrie und Handel. Im Vergleich zum Vorjahr fällt der prozentuale Rückgang an Ausbildungsverträgen oftmals sogar zweistellig aus.

"So etwas hatten wir noch nie"

Ganz besonders heftig spürt man diesen Rückgang bei der IHK für Oberfranken in Bayreuth. Die Zahl der Ausbildungsverträge, die im Gebiet der Kammer bis Ende August abgeschlossen wurden, ist hier im Vergleich zum Vorjahr um 23,9 Prozent zurückgegangen. "So etwas hatten wir noch nie", sagt der dortige Pressesprecher Peter Belina. Das liegt aber nicht daran, dass es an Lehrstellen mangelt. Im Gegenteil. Aktuell meldet die Agentur für Arbeit für Oberfranken 2955 unbesetzte Ausbildungsstellen bei 881 unversorgten Bewerbern. Auf jeden unversorgten Bewerber kommen hier damit 3,4 unbesetzte Ausbildungsplätze (bundesweit sind es 1,6).

Corona ließ Bewerberverfahren stocken

Bei den IHKs Nürnberg für Mittelfranken und Würzburg-Schweinfurt sieht die Situation mit 14,4 und 15,1 Prozent Rückgang bei den Neuverträgen zwar ein bisschen besser aus. Doch auch hier sucht man nach Gründen. Die Bewerbungsprozesse seien ins Stocken geraten, erklärt Lukas Kagerbauer, Bereichsleiter Berufsbildung bei der mainfränkischen IHK. "Eine Berufsorientierung fand praktisch nicht statt, es konnten kaum Praktika angeboten werden, fast alle Ausbildungsmessen sind ausgefallen, Bewerbungsgespräche wurden erst gar nicht vereinbart", fasst Gabriele Hohenner, Hauptgeschäftsführerin der IHK in Bayreuth, die coronabedingte Situation in diesem Jahr zusammen. "Wir hinken quasi sechs Wochen hinterher", sagt Belina.

Bis Jahresende noch starten

Laut Friedrich Herdan, Präsident der IHK zu Coburg, die mit einem Rückgang von 12,6 Prozent bayernweit noch am besten dasteht, verschiebt sich heuer vieles nach hinten. "Wir rechnen bis weit in den Herbst hinein mit weiteren Vertragsabschlüssen", sagt Herdan. Grundsätzlich sei der Ausbildungsstart bis 31. Dezember noch möglich.

Hohenner sieht bei den Schulabgängern aktuell ein starke Verunsicherung. In vielen Hinterköpfen sei fälschlicherweise verankert, dass es coronabedingt keine Ausbildungsplätze gebe. Dabei würden in nahezu allen Berufsbereichen noch händeringend Azubis gesucht.

Weitere Gründe für den Rückgang der Vertragsabschlüsse sind laut Belina die demografische Entwicklung mit jährlich weniger Schulabgängern und die Neigung vieler Schulabgänger, lieber ein Studium zu beginnen. Das spüren seit Jahren auch die Handwerkskammern (HWK). Auch da gibt es heuer einen Rückgang, wenn auch nicht so stark wie bei den IHKs. Die HWK für Oberfranken meldet ein Minus von 12,8 Prozent, die HWK für Unterfranken sogar nur von 6,4 Prozent.